Die Insel Olchon: Vom Gulag zum Tourismus

Die Insel Olchon: Vom Gulag zum Tourismus

Es ist unmöglich, sich auf der Insel Olchon aufzuhalten, der heiligen Stätte des sibirischen Schamanismus, ohne einem Schamanen über den Weg zu laufen. Dieser Hohepriester ist Seher und Therapeut in einer Person. Seine Beschwörungen sind in ganz Nord- und Zentralasien hochgeschätzt. Nach unseren Erkundigungen scheint der Schamane Valentin genau der Richtige zu sein. Sein „sechster Finger“ – ein Daumen mit Schwimmhaut – macht ihn zum anerkannten Deuter der Geisterwelt.

Auf seine Dienste müssen wir allerdings schnell verzichten. Hundert Dollar sollen sie kosten. Sonderlich überzeugend sind sie nicht. Eine echte Touristenfalle: ein bisschen Weihrauch, ein paar magische Gesänge, ein Schuss Wodka ins Feuer. Das echte Ritual dagegen verlangt nach einer ganz anderen Art von körperlicher Anstrengung. Vor allem muss der Schamane durch Rülpsen, Furzen und Verschlucken von Gegenständen zeigen, dass sein Körper für Geister durchlässig ist.

Früher haben sich die Erfahreneren „Messer durch Bauchnabel oder Hintern gestochen, sich gegenseitig niedergeschossen, ihr eigenes Blut getrunken und gar Kohle, Kieselsteine oder Nadeln geschluckt“, erklären die Forscher Charles Stépanoff und Thierry Zarcone (Le chamanisme de Sibérie et d’Asie centrale, 127 Seiten, Gallimard 2011 – nur auf Französisch).

Nach diesen Ausführungen verfliegt die Lust auf einen Initiationsritus schnell. Wir sind erleichtert, dass diese Zeremonie nicht mehr praktiziert wird. Sechzig Jahre dialektischer Materialismus haben den Trance-Ritualen den Garaus gemacht. Aber die Schamanen haben trotzdem weiter als Heiler gewirkt – heimlich, auch zu Sowjetzeiten. Seit dem Zusammenbruch der UdSSR vor zweiundzwanzig Jahren, können sie wieder offen auftreten – aber: Achtung vor Scharlatanen!

Um den Geist von Olchon – der größten Baikalinsel (730 Quadratkilometer) – besser in sich aufzunehmen gibt es nichts Besseres als eine Ballade über die Heide beim Schamanka-Felsen: ein mythischer Ort des burjatischen Schamanismus, mit seinem „Wunschbaum“. Er ist über und über behängt mit zahllosen bunten Stoffbändern. Am Ende dieses Maimonats ist die Bucht noch vereist. In der Nähe der Flusses nimmt man ein seltsames Geräusch war. Ein fiebriges Knistern, gerade so, als ob der Baikal verdampfte. Unter den ersten mächtigen Sonnenstrahlen schmilzt das Eis geräuschvoll. Es ist nicht zu übersehen: Der schillernde Eismantel des Sees bricht auf, Wellen drängen an die Oberfläche.

Keine Arbeit, kein Leben mehr.

Die Schamanka ist die Lieblingsroute der Touristen. Russen und Ausländer: Japaner, Südkoreaner, Amerikaner, Europäer – immer zahlreicher kommen sie, und wollen hier Robinson spielen: auf dieser Insel ohne Straßen, ohne fließendes Wasser und Strom. 2000 Menschen leben ganzjährig auf Olchon. Im Sommer sind es viermal so viele.„Von Juni an ist die Fähre immer voll“, sagt der Inhaber einer Bar an der Mole. Er vertreibt sich die Zeit mit seinen Freunden beim Kartenspielen und wartet auf Kunden.

Mit der sommerlichen Überbevölkerung wird die Wasserversorgung zum Problem. Eine ganze LKW-Kolonne mit Zisternen ist Tag und Nacht unterwegs und versorgt die Hotels. Abwasserreinigung ist ein Fremdwort. Alles geht in den Baikal. Der Müll wird auf Kippen mitten in der Natur abgeladen. Die Ortsverwaltung unternimmt nichts, die Händler genauso wenig. Was zählt, ist der Profit.

Der Tourismus ist ein unerwarteter Segen für die Bewohner dieser abgelegenen Insel. Acht Monate im Jahr leiden sie unter Sturm und Eis. Jeder hofft, dass ein Tourist bei ihm Halt macht. Holzhäuschen säumen die staubigen Straßen der Hauptstadt Chuschir. Überall hängen Schilder: „Hier Hotelzimmer mit Bania (russische Sauna).“

In Irkutsk bieten Reiseagenturen Exkursionen zu den entlegensten Winkeln der Insel an. Pinienwälder, einsame Dünen, hohe weiße Klippen, goldgelbe Sandstrände – und das Süßwasser des Baikal liegt angeblich immer in Reichweite.

Lena hat das geglaubt. Das war vor einigen Jahren, bei einem Sommerurlaub auf der Insel, während einer Radwanderung, zusammen mit ihrem Mann. Sie wollten nicht zu viel Gepäck mitnehmen und hatten keine Wasserflaschen dabei – nur ein paar Dosen Bier. Als sie das Zelt aufgeschlagen hatten, wollten sie Wasser aus dem Baikal holen. Von ihrem Zeltplatz auf der Klippe aus war der See allerdings nicht zugänglich. „Wir haben dann Nudeln in Bier gekocht – das war ekelhaft“, erinnert sich Lena.

Nadejda Nikolaewa, 35 Jahre alt, Besitzerin einer Presseagentur in Irkutsk liebt es, den Sommer in Chuschir zu verbringen, ihrer Geburtsstadt. Ihr zweiter Wohnsitz, eine neu hergerichtete Holzbaracke, war früher Teil des Gefangenenlagers von Pestschannaja, in den Dünen, zwanzig Kilometer weiter nördlich.

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Das Lager war Teil des Angarlag, eine Unterabteilung des großen stalinistischen Gulags. Omul-Fangquoten waren zu erfüllen. Der Omul ist der typische Baikalfisch – ein entfernter Verwandter des Lachses. Im „Großen Vaterländischen Krieg“ von 1941 bis 1945 stellten die Gefangenen Konserven mit Omul her – für die Soldaten der Roten Armee an der Front.

1952, ein Jahr vor Stalins Tod, wurde das Lager nach Sljudjanka verlegt, „auf dem Großen Land“. So nennt man hier den Kontinent. Die meisten Baracken wurden Brett für Brett nach Chuschir gebracht.

Der kleine Gulag von Pestschannaja (über die Jahre mal 1200 Insassen mal nur 200) ist in Vergessenheit geraten. Nadejda hat in den Archiven danach gesucht. Sie wollte mehr wissen, über die Geschichte ihrer Schwiegermutter, Vera Nikolaewa. In den 1930er Jahren wurde sie wegen Diebstahls verurteilt und in Pestschannaja eingesperrt. Die Suche nach den Unterlagen ihrer Schwiegermutter wurde schnell zur Herausforderung. Ein Schreiben nach dem anderen war zu verfassen, Geburtszertifikate zu liefern und Todesscheine von Familienmitgliedern – über die letzten drei Generationen.

Als sie endlich einen Termin im Archiv bekam, traute Nadejda ihren Ohren nicht: „Ich durfte die Unterlagen nicht mal anfassen. Die Angestellten haben mir den Inhalt laut vorgelesen, dann haben sie alles wieder in einem Karton verstaut“, erzählt die ausgebildete Mathematikerin. Sie leitet von nun an zwei gutgehende Firmen: ein Reisebüro und eine Schneiderei.

Mit ihren 82 Jahren ist Baba Katia die letzte noch lebende Zeitzeugin des Lagers von Pestschannaja. Ihr Leben lang hat sie im Kühlhaus der Fabrik gearbeitet. An die Gefangenen kann sie sich sehr gut erinnern, „arme Schlucker, wegen irgend einer Nichtigkeit verurteilt. Damals lief das halt so: du klaust einen Omul: ein Jahr Lager, zwei Omule: zwei Jahre. Zehn Minuten zu spät auf der Arbeit: zwei Jahre“.

Der Eingang ihres Häuschens ist mit riesigen Wasserkrügen vollgestellt. Ein Teekessel pfeift auf einem Holzofen, an der Decke hängt eine Glühbirne, aber Strom gibt es nicht. Zur Zeit der Kollektive gab es immer Strom – gratis. Aber nach dem Zusammenbruch der UdSSR ist die Insel wieder in die Steinzeit gerutscht. Seither ist sich jeder selbst der Nächste. Einen Stromgenerator hat Baba Katia schon. Ihre Kinder haben ihn gekauft. Aber im Frühjahr werfe ich ihn nicht an. Denn da werden die Tage länger. Man muss Treibstoff sparen, denn der nächste Winter wird hart.

Baba Katja, die letzte noch lebende Zeitzeugin des Lagers von Pestschannaja.

Die alte Frau sitzt in ihrer Küche, sie zeigt uns ihre sandigen Fenster: „Bald brauche ich keine Vorhänge mehr.“ Der Sand hat alles bedeckt: das alte Massengrab der Gefangenen, die Überreste der Fabrik, die Häuser der Dorfbewohner. All das, weil die Dünen unkontrolliert abgeholzt wurden – der kleine Gulag betrieb da eine eigene Sägerei. Das ist alles lange her – das war lange vor dem allgemeinen Niedergang, der fast die gesamte Bevölkerung von Pestschannaja nach Chuschir vertrieben hat – in die Hauptstadt.

Chuschir geht es nicht viel besser. Früher gab es einen Stromgenerator und eine Fischfabrik. Der kleine Fischereihafen war geschäftig. Heute sind da nur noch Ruinen, Asche und Abfälle. Die Fabrik ist geschlossen, der Kai aus Holz hält kaum noch. Die Schiffe im Trockendock rosten vor sich hin. Halbverhungerte Hunde durchschnüffeln die wenigen Mülltonnen. Der Omulfang ist nicht mehr das, was er einmal war.

Der Ort ist verlassen. Außer zwei Fischern, die ihren Rausch auf der Schiffsbrücke ausschlafen. Das Leben ist schön hier, erklären sie uns und spucken ins Wasser. „Wir leben sehr gut. Keiner schreibt uns was vor. Keiner will was von uns. Wir sind nur auf uns selbst angewiesen – das ist die pure Anarchie!“

AUSSCHNITT AUS DEM VIDEO A AJOUTER!!!

Vom Zerfall des Hafens unberührt, läutet Sergeij Eremeev Sturm, in seiner kleinen orthodoxen Kirche auf dem Hügel. Vor fast acht Jahren hat er sich hier in Olchon niedergelassen – nach einem Philosophiestudium in Paris I, einem Aufenthalt in einem orthodoxen Kloster im französischen Vercors und einer Arbeit als Verwalter in einem Jerusalemer Pilger-Hotel.

Seine Frau Anastasia ist ihm nachgezogen. Sie bekommen zwei Kinder. „Hier zu leben ist biblisch. Dir gehört nichts, aber du besitzt alles. Es ist eine Befreiung, ein immerwährender Dialog mit Gott“, versichert der Junge Mann. Dabei wirkt er, wie eine Ikone von Andrei Rubljow.

Sergeij – der Glöckner der „Heiligen Mutter von Olchon“ – ist beliebt bei den Kindern im Viertel. Die Kirche ist Symbol der orthodoxen Wiedereroberung der Insel. Er will sie nicht nur auf die Taufe vorbereiten – er spricht auf Augenhöhe mit ihnen, bringt ihnen bei „sich Mühe zu geben“. Sein Französisch ist perfekt. „Hier gibt es nur eine einzige Religion: den Alkoholismus. Aber damit man im Winter was zu essen hat, muss man die Netze unter das Eis ziehen. Das rettet uns vor dem Alkohol“, erklärt der Glöckner. Er ist dabei einen Bauplatz für sein Haus zu vermessen, unterstützt von seinen „Ziehkindern“.

Nichts hätte darauf hingedeutet, dass dieser Sohn eines Militärs, geboren in Dresden, einmal „Glöckner, Küster, Schlüsselträger, was auch immer…“ der kleinen weiß-blauen Zwiebelturm-Kirche auf dem Hügel wird. Er liebt die Rauheit von Olchon und seine Winter bei 30 Grad unter Null. Die Schinderei mit dem Holz und mit dem Wasser. Die Ruhe der langen Winterabende, während denen „ich und meine Frau lesen oder Kinder machen. Was gibt es auch sonst schon groß zu tun?“

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