Rotfront, das letzte deutsche Dorf in Zentralasien

Eine Multimediareportage von Marie-Alix Détrie & Antonin Lechat

Das Projekt wurde im Rahmen eines Förderprogramms für junge, freie Journalisten realisiert

Rotfront, das letzte deutsche Dorf in Zentralasien

Eine Multimediareportage von Marie-Alix Détrie & Antonin Lechat

Das Projekt wurde im Rahmen eines Förderprogramms für junge, freie Journalisten realisiert

Im Norden des kleinen zentralasiatischen Landes Kirgisistan leben bis heute rund einhundert Deutsche in dem Dorf, das ihre Vorfahren vor fast einem Jahrhundert gegründet haben. Trotz enger Kontakte zu den Kirgisen haben sie sich ihre Kultur und Sprache bewahrt und geben sie von Generation zu Generation weiter. Die meisten Aussiedler in Zentralasien sind nach dem Sturz der Sowjetunion nach Deutschland zurückgekehrt. Rotfront ist heute das letzte deutsche Dorf in Zentralasien.

Kapitel 1

„Nichts ist schöner als die Heimat“

Ein LKW fährt an der verrosteten blauen Ortstafel von Rotfront vorüber. Vor den kleinen Häusern mit den roten Ziegeldächern spielen Kinder Fußball. Zwischen den schwarzhaarigen, dunkelhäutigen Jungs: ein Blondschopf. Er schnappt sich den Ball, schießt, erzielt ein Tor und jubelt: „Jaaaa!“ Rotfront, bekannt als letztes deutsches Dorf in Zentralasien, wurde 1927 unter dem Namen „Bergtal“ von 25 deutschen Familien gegründet, damals keine Seltenheit in Kirgisistan. „Im 20. Jahrhundert gab es eine Menge deutscher Siedlungen im Land. Einige große Städte wie Tokmov oder Kant waren zu 45 Prozent deutsch. Heute ist Rotfront das einzige Dorf in ganz Zentralasien, in dem sich die Deutschen zusammengefunden haben“, erklärt uns Valerii Dill, ehemaliger Berater des kirgisischen Ministerpräsidenten und Vertreter der deutschen Gemeinschaft in Kirgisistan. Noch 2009, als sich der heute 63-jährige Deutschlehrer Wilhelm Lategahn in Rotfront niedergelassen hat, „wurde auf der Straße durchweg Deutsch gesprochen“. Heute sind von 800 Einwohnern nur mehr einhundert Deutsche.

Die Deutschen, die hier wohnen, sind Mennoniten und ab dem 16. Jahrhundert aus Deutschland ausgewandert. Sie gehören zur evangelischen Freikirche, die aus den Täuferbewegung der Reformationszeit hervorgegangen ist. In Rotfront steht das Leben bis heute im Zeichen der Religion – bibeltreu und kirchenfern. Ein schlichtes, nur durch einen einfachen Schriftzug ausgewiesenes Gebäude dient ihnen als Gebetshaus. Durch die federleichten Spitzenvorhänge dringt Licht ins Innere. Kinder und Frauen sitzen in den Bänken links, das Haar bedeckt mit einem Kopftuch. Die Männer sitzen rechts. Einige tragen Anzüge, andere Jogginghosen und Pullover. Der Altar ist ein einfaches Pult mit zwei Mikrofonen. Die Prediger sprechen abwechselnd. „Betet für uns“, steht vorne auf Deutsch. Gut sechzig Gläubige sind gekommen. Fünfzehn davon sind Kirgisen,  die anderen sind an blondem Haar und heller Haut als deutschstämmig zu erkennen. Die Liturgie ist ebenso wenig festgeschrieben wie die Zahl und Reihenfolge der Wortmeldungen, nicht einmal die Gebete sind im Voraus festgelegt. Man versammelt sich einfach, am Mittwochabend, am Sonntagmorgen und am Sonntagabend. Jedes Mal ergreift ein Prediger das Wort, auf Russisch – neben dem Kirgisischen die Amtssprache des Landes – und erzählt etwas, was ihn bewegt hat. Anschließend wird gesungen, dann tritt ein neuer Prediger auf. Die Zuhörer, die sich vom Gesagten berührt fühlen, melden sich spontan zu Wort. Manchmal fließen Tränen, wie bei der Frau, die auf die Worte eines Deutschen reagiert, der in Rotfront Verwandte besucht. „Gott ist bei uns. Es ist einfacher, wenn man in schwierigen Zeiten nicht allein ist“, erwidert er tröstend.

 

Die blaue Tür zu Wilhelms Garten steht offen, wie immer. Wilhelm ist in Rente. Er frühstückt hinter dem Haus, an seinem kleinen Gartentisch, mit Blick auf die Berge. Er deckt den Honigtopf ab, sonst kommen zu viele Bienen. Er hat in Deutschland gelebt, seine Familie lebt immer noch dort, er hat sich mit 54 hier in Rotfront niedergelassen. Auf einer Radtour mit einem Freund quer durch Russland und Zentralasien hat er das Dorf entdeckt und war sofort verzaubert. Er hatte sich schon immer für die in Russland lebenden Wolgadeutschen interessiert, die im 18. Jahrhundert ins damalige Kaiserreich ausgewandert waren, um das Land zu besiedeln, das ihnen die Zarin Katharina die Große versprochen hatte. Die Mennoniten entdeckte er aber erst hier. In seinem Privatmuseum über die Deutschen in Kirgisistan nehmen sie einen besonderen Platz ein. Wilhelm selbst ist Protestant, aber manchmal wohnt er der Mennoniten-Messe bei. “Als Großstadtbewohner in Deutschland“, sagt er, „verliert man nach und nach die religiösen Sitten und Gebräuche. Die Mennoniten hier haben sich eine Lebensweise bewahrt, die den urchristlichen Gemeinden und der Bibel noch sehr nahe steht. Es gibt keinen bezahlten Pfarrer, keine Liturgie, keine großen, prächtigen Kirchen. Ich fühle mich persönlich der protestantischen Kirche näher, aber ich achte die Mennoniten sehr.“

Rotfront liegt zu Füßen der „Himmlischen Berge“ (Tian-Shian). Diese Hochgebirgskette durchzieht Zentralasien über 2.500 Kilometer. Sie geht von der autonomen chinesischen Uiguren-Region Xinjiang aus, folgt der kasachisch-kirgisischen Grenze und macht Kirgisistan mit seinen sechs Millionen Einwohnern zu einem fast gänzlich gebirgigen Land. (© Antonin Lechat)

„Die Mennoniten haben sich eine Lebensweise bewahrt, die den urchristlichen Gemeinden und der Bibel noch sehr nahe steht. Es gibt keinen bezahlten Pfarrer, keine Liturgie, keine großen, prächtigen Kirchen."

Wilhelm, Deutschlehrer in Rente

Das Dorf Bergtal wurde durch deutsche Mennoniten 1927 gegründet. 1931 haben die Sowjets es in Rotfront umgetauft. Das Ortsschild ist in kyrillischer Schrift, Russisch ist bis heute zweite Amtssprache in der ehemaligen Sowjet-Teilrepublik Kirgisien. (© Antonin Lechat)

Die Mennoniten wanderten ab dem 16. Jahrhundert auf der Flucht vor Verfolgung und Wehrdienstpflicht zunächst ins damals polnische Westpreußen aus, dann weiter ins Russische Kaiserreich und nach Zentralasien. Ihre Gebräuche und die deutsche Sprache haben sie aber nie aufgegeben. „Da ging es bei uns sehr streng zu“, erinnert sich die 68-jährige Martha mit typisch rollendem „R“. „Ja“, ergänzt ihr Mann Jakob, 66 Jahre alt, „die Regel war: Draußen könnt ihr Russisch reden, aber im Haus wird Deutsch gesprochen. Aber das war nicht Hochdeutsch, sondern unser Plautdietsch, das sonst keiner versteht.“ Das „Mennonitendeutsch“, wie es auch genannt wird, bleibt die natürliche Umgangssprache, nicht nur in Rotfront, sondern auch in den mennonitischen Gemeinden anderswo in Europa, in den USA, in Kanada und Afrika. Hochdeutsch lernen die Kinder erst in der Schule.

Martha stammt aus Grünfeld, ein paar Kilometer von Rotfront entfernt, Jakob aus einer Mennonitenfamilie im kasachischen Karangada. Er lernt Martha in ihrem Dorf kennen, in seiner Zeit bei der Trudarmee, dem russischen Arbeitsdienst, zu dem Deutschrussen und andere Minderheiten in der Sowjetunion zwangseingezogen wurden. Die beiden heiraten, leben einige Jahre in Grünfeld. In den 90er Jahren, nach dem Sturz der Sowjetunion, tauschen Martha und Jakob wie die meisten Aussiedler ihren kirgisischen Pass gegen einen deutschen ein und lassen sich im hessischen Breitscheid nieder. Nach dem Rentenantritt, vor drei Jahren, nehmen sie mit den Freunden von früher wieder Kontakt auf und beschließen, für sechs Monate im Jahr nach Kirgisistan zurückzukehren. „In meinem Geburtsdorf gibt es keinen einzigen Deutschen mehr“, erzählt Martha, „deswegen sind wir ein paar Kilometer weiter in Rotfront gelandet. Wir wollten uns der Mennonitengemeinde annähern und sie unterstützen – sie haben ja immer weniger Prediger.“ So leben sie jetzt also sechs Monate in einem Haus in Rotfront, das ihnen ein Nachbar zur Verfügung stellt. Den Rest des Jahres verbringen sie bei der Familie in Deutschland.

Die Mennoniten werden erst als Erwachsene getauft – wenn sie selbst und bewusst entscheiden können. Ihr Leben in Rotfront ist von der Landwirtschaft und der Nähe zur Natur geprägt. Die Kinder kümmern sich von klein auf um die Tiere, helfen im Gemüse- und Obstgarten und bei der Käseherstellung mit. Diese Lebensweise  beäugen viele Menschen mit Neugier – und mit Skepsis. Nicht selten werden die Mennoniten respektlos „die Amischen von Kirgisistan“ genannt. Deshalb will Henrik, von der Gemeinschaft zum Sprecher gewählt, lieber Versammlungen organisieren statt Interviews geben. Dort soll über wichtige Entscheidungen debattiert werden. „Man zeigt schon zu oft mit dem Finger auf uns“, sagt er, „was hätten wir davon, mit den Medien zu reden?“

Tatsächlich werden die Mennoniten oft als Ewiggestrige beschrieben, die einen aussterbenden Dialekt sprechen und ohne Strom, Telefon und Internet im gesellschaftlichen Abseits leben. Darüber kann der 16-jährige Alex nur lachen: „Wir sind zwar hier auf dem Land, aber wir haben 3G, nur 4G noch nicht. Jaja, wir schauen auch Fernsehen, wie ihr, bloß nicht jeden Schrott.“ Schrott heißt: Gewalt und außerehelicher Sex – beides in Filmen und Serien häufig zu sehen und für Mennoniten verboten. „Dreimal die Woche zur Messe? Ich gehe hin, wann immer mir die Schule Zeit dazu lässt, aber gezwungen wird dazu keiner.“ Alex hofft, in Rotfront bleiben zu können, wenn er seine Schweißerlehre abgeschlossen hat. Mit einem Blick auf sein Haus und einem stillen Lächeln fügt er hinzu: „Nichts ist wichtiger, als wo man herkommt.“ 

Auch Anna, an ihrer Haustür, ist misstrauisch. Sie ist um die dreißig Jahre alt, verheiratet und Mutter. Sie gehört zum Chor, der die Messen mitgestaltet. „Meine Mutter hat einmal mit den Journalisten geredet“, erzählt sie. „Die haben alles verkürzt wiedergegeben und uns dargestellt wie Hinterwäldler, die auf dem Mond leben.“ Auch sie will nicht weg aus Rotfront: „Wir leben hier gar nicht so schlecht. Und wo gehören wir denn letztlich hin? Da, wo wir geboren sind, oder nach Deutschland, wo mehr Menschen unsere Sprache und Kultur teilen?“ Die Antwort kommt nach kurzem Nachdenken: „Vielleicht gehört man einfach da hin, wo man sich auch daheim fühlt.“

„Wir leben hier gar nicht so schlecht. Und wo gehören wir denn letztlich hin? Da, wo wir geboren sind, oder nach Deutschland, wo mehr Menschen unsere Sprache und Kultur teilen? Vielleicht gehört man einfach da hin, wo man sich auch daheim fühlt.“

Anna

Kapitel 2

Exil auf einem anderen Kontinent

40.000 Mennoniten leben heute in Deutschland in etwa 200 Gemeinden. Weltweit sind sie nach Angaben ihres Dachverbands, der „Mennonitischen Weltkonferenz“, fast 2,1 Millionen. Die größten Gemeinden befinden sich im Kongo, in Äthiopien, den USA, in Kanada und Lateinamerika. Die Bewegung geht auf einen Zeitgenossen von Martin Luther zurück: Menno Simmons. Wie Luther beruft er sich auf seine Bibellektüre – legt die Bibel aber noch radikaler aus. Weil er dort keinen Hinweis auf das Gebot findet, bereits Kinder taufen zu lassen, entscheidet er sich ein zweites Mal zur Taufe, in freier, bewusster Wahl. Das erhebt er zum Prinzip. Von der Kirche als Ketzer verfolgt, begibt er sich mit seinen Anhängern auf Wanderschaft, die Ostseeküste entlang. Die Reise wird 400 Jahre lang dauern und sie dabei bis nach Kirgisistan führen.

Doch auch in Kirgisistan und Russland können die Mennoniten nur vorübergehend in Frieden leben. Stalin schafft die Religionsfreiheit ab. In Bergtal und den anderen Mennoniten-Dörfern werden die Gebetshäuser geschlossen. 1931 taufen die Sowjets Bergtal um. Das Dorf heißt nun „Rotfront.“

Martha kennt die Geschichte ihrer Familie bestens. Vom März 1938 in Grünfeld spricht sie bis heute nur mit zittriger Stimme: „Meine Mutter war damals sieben, es war an ihrem Geburtstag. Sie war gerade aus der Schule heimgekommen und hatte ein paar Münzen in der Hand, die sie bekommen hatte, für ein kleines Geschenk. Meine Großmutter hat ihr das Haar gestreichelt, mit Tränen in den Augen. Und dann ist der „Schwartzer Raber“ gekommen – so nannte man das Fahrzeug, das die Dissidenten abholte, die dann entweder erschossen oder in den Gulag geschickt wurden – und hat Großvater mitgenommen. Meine Großmutter war überzeugt, dass er wiederkommt, sie hat ihr ganzes Leben lang darauf gewartet. Aber er ist nie zurückgekommen.“ Erst Jahre später erfahren sie, dass er noch am Tag seiner Verhaftung erschossen worden war. Für Stalin sind die Deutschen Feinde, Rotfront und die anderen deutschen Dörfer in Kirgisistan leiden darunter. Der „Schwarze Rabe“ nimmt fast alle deutschen Männer über 15 mit. Sie werden erschossen, in den Gulag gesperrt oder zum Arbeitsdienst nach Zentralasien oder Sibirien geschickt.  

Das alles geschieht auch im Zuge der 1937 beginnenden Großen Säuberung von Stalin, die der Historiker Orlando Figes als „Politik des gezielten Massenmords“ beschreibt. In seinem Buch „Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland“ schildert er: „Stalin begnügt sich nicht mehr damit, seine realen oder eingebildeten‚ politischen Feinde bloß ins Gefängnis zu werfen. Er befiehlt seiner Geheimpolizei, sie aus den Zellen und Arbeitslagern zu holen und zu erschießen. Innerhalb von zwei Jahren, 1937/38, wurden laut unvollständigen amtlichen Aufzeichnungen mindestens 681.692 Menschen. Wahrscheinlich waren es wesentlich mehr, die wegen ‚Verbrechen gegen den Staat‘ hingerichtet wurden.“ In Rotfront und den übrigen deutschen Dörfern Kirgisistans bleiben die Frauen allein zurück und wissen nicht, wie sie ihre Kinder durchbringen sollen. „Die Kirgisen“, erklärt Lehrer Wilhelm, „haben ihnen damals geholfen. Sie haben deutsche Kinder in ihren Jurten aufgenommen, damit es die Mütter ein bisschen leichter hatten und auf dem Feld arbeiten konnten. Kirgisen und Deutsche haben seither immer ohne Probleme und in Freundschaft zusammen gelebt.“

Martha kommt eigentlich aus Grünfeld, einem anderen deutschen Dorf in Kirgisistan. Insgesamt leben heute noch etwa 10.000 Deutsche im gesamten Land.
Seit 1931 heißt das Dorf nicht mehr Bergtal, sondern Rotfront. Heute ziehen immer mehr Menschen von dort weg - aus wirtschaftlicher Not.

Nach dem Ende der Verfolgungswelle zieht Marthas Großmutter ihre fünf Kinder jahrelang allein groß. „Sie waren sehr arm. Großmutter musste Abgaben an den Staat leisten, in Form von Milch, Eiern und Fleisch. Sie selbst haben Wurzeln gegessen, Gras, alles, was sie fanden, um nicht zu verhungern. Sie hatten eine Kuh, ein Schwein und ein paar Hühner, aber sie konnten davon nicht leben. Sie mussten sogar die Kürbisse mit der Kuh teilen, weil die sonst keine Milch mehr gegeben hätte.“ Marthas Mann unterbricht sie: „Aber nicht nur den Deutschen ist es so gegangen. Auch die Kirgisen und die Russen haben so gelebt. Es war überall gleich, in der ganzen UDSSR.“

Die Kolchose, der genossenschaftlich organisierte Landwirtschaftsbetrieb des Staats, wird zum Hauptarbeitgeber der Dorfbewohner. Mit der Zeit erwirtschaften sie Überschüsse, die sie behalten dürfen. Die Lebensbedingungen verbessern sich allmählich. „Als ich 1950 geboren wurde“, sagt Martha, „hungerten wir zwar nicht mehr. Aber meine Mutter musste doch noch einen Rock opfern, um ein Tuch zu haben, in das sie mich einwickeln konnte.“ Danach geht es langsam bergauf. „In den 90er Jahren“, erinnert sich Jakob, „hatten wir hier alles, was wir brauchten. Es fehlte uns an nichts. Trotzdem ist nach und nach das ganze Dorf nach Deutschland gegangen. Wir waren unter den letzten Verbliebenen, aber wir haben an unsere Kinder gedacht und uns schließlich auch entschlossen zu gehen.“   

Nach der Öffnung der Grenzen dürfen die Sowjetbürger erstmals nach Jahrzehnten wieder frei reisen. Die meisten Deutschstämmigen gehen nach Deutschland zurück. Sie sehen in Europa bessere Lebenschancen. Martha erzählt, wie das damals war: „Mein Vater wollte hier nicht weg. Aber uns hat er gesagt: ‚Denkt an eure Kinder. Wollt ihr, dass sie Kirgisen heiraten?‘ Er hat perfekt Kirgisisch gesprochen, war mit vielen Kirgisen befreundet, aber er wollte seine Kultur behalten.“ So verlassen sie Rotfront schließlich schweren Herzens und machen sich auf in ihr Ursprungsland, das sie noch nie gesehen haben.

Die meisten Mennoniten verlassen ihre Dörfer in Kirgisistan zu dieser Zeit. Auch Wolgadeutsche und andere Russlanddeutsche strömen in Massen zurück in die Bundesrepublik. „In den 90er Jahren sind jährlich mehr als 10.000 Menschen weggezogen. Ende der 80er Jahre gab es 102.000 Deutschstämmige in Russland, heute sind es noch 10.000.“

In den 2010erJahren erlebt Rotfront eine neue Auswanderungswelle. Die Revolution in Kirgisistan und ethnisch motivierte Konflikte im Süden des Landes machen den Deutschen Angst. In Rotfront gibt es aber auch einen ganz konkreten Grund, wie Valerii Dill erklärt: „Die Genossenschaft, die die Bauern in den 90er Jahren gegründet hatten, ist 2010 pleite gegangen. Dadurch haben viele im Dorf ihre Arbeit verloren. In den zwei Jahren danach ist die Hälfte der Deutschen aus Rotfront weggezogen. Das entscheidende Argument für die Rückkehr nach Deutschland ist immer das wirtschaftliche. In Kirgisistan bekommst du 50 Euro Rente, davon kannst du nicht leben. Deswegen gehen die Menschen weg, für sich selbst und vor allem für ihre Kinder.“

Deutschland verfolgt zu diesem Zeitpunkt eine transparente Einbürgerungspolitik. Wer seine deutsche Abstammung nachweisen kann, hat Anspruch auf Staatsbürgerschaft. Mindestens ein Elternteil muss Deutscher sein. Das ist für die Deutschen von Rotfront einfach zu belegen, denn in der Sowjetunion wurde und wird die ethnische Abstammung im Reisepass verzeichnet. Auch mit der zweiten Bedingung, einem Sprachtest, tun sich die Deutschen von Rotfront leichter als diejenigen, die in der Stadt wohnen, weil sie ihre Kultur und ihre Sprache im Alltag noch praktizieren. Valerii Dill bedauert, dass so viele weggehen: „Wenn das so weitergeht, gibt es in zehn Jahren keine deutsche Gemeinde mehr. Weder in Rotfront noch sonst wo in Kirgisistan. Das ist traurig, aber nunmal der Lauf der Geschichte.“

„Wenn das so weitergeht, gibt es in zehn Jahren keine deutsche Gemeinde mehr. Weder in Rotfront noch sonst wo in Kirgisistan. Das ist traurig, aber nunmal der Lauf der Geschichte.“

Valerii Dill, Vertreter der deutschen Gemeinschaft in Kirgisistan

Kapitel 3

Ein Dorf mit vielen Gesichtern

Bei der Messe in Rotfront: Ganz hinten sitzen zwei kirgisische Mädchen, eine blaue Schleife im Haar. In der Mitte sitzt ihre Mutter. Die drei kommen aus dem Gebetshaus, biegen rechts ab, betreten ihr Haus. Alina und Dina sind Zwillinge, elf Jahre alt. Ihre Mutter, Gulmira, zieht sie allein groß. Sie leben in einem kleinen Haus, das ihnen die Mennoniten zur Verfügung stellen. Im Gegenzug kümmern sie sich um das Gebetshaus, sperren es morgens auf und abends zu und halten es sauber. „Wir sind 2007 nach Rotfront gekommen, auf den Rat einer Freundin hin“, erzählt Gulmira. „Ich wusste nicht einmal, dass es ein deutsches Dorf ist.“ Doch sie ist positiv überrascht. Als Gulmira ankommt, mit ihren Töchtern im Kinderwagen, erlebt sie eine Stimmung, die anders ist als in den Dörfern, in denen sie zuvor gelebt hat: „Die Leute haben uns auf der Straße gegrüßt, auch wenn sie uns gar nicht kannten, und gefragt, wie es uns geht. Sie haben mir sofort geholfen.“

Die Familie gehört zu den fünf katholischen kirgisischen Familien in Rotfront. Die muslimischen Kirgisen schauen sie manchmal ein wenig schräg an, bei den Mennoniten werden sie herzlich empfangen. „Meine Nachbarn damals haben mir viel geholfen, sie haben jedes Mal auf die Kinder aufgepasst, wenn ich nicht konnte. Sie hatten selbst zehn Kinder, und haben Dina und Adina noch mit übernommen.“  2012 sind die Nachbarn nach Deutschland gegangen, aber sie schicken sich noch immer regelmäßig Grußkarten.

Zeichnungen der Kinder schmücken die weißen Wände des Hauses. Im Wohnzimmer, wo sie uns Tee serviert, steht auch Gulmiras Nähmaschine. Auf dem Tisch stehen Tee, Brot und hausgemachte Himbeermarmelade. Neben der Tür stehen fünf weitere große Marmeladengläser auf dem Boden. Die Mädchen lernen in der Schule Deutsch. Alina träumt davon, in Deutschland zu studieren. Wo genau? „Warte, ich weiß schon!“, ruft ihre Schwester und läuft in ihr Zimmer. Sie kommt mit dem Deutschbuch zurück und zeigt auf den Nordosten der Karte: „In Berlin!“

Eine Straße weiter schlüpft ein Mädchen mit kastanienbraunem Haar aus einem Haus und läuft zum Spielen zu den deutschen Nachbarn. Es ist die Tochter von Yann, dem Franzosen von Rotfront. „Sie ist jetzt sechs, spricht Russisch, versteht Kirgisisch – die Sprache ihrer Mutter – spricht Französisch mit mir und Deutsch, wenn sie mit den Nachbarskindern spielt.“ Yann – Mütze auf dem Kopf, khakifarbener, fleckiger Pullover mit kaputtem Reißverschluss – hat sich 1999 mit 17 Jahren in Kirgisistan niedergelassen.  Zwei Jahre später kam er nach Rotfront. In seinen Augen hat dieses Dorf etwas Besonderes. Er zeigt auf die Häuser rings um sein Haus und erklärt: „Meine Nachbarn im Osten sind katholische, die im Westen muslimische Kirgisen. Gegenüber leben deutsche Mennoniten und nebenan orthodoxe Russen. In unserem Dorf gibt es wirklich alles. Französische Atheisten, Uiguren und Juden.“ Seit 2016 hat Rotfront auch eine Moschee. Laut ihrem Imam kommen nicht viele Gläubige, vier oder fünf am Tag. Vor kurzem haben kanadische Auswanderer eine pädagogische Farm aufgemacht. Sie beschäftigen dort junge Leute, die im Waisenhaus groß geworden sind. Der Lohn und zusätzliche Spenden aus Kanada helfen ihnen, ihre Ausbildung zu finanzieren. Auch die Qualität der Häuser zieht die Menschen nach Rotfront. Die Deutschen bauen solider als die Kirgisen.

Yann und seine Schwester Hélène sind zufällig auf Rotfront gestoßen. Sie haben einen Hof und Weideland für ihre Pferde gesucht, die sie an Trecking-Touristen vermieten. „Wir sind hier in der Nähe der Hauptstadt Bischkek“, sagt Yann, „und die Berge sind auch nicht weit. Wir haben nicht lang gezögert.“ Das Besondere an Rotfront sind in seinen Augen nicht nur die deutschen Mennoniten, sondern „das Miteinander mehrerer Kulturen. Es gab hier zum Beispiel eine deutsche Familie, die berühmt war für ihren Kumis, den kirgisischen Kefir aus Stutenmilch.“ Als sie 2013 nach Deutschland gezogen sind, haben sie ihre Stuten an Yann verkauft. Er hat sie bis heute. Am meisten schätzt er an seinen Nachbarn, dass sie so viel Respekt für andere Kulturen haben. Er selbst ist Atheist. „Die Mennoniten“, erzählt er, „haben mir drei Mal eine Bibel angeboten. Dann haben sie begriffen, dass mich das nicht interessiert, und sie haben mich nie wieder darauf angesprochen.“ Dennoch geht Yann zweimal im Jahr ins Gebetshaus, zum Erntedankfest zum Beispiel – einfach, um ein wenig Zeit mit den Deutschen zu verbringen.

 

Früher gab es genügend deutsch-mennonitische Dörfer, um einen gleichgesinnten Lebenspartner zu finden. Heute lautet die Wahl: Assimilation an das kirgisische Leben oder die Rückkehr nach Deutschland. Manche Deutsche in Rotfront heiraten Kirgisen. Insgesamt leben noch 10.000 Deutsche in Kirgisistan. Auf die Frage nach deren Muttersprache antwortet Valerii Dill, der von Wolgadeutschen abstammt, zögernd: „Eigentlich schon Deutsch, weil dort unsere Wurzeln liegen. Aber die meiste Zeit reden wir Russisch. Die meisten von uns sprechen besser Russisch als Deutsch. Ist also schwer zu sagen.“ Er bedauert, dass inzwischen so gut wie alle Aussiedler zurück in die Bundesrepublik gegangen sind. „Das hat eine gewisse Ironie“, sagt er, „in Zeiten der Diktatur und Verfolgung widerstehen und überleben Kulturen. In der Demokratie assimilieren sie sich.“

„Alles klar, wir haben die Sichel wiedergefunden“, ruft Martha ihrer Nachbarin über den Gartenzaun zu. „Wir können den Mais ernten.“ Jakob wirft ihr einen zärtlichen Blick zu und lacht: „Ja, so einfach reden wir hier noch miteinander. In Deutschland rufen sich die Leute an, wenn sie sich sehen wollen, und machen eine Zeit aus. Hier schneist du einfach so rein.“ Er sitzt auf einem Riesenkürbis und bündelt feine Maishalme, um einen Besen daraus zu binden. Er ist überzeugt, dass er zur letzten Generation der deutschen Mennoniten vor Ort gehört. „Die einzigen, die hierher zurückkommen, so wie wir, sind die Alten, weil ihnen das Leben hier fehlt. Aber die Kinder, die heute hier aufwachsen, müssen später wohl fort, um Arbeit zu finden.“ Nach einer Pause fügt er hinzu: „Wir sind einst aus politischen Gründen hierhergekommen und gehen heute aus politischen Gründen wieder fort. Aber als Gläubige erzählen wir uns gern, dass es Gott war, der uns vor 400 Jahren durch die halbe Welt hierhergeführt hat, und dass er es ist, der uns heute heimruft.“