Schottland

Pickt sich Schottland die Rosinen aus dem Porridge?

von Brian Melican, britischer Autor und Übersetzer

Brian MelicanDas Jahr 2012 könnte in die britische Geschichte als Ende ebenjener britischen Geschichte eingehen. Angesichts der 2014 geplanten Volksabstimmung in Schottland über den Austritt aus dem Vereinigten Königreich werden die Olympischen Spiele und das Thronjubiläum von Königin Elisabeth II. womöglich wie Abschiedsfeiern anmuten, wie ein letzter gesamtbritischer Aufschrei, bevor der Schotte dem Engländer die Hand drückt und mit einer bittersüßen Träne im Auge allein weiterzieht.


Das Ergebnis des Referendums bleibt jedoch ungewiss. Das ist ein gefundenes Fressen sowohl für professionelle Kritiker als auch für politische Wichtigtuer.

Zwei Lager bestimmen das Spannungsfeld der öffentlichen Debatte. Auf der einen Seite stehen die eingefleischten schottischen Nationalisten, deren Stimmführer Alex Salmond, der Vorsitzende der Scottish National Party (SNP), seine Chance gewittert hat. Auf der anderen Seite glaubt eine gewiefte politische Klasse von Schotten an die Vorteile der britischen Union und will keinen Staub aufwirbeln.
In der gegenwärtigen Diskussion über die Unabhängigkeit Schottlands bleiben Englands verschiedene und eigenständige Ansichten zu dem Thema unerwähnt. Diese reichen von reflexartiger Angst vor einer politischen Aufspaltung der Britischen Inseln bis hin zur dreisten Arroganz wohlhabender Londoner, die fragen, warum nicht sie in einem Referendum darüber entscheiden können, ob sie weiterhin den Transfer ihrer Steuern nach Edinburgh befürworten.
Obwohl gerne das „schottische Volk“ in den Vordergrund gestellt wird, handelt es sich im Grunde um rein wirtschaftliche Aspekte. Den Schotten haftet der Ruf an, geschickt im Umgang mit Finanzen zu sein (http://www.wallstreetandtech.com/articles/18402776), und bei vielen Engländern, so auch bei mir, keimt allmählich der Verdacht auf, dass es sich hierbei nicht bloß um ein Klischee handelt.

Es ist zwangsläufig ein erniedrigendes Gefühl, wenn man beim fünften Versuch, der Stelle für Studentendarlehen vergeblich am Telefon seine neue Adresse mitzuteilen, erneut an einem starken Glasgower Akzent verzweifelt, während englische Studenten an schottischen Hochschulen weiterhin Gebühren zahlen, von denen selbst andere EU Bürger befreit sind.

Andererseits gab es in den Neunzigern, als die britische Stelle für Studentendarlehen (Student Loans Company) gegründet wurde, viele gute und zum Großteil noch heute gültige Gründe dafür, sie in Glasgow einzurichten: Trotz jahrelanger Investitionen und Initiativen zur Schaffung von Arbeitsplätzen zählen manche Viertel der Stadt nach wie vor zu den am meisten benachteiligten Gegenden Großbritanniens, die Lebenserwartung von Männern ist dort niedriger als in Albanien. Die Stadt musste ihre Schiffswerften schließen und erlebt einen Rückgang ihrer Industrie. Daher sind die Schotten nicht ganz zu Unrecht der Meinung, neue Investitionen sollten vorrangig nach Glasgow fließen. Außerdem wird dadurch die Staatskasse geschont, da Mieten und Gehälter in Schottland niedriger sind als in London.

Tatsächlich erfolgte unter der New-Labour-Regierung eine Umverteilung verschiedenster Investitionen zugunsten von Regionen, die sie dringender benötigten als der Südosten Großbritanniens. Sie flossen jedoch nicht nur nach Schottland. Die Abteilungen von einigen Ministerien zogen in schwächere Gebiete wie Nottinghamshire und Merseyside. Auch die BBC konnte davon überzeugt werden, ihre Standorte ausgeglichener zu verteilen, wovon besonders Manchester profitieren wird. Die Labour-Regierung brachte Schottland jedoch mehr Vorteile als nur ein paar großzügige Strukturinvestitionen. Im Zuge der auf Englisch „Devolution“ genannten Regionalisierung versah London Schottland mit einer Regionalregierung, die unabhängig vom britischen Parlament denken und handeln darf.

1997 konnte man größtenteils nachvollziehen, warum den Schotten ein eigenes Parlament zuerkannt wurde (und den Walisern ihre Nationalversammlung). Es ist wenig einzuwenden gegen eine neue Regierungsebene, die sich ausschließlich den Interessen eines Landesteils widmet, der 500 Kilometer weiter südlich zu oft in Vergessenheit gerät. In der Tat spricht viel dafür, Großbritanniens Politik differenzierter zu gestalten und dem traditionell eher linksgerichteten Schottland eine Stimme zu verleihen. Ferner zeigen die Beispiele anderer Staaten, was starke Regionalregierungen alles erreichen können: 50 Jahre deutscher Föderalismus haben ausgereicht, damit sich Bayern vom ländlichen Armenhaus zu einem der reichsten Bundesländer mausert. Das wäre ohne den bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, nach dem auch der Münchner Flughafen benannt wurde, kaum vorstellbar gewesen.

Allerdings ist Schottland nicht Bayern und, was vielleicht noch wichtiger ist, Großbritannien ist nicht wie Deutschland. Während es in Deutschland allerorts drei Regierungsebenen gibt – Kommunen, Länder und Bund – hat ein beträchtlicher Teil des Vereinigten Königreichs, genauer gesagt England, lediglich zwei. Und auch wenn es bisher keine politische Partei in Großbritannien anzusprechen wagte, fragen sich doch viele Engländer aus meinem Bekanntenkreis, warum Schottland mit seinen drei Vertretungsebenen immer noch nicht zufrieden ist, zumal einige englische Regionen unter einer ebenso schweren wirtschaftlichen Not leiden.

Hier haben sich meiner Meinung nach die Schotten in Sachen Regionalisierung verkalkuliert (und da seinerzeit mehrere führende Mitlieder von Tony Blairs Kabinett Schotten waren, kann dieser Vorwurf an niemand anderen gehen). Außerdem wurde dem schottischen Parlament zugestanden, Gesetze zu verabschieden, ohne für die finanziellen Folgen aufkommen zu müssen. Die Behauptung der SNP, schottisches Öl beschere Großbritannien mehr Einnahmen, als Staatsausgaben nach Schottland fließen, bleibt umstritten. Außer Zweifel steht jedoch, dass die Schotten im Gegensatz zu den Engländern keine Rezeptgebühren an die Nationale Krankenkasse zahlen.

In einer perfekten Welt wäre die Abschaffung der Rezeptgebühren in Schottland und auch in den anderen regionalisierten Landesteilen Wales und Nordirland durchaus ein fortschrittliches Beispiel für erfolgreiche politische Diversifizierung, dem England mit seiner starken Laissez-faire-Tradition folgen müsste. Das einzige Problem besteht darin, dass England keine Regierungsebene hat, die überhaupt den Antrag auf Abschaffung von Rezeptgebühren stellen könnte.

Im Endeffekt tragen somit die Engländer einen immer größeren Teil der gewaltigen britischen Staatsschuldenlast, ohne im gleichen Maße politisch vertreten zu sein wie andere Landesteile. Zwischen 1997 und 2007, als diese Schulden als geschenktes Geld betrachtet wurden, war das noch hinnehmbar, doch nun, da ein Sparkurs eingelegt wird, muss sich Schottland in Acht nehmen.

Meiner Lesart der Situation zufolge wollen Salmond und die SNP gar keine völlige Unabhängigkeit. Vielmehr wollen sie das Beste für Schottland, und das bedeutet wahrscheinlich großzügige innerschottische Politik ohne den Zwang, entsprechend umfangreiche Steuern zu erheben. Die Nationalisten setzen darauf, dass London das Armdrücken verliert und einer losen Union zustimmt, deren tragende Säulen die Königin, die BBC und vor allem das Pfund Sterling wären. Das würde in etwa der deutsch-griechischen Konstellation in der Eurozone bis 2010 entsprechen, ohne die zusätzlichen Erschwernisse durch die Brüsseler Bürokratie.

Salmond pokert jedoch aus meiner Sicht hoch. Derzeit drücken die Politiker in England freundlicherweise ein Auge zu. Die Anhäufung immer weiterer struktureller Privilegien in Schottland könnte den widerwärtigen englischen Nationalisten der neuen Art im Stil von EDL (English Defence League) eine Angriffsfläche zu bieten. Dafür müssten sich diese allerdings entscheiden, ein politisches Programm zu erarbeiten, anstatt sich Straßenkämpfe zu liefern. Ähnlich der französischen Front National, die aus ihrer antieuropäischen Haltung Kapital schlägt, könnte auch eine neue englische Nationalistenpartei Anhänger gewinnen, indem sie sich gegen eine veränderte britische Union wendet.

Ich persönlich akzeptiere gern, dass sich Schottland weiterhin die Rosinen aus dem Porridge pickt. Wir haben es hier schließlich mit weniger als einem Zwölftel der britischen Bevölkerung zu tun – wozu die ganze Aufregung! Wer wünscht sich schon eine Diskussion über die Aufteilung des Nordseeöls oder über einen neuen Standort für die Atomsprengköpfe? Ich hoffe bloß, dass auch die anderen Engländer damit zufrieden sind und bleiben. Im Jahr 2012 sind die 52 Millionen Engländer immer noch glücklicher darüber, britisch zu sein, als die Schotten. Vor allem angesichts der aktuellen Wirtschaftslage frage ich mich nur, ob das auch nach 2014 noch der Fall sein wird.
Brian Melican wuchs in London auf und studierte am Merton College in Oxford Romanistik und Germanistik. Er lebt seit 2008 in Deutschland und ist als freiberuflicher Übersetzer, Autor und Videoproduzent tätig.

Catégories : Uncategorized

Comments