Polen: Licht aus unter Tage

Von Marc Bertrand und Aliénor Carrière

Polen: Licht aus unter Tage

Von Marc Bertrand und Aliénor Carrière

Lesezeit: 30 min

Polen gewinnt fast 90 Prozent der Elektrizität aus Kohle. Damit sicherte das Land seine energiewirtschaftliche Unabhängigkeit.

Lange Zeit wagte keine Regierung, die alten Bergwerke aus der Ära des Kommunismus anzutasten – obwohl diese bereits seit 25 Jahren rote Zahlen schreiben.

Doch nun bricht der Bergbau in Polen endgültig zusammen. Massive Streiks begleiten den Untergang der staatlichen Bergwerke – die jahrhundertalte Tradition des Bergbaus verschwindet.

Erstes Kapitel

Männer im Berg

130 Jahre Bergbau, und dann ist plötzlich alles vorbei. Am Ende der langen Liste mit Bergwerken, die stillgelegt werden, steht Kazimierz-Juliusz. Auch diese Zeche wird wegen mangelnder Rentabilität geschlossen.

Alles beginnt im August 2014. Die Löhne lassen auf sich warten – das Bergwerk Kazimierz-Juliusz ist mit 100 Millionen Zlotys (25 Millionen Euro) im Minus – 20 Millionen Zlotys schuldet es seinen Angestellten.

Es ist Sommer, und auch unter Tage erhitzen sich die Gemüter: „Wir spürten, dass sich die finanzielle Lage der Zeche von Tag zu Tag verschlechterte“, berichtet Wlodzimierz, der dort seit 27 Jahren als Bergwerks-Elektriker arbeitet. Angesichts der drohenden Pleite weigern er und seine Kumpel sich schließlich, wieder über Tage zu gehen.

Bergmann Wlodzimierz kritisiert die maßlose Verschwendung in den Staatsunternehmen. Er wirft der Verwaltung vor, die Mittel der historischen Zeche nicht kompetent verwaltet zu haben.

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Eine viertägige Sitzblockade in den staubig-heißen Stollen – das muss man erst einmal wagen. Durch den Protest wird die Produktion blockiert. 832 Bergarbeiter beschließen, an diesem Tag unter Tage zu bleiben – trotz des Risikos, deswegen entlassen zu werden: „Wir hatten nichts zu verlieren, wir hätten unseren Job sowieso verloren.“ Obwohl sich die Lage unter Tage mit jedem Tag verschlechtert, reagiert die Verwaltung zunächst nicht.

Schließlich gibt es einen Kompromiss mit der staatlichen Aktiengesellschaft Katowicki Holding Węglowy (KHW), zu der auch Kazimierz-Juliusz gehört. Die Zeche wird geschlossen. Dafür bekommen die 815 Angestellten die Garantie, eine Stelle in einem anderen Bergwerk der Holding in der Region zu bekommen.

"Unsere Kleider waren feucht, einige von uns erlitten epileptische Anfälle. Am Ende haben alle auf dieser Bergmannjacke unterschrieben", erklärt der Chef der Gewerkschaft Sierpen80.
Interview mit Bergmann Wlodzimierz in Kazimierz-Juliusz.

Kazimierz-Juliusz ist kein Einzelfall

In Polen besitzen zwei staatliche Bergbaukonzerne, die KHW und die Kompania Weglowa, sämtliche Bergwerke des Landes. Im Januar 2015 blockieren massive Streiks die Kohleproduktion in ganz Schlesien. Die Angestellten haben aus den Medien erfahren, dass es in der Kompania Weglowa massive Umstrukturierungen geben soll. Das erklärte Ziel des größten Kohleproduzenten in der EU mit 60.00 Angestellten: Die Hälfte seiner 15 Zechen sollen in den nächsten fünf Jahren geschlossen werden.

"Nicht weinen, Papa!" - Das haushohe Graffiti in einem Arbeiterviertel von Katowice erregte große Aufmerksamkeit. Es zeigt die vergrößerte Zeichnung eines kleinen Mädchens, dessen Vater seine Stelle als Bergmann verloren hat.

Der Druck der Streiks zahlt sich aus. Im Februar 2015 rudert die Regierung, Hauptaktionär der Kompania Weglowa, zurück und willigt ein, vier der bedrohten Bergwerke doch nicht zu schließen. Im selben Jahr sind noch Wahlen, und niemand will die vier Millionen Stimmen der Schlesier riskieren…

Doch mit dem Status Quo ist auch niemandem geholfen. Die Regierung zögert, den mächtigen Industriezweig anzutasten, verliert aber gleichzeitig das Vertrauen der Bergleute. Und in der Zwischenzeit werden die Schulden der Bergwerke immer höher.

Zweites Kapitel

Wut der Enttäuschung

Die Bergmannssiedlung in Nikisowiecz wurde Anfang des letzten Jahrhunderts erbaut und liegt direkt neben der Zeche Wieczoreck.

88% der Elektrizität in Polen wird aus Kohle gewonnen. Die Politiker haben immer betont, wie wichtig die Kohle für die Sicherheit der polnischen Energieversorgung ist. Doch die Aussagen decken sich längst nicht mehr mit den Fakten, dem Niedergang des Kohlebergbaus.

In Oberschlesien fühlen sich die Menschen nicht so sehr als Polen – man ist vor allem schlesisch. In der Region, die nach dem Zweiten Weltkrieg Polen zugesprochen wurde, identifizieren sich die Bewohner eng mit der Zeche, deren Fördertürme die Landschaft prägen. Für das kommunistische Regime waren die Schlesier von großer Bedeutung: Der Kohlebergbau verhieß wertvolle Dollars – Kohle war für Polen das Exportgut schlechthin.

Die Bergleute genossen deshalb lange Zeit einen Sonderstatus: die höchsten Löhne landesweit, vorzeitiger Ruhestand oder spezielle Geschäfte mit Haushaltsgeräten, die für Normalsterbliche unerschwinglich waren. In ihren schwarzen, mit goldenen Hämmern verzierten Uniformen genossen die Bergmänner hohes Ansehen. „Mancher Sportler oder Prominenter erhielt sogar den Ehrentitel des Bergmannes, obwohl er kein einziges Mal unter Tage war“, erklärt Andrzej Chalupka mit bitterem Lächeln.

Der ehemalige Bergmann ging 1993 in den Ruhestand, als die Zeche Gottwald in der Stadtmitte von Katowice, geschlossen wurde. Heute ziert ein großes „S“ den alten Förderturm des Bergwerks, auf dessen Gelände mittlerweile eine Shoppingmall steht – das Symbol der Marktwirtschaft.

„Mancher Sportler oder Prominenter erhielt sogar den Ehrentitel des Bergmannes, obwohl er kein einziges Mal unter Tage war.“

Andrzej Chalupka, ehemaliger Bergmann

Erste Krise vor 25 Jahren

In den 1990er-Jahren gibt es ein grausames Erwachen für die Bergbauindustrie, die plötzlich rentabel wirtschaften soll. Die Regierung wirbt für die Übernahme durch private Unternehmen und zahlt astronomische Summen für Frühverrentungen, um die Zahl der Angestellten zu reduzieren. Von der halben Million polnischer Bergarbeiter am Ende des Kommunismus’ sind heute weniger als 100.000 übrig.

Die geschlossenen Minen (in rot), die in der Schließung sich befindenden Minen (in gelb), die staatlichen Minen (in grün) und die privaten Minen (in blau).

Die Bergarbeiter kämpfen verzweifelt um ihre Privilegien. Aus dem ehemaligen Kohleexportland wird plötzlich ein Importland: „Die Kohle aus der Tschechischen Republik ist qualitativ hochwertiger, und Russland verfügt über fantastische geologische Bedingungen, wodurch sie die Kohle viel billiger verkaufen können“, erklärt Jerzy Markowski, der von 1995 bis 1997 Wirtschafts- und Energieminister in Polen war.

Den Gnadenstoß versetzt ihnen schließlich die USA. Mit der Entdeckung von Schiefergas beginnen die Amerikaner, sich auf die neue Energiequelle zu konzentrieren und kehren der Kohle den Rücken. Die USA exportieren ihre Kohle-Überschüsse massenhaft in die ganze Welt. Das Resultat: Der Preis für das schwarze Gold stürzt in Europa ab. In Polen ist die Kompania Weglowa sogar gezwungen, mit Verlust zu verkaufen, um mit den amerikanischen Preisen mitzuhalten.

Zechen mit Personalüberschuss

Die polnische Kohle ist auch deshalb nicht mehr wettbewerbsfähig, weil die veralteten staatlichen Bergwerke extrem kostenintensive Ungetüme sind: „Die Lohnkosten betragen 60 Prozent der Gesamtkosten. Es dürfte aber nur halb so viel sein!“, bemängelt Jerzy Markowski. In den Zechen arbeiten sehr viele mit: zwischen drei- und sechstausend Angestellte pro Zeche. Doch das wahre Problem sei ein anderes, erklärt der ehemalige Minister: „In Australien wird die Kohle über Tage abgetragen. In Polen muss man dagegen immer tiefer graben, um überhaupt welche zu finden.

Die Zeche Wieczorek in Nikiszowiec wurde schon vor fast zweihundert Jahren erbaut. Sicherheitsingenieur Marek Braszczok bestätigt, dass man dort immer tiefer graben muss, um auf eine Ader zu stoßen. Also sind auch Wieczoreks Tage gezählt.

„Die Kohle aus der Tschechischen Republik ist qualitativ hochwertiger, und Russland verfügt über fantastische geologische Bedingungen, wodurch sie die Kohle viel billiger verkaufen können.“

Jerzy Markowski, ehemaliger Wirtschafts- und Energieminister Polens

„Die Lohnkosten betragen 60 Prozent der Gesamtkosten. Es dürfte aber nur halb so viel sein!“

Jerzy Markowski, ehemaliger Wirtschafts- und Energieminister Polens

Warum Wieczorek schließen wird

Für Marek Braczszok ist die Privatisierung der einzige Ausweg. Dieser Meinung ist auch der ehemalige Minister: „Den staatlichen Bergbau wird es in fünf oder sechs Jahren nicht mehr geben. Die Regierung weiß nicht, was sie unternehmen soll. Es fehlt an Mitteln, um die Produktion zu modernisieren. Aber bei uns liegen noch 200 Millionen Tonnen Kohle unter der Erde. Die einzige Lösung sind private Investoren.“

Für die Bergleute bedeutet die Übernahme durch private Unternehmen vor allem weitere Verluste von Arbeitsplätzen. „Die Bergwerke werden nicht aus der Region verschwinden, aber sie werden schrumpfen. Wir befinden uns in einem langwierigen und schmerzhaften Privatisierungsprozess“, diagnostiziert Agata Zygmunt, sie ist Soziologin der Universität Katowice. „Das Problem in Schlesien ist, dass die Bergwerke für viele Städte lange Zeit wie Mütter sorgten, und eine andere Industrie gibt es hier nicht. Wenn der Bergbau verschwindet, bleibt hier nichts übrig.“

„Den staatlichen Bergbau wird es in fünf oder sechs Jahren nicht mehr geben.“

Jerzy Markowski, ehemaliger Minister

Drittes Kapitel

Die Stollen der Armen

Die illegalen Bergarbeiter arbeiten nachts und verstauen die Kohle in Leinensäcken. Die Arbeit ist sehr riskant, und es kommt häufig zu Unfällen.

Hundert Kilometer nördlich von Katowice, in einem engen Tal nahe der tschechischen Grenze, liegt die Stadt Walbrzych. Hier wurden die Zechen schon in den Neunzigern stillgelegt. Die ehemaligen Bergarbeiter haben keine Arbeit mehr gefunden. Jetzt arbeiten sie wieder unter Tage – allerdings in illegalen Stollen.

In Walbrzych ist die Kohle überall. Oft liegen die Adern direkt unter der Erdoberfläche. Man muss nicht tief graben, bis man auf den schwarzen Fels stößt. Metallische Schläge dringen aus einer Grube unweit des Weges. Der 23-jährige Janrek, ausgestattet mit Handschuhen und Stützgürtel, hat seine „Schicht“ für heute beendet. Gemeinsam mit dem 51-jährigen Roman Janiszek befördert er die Kohle-Eimer an die Oberfläche und kippt sie in die Leinensäcke.

Es ist 18 Uhr – seine Ablösung kommt. Ein weißer Lieferwagen hält, und fünf Männer steigen aus. „Drei von ihnen kommen aus dem Gefängnis“, raunt Roman. Gestern war die Polizei hier, also sind sie auf der Hut. Wird man auf frischer Tat ertappt, muss man 5.000 Zlotys (1250€) Strafe für illegalen Kohleabbau bezahlen, und die Tagesausbeute wird auch beschlagnahmt. Bei wiederholtem Vergehen droht eine Gefängnisstrafe.

Jarek lädt die Ausbeute einer Nacht und eines Tages in den Kofferraum: vier bis fünfzig Kilo schwere Säcke. In einem richtigen Bergwerk hat er noch nie gearbeitet – Roman war dagegen bis zum bitteren Ende dort.

Neben Katowice war Walbrzych die zweite große Kohlestadt in Polen. Alle drei Steinkohlebergwerke Victoria, Walbrzych und Thorez der 110.000-Einwohner-Stadt wurden zwischen 1992 et 1998 geschlossen – sie haben den Übergang zur Marktwirtschaft nicht überlebt. Wenige Monate später tauchten die ersten bedaszyby, die sogenannten „Armenstollen“, auf.

Roman Janiszek, 54 Jahre alt, illegaler Minenarbeiter.

„Früher war Walbrzych eine sehr lebendige Stadt“ erklärt Roman bedauernd. „Die Zeche bezahlte für alles: Sportanlagen, Kultur, Schule“. Heute sind die Straßen leer; übrig geblieben sind nur noch die Häuser mit den kohlschwarzen Fassaden und das ‚Hotel Sudety'“, das den Namen des nahe liegenden Gebirges trägt. Das zehnstöckige Gebäude verströmt den einstigen Abglanz der Stadt. In dem Hotel mit höchstem sowjetischem Standard logierten Bergarbeiter aus anderen kommunistischen Ländern, die in Walbrzych Ferien machten. 1999 wurde es geschlossen.

Richard, 52 Jahre alt, ehemaliger illegaler Minenarbeiter.

Richard, 52 Jahre, ist ehemaliger Bergmann – er sortierte die Kohle über Tage. Von 2003 bis 2005 grub er in illegalen Stollen nach Kohle. „Diese Leute wollen nur ihr Brot verdienen“, erklärt Roman Janiszek. „Als die Bergwerke geschlossen wurden, hat die Stadtverwaltung von Walbrzych ein spezielles Gewerbegebiet eröffnet. Die Unternehmen müssen dort niedrigere Steuern bezahlen. Aber dort verdient man zwischen 1000 und 1500 Zlotys [zwischen 230 und 350 Euro] im Monat. Davon kann man hier nicht leben.“

Repressionen durch die Polizei

2014 identifizierte die Polizei 186 illegale Bergarbeiter und stellte zahlreiche illegale Stollen sicher. Etwa fünfzig Personen werden regelmäßig wegen illegalem Kohleabbau verhaftet. Laut Roman sind es deutlich mehr – etwa 3.000, „vor allem im Winter, wenn man Kohle zum Heizen braucht.“ Aber auch für den professionellen Schmuggel: Die Kohle wird über Zwischenhändler verkauft. So kann man „150 bis 200 Zlotys (40 bis 50 €) pro Tag verdienen“,  bestätigt ein anderer Arbeiter. Die Kohle wird auf dem Schwarzmarkt 40 Prozent günstiger als im Geschäft verkauft oder mit Lastwagen bis nach Breslau, der Hauptstadt Niederschlesiens, gebracht.

Nach mehreren, durch illegale Stollen unter den Straßen der Stadt verursachte Erdrutschen und tödlichen Unfällen hat die Stadtverwaltung 2012 eine Sondereinheit der Polizei gegründet, die sich speziell dem Kampf gegen den illegalen Abbau widmet.

Die Arbeitslosenquote in Walbrzych, in Breslau und gesamthaft in Polen.

Die Polizeikontrollen hindern die Menschen nicht daran, den riskanten und illegalen Abbau fortzusetzen. Binnen weniger Jahre hat sich das Gesicht der Region komplett verändert. „Es ist jetzt keine Bergarbeiterstadt mehr, sondern eine Stadt von Bergarbeitern im Ruhestand“, meint Roman Janiszek nachdenklich. „Hier ist die Situation ganz einfach: Ein Viertel der Bewohner arbeitete in der Zeche. Die restlichen drei Viertel waren ihre Frau und die beiden Kinder. Und allen ging es gut. Heute sind die Familien implodiert, und es gibt keine gut bezahlte Arbeit mehr. Warum sollten die Jungen noch hier bleiben?“

Viertes Kapitel

Keine Zukunft für junge Leute

Vom einfachen Bergmann bis zum Betriebswirt – alle wollten im Bergwerk arbeiten, weil dort ein gutes Einkommen und ein sicherer Arbeitsplatz winkten. Heute müssen die Jungen mitansehen, wie sich der Traumberuf ihrer Väter in Luft auflöst.

Bergmann von Generation zu Generation – so war das einmal hier. Neuerdings raten die Väter ihren Söhnen allerdings dringend davon ab, in ihre Fußstapfen zu treten. Trotzdem entscheiden sich viele Junge immer noch für den Kohlebergbau – weil sie auf das Geld angewiesen sind.

Der 27-jährige Michal Piotrowski hat drei Jahre lang für seinen Abschluss als Logistik-Ingenieur studiert. Den Beruf wollte er nie ausüben. „Meine Frau wurde schwanger und wir brauchten Geld. Mit einem Durchschnittsgehalt hätte ich nie die Miete für unsere Wohnung und die Lebenshaltungskosten für die Familie bezahlen können. Für die Jungen ist es sehr schwer, in Polen eine Stelle zu finden, die vernünftig bezahlt wird“, erklärt er. In der Zeche verdient ein junger Mann 3.000 Zlotys netto im Monat (750 Euro). „Das ist mehr als ich für jeden anderen Job bekommen würde. Und es ist ein stabiles Einkommen.“

„Für die Jungen ist es sehr schwer, in Polen eine Stelle zu finden, die vernünftig bezahlt wird.“

Michal Piotrowski, junger Minenarbeiter

Vor drei Jahren wurde Michal in der Zeche Makoszowy angestellt, die der polnischen Gesellschaft KHW angehört. Auch dort hat die Krise bereits ihre Spuren hinterlassen. Seine Zeche gehört zu den Bergwerken, die Anfang Sommer 2015 umstrukturiert werden sollen. „Nach den Wahlen wird man sie schließen“, da ist er sich ganz sicher. Als einer von 250 „geretteten“ Bergarbeitern von insgesamt 1.400 Angestellten hat er in einer nahe gelegenen Zeche eine vergleichbare Stelle bekommen.

„Am Anfang habe ich meine Arbeit geliebt, aber das ist jetzt nicht mehr so. Jeder weiß, dass der Sektor stirbt und man durchforstet ständig das Internet nach Informationen über Schließungen.“ Michal ist auch bei Twitter und schildert die aktuelle Lage der polnischen Bergwerke in seinem Blog „Junger Bergmann“. „In Polen gibt es kaum Informationen über den Beruf. Und wenn die Journalisten aus Warschau über die Bergleute schreiben, dann geht es immer nur darum, wie viel sie den Staat kosten. Darüber gibt es jede Menge Artikel!“

„In meinem Blog beschreibe ich den Alltag der Bergarbeiter, um ein Gegenbild zu den herrschenden Klischees über unseren Beruf zu zeichnen.“

Michal Piotrowski, junger Minenarbeiter

Michal, Minenarbeiter in Sosnica-Makoszowy

Seit zwei Jahren keine Stipendien mehr

In Katowice bildet die renommierte Schlesische Technische Universität auch weiterhin Bergbauingenieure aus. Der 24-jährige Rafal Baranowski macht gerade seinen Master in Bergbautechnologie. Der junge Mann hat bereits einen Vertrag mit der KHW abgeschlossen. 4.000 Zlotys (1000€) Anfangsgehalt, später bekommt er 6.000 (1500€).

Er ist einer von wenigen: 

Rafal wohnt noch bei seinen Eltern in der Nähe der Zeche Debiensko, am Stadtrand von Katowice. „Mein Vater hat dort bis zur Schließung der Zeche in den 2000er-Jahren gearbeitet. Dann bekam er drei Jahre ‚bezahlten Urlaub‘ bis zur Rente.“ Rafal kann sich nicht vorstellen, einen anderen Beruf auszuüben… es muss ja nicht unbedingt in seiner Gegend sein.

„Früher haben die Kompania Weglowa und KHW Stipendien an Studierende vergeben, damit sie bei ihnen arbeiten. Seit zwei Jahren gibt es das nicht mehr.“

Rafal Baranowski, angehender Bergbauingenieur

Das Ausland lockt

Adrian Wawrzynia, Studentenvertreter der Technischen Universität erklärt, viele seiner Kommilitonen träumten davon, in einem kanadischen, amerikanischen oder australischen Bergwerk zu arbeiten. „Das Problem ist, dass die jungen Leute hier keine Management-Positionen bekommen. Und die Manager denken wie vor 20 Jahren.“

Adrian Wawrzynia, Studentenvertreter an der Schlesischen Technischen Universität

Die Bergwerke in Schlesien sind die heißen Eisen der polnischen Wahlen. Kurz vor den Parlamentswahlen im Oktober 2015 wurde die Debatte über ihre Rettung erneut zum Leben erweckt. Konservative wie Liberale versprechen hochheilig, die staatlichen Bergwerke zu retten, um die energetische Sicherheit Polens zu garantieren. Doch für die jungen Bergleute hat niemand eine wirkliche Lösung: „Wir glauben den Politikern nicht mehr. Sie kennen die Probleme der Bergwerke, aber sie haben alles nur noch schlimmer gemacht“, schimpft Michal Piotrowski. „Wenn sie vor fünf Jahren nur zwei oder drei Bergwerke der Kompania Węglowa geschlossen hätten, wäre das für die anderen Zechen die Rettung gewesen. Sie tun einfach nichts, und irgendwann wird die Bombe explodieren.“

Impressum

„Die Minen der Welt“ (Mineurs du monde) ist ein von der Region Nord-Pas de Calais im Jahr 2010 eröffnetes Projekt. Es ist eine Wertschätzung gegenüber der Arbeit der Minenarbeiter und gleichzeitig eine Art Nachruf auf die Kohlenreviere Frankreichs, Europas und der Welt.

Das Projekt ist aus einer Partnerschaft mit der Journalisten-Hochschule und der politikwissenschaftlichen Fakultät von Lille entstanden. Im Rahmen von „Bourses Reporters“ wird den Studentinnen und Studenten jedes Jahr angeboten, eine Multimedia-Reportage in einem Kohlewerk der Welt zu realisieren.

ARTE Info ist Partner dieses Projekt und strahlt die Arbeiten der drei Gruppen aus dem Jahr 2015 aus.

© ARTE G.E.I.E 2018