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julien.wilkens@axelspringer.de

LICHT INS DUNKEL

Begegnung. Düzen Tekkal war die erste Journalistin, mit der Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad 2014 vor der Kamera sprach. Hier erzählt Tekkal, was beide bis heute verbindet.

Friedensnobelpreisträgerin und ehemalige IS-Gefangene: Die Jesidin Nadia Murad (Getty Images © AFP)

Endlich! Als Nadia Murad am 5. Oktober 2018 als Preisträgerin des Friedensnobelpreises bekanntgegeben wird, fühle ich mich, als ginge die Auszeichnung an uns alle. Endlich bekommt ein so wichtiges Thema das Licht, das es verdient. Denn Dunkelheit gibt es schon zu lange, wenn man vom Genozid der Jesiden spricht. Nadia Murad gehörte zu denen, die den Truppen des sogenannten Islamischen Staats (IS) entkommen konnten. Doch dass noch immer Tausende Jesiden verschleppt oder auf der Flucht sind, will sie nicht hinnehmen. Darum kämpft sie, inzwischen als UN-Sonderbotschafterin, einen Kampf, in dem sie Gewinnerin und Verliererin gleichermaßen ist. Mit einer Stärke, die mich beeindruckt. Bei meiner ersten Begegnung mit ihr erkenne ich: Da ist eine Frau, die will mehr vom Leben; von ihr werden wir noch hören. Wie viel, war mir zu jener Zeit allerdings noch nicht bewusst.

Ich bin Jesidin und lebe in Deutschland, damit haben Nadia und ich etwas gemein. Vor einigen Jahren, da wohnte Nadia noch mit ihrer Familie im kleinen Ort Kocho im Norden des Iraks, hatte ich beschlossen, mit meinem Vater in das Land zu reisen, um meine jesidischen Wurzeln zu verstehen und daraus einen Dokumentarfilm zu machen. Doch es kam anders: Im August 2014 fielen IS-Truppen in den Nordirak ein, nahmen Frauen und Kinder gefangen und töteten alle, die nicht zum Islam konvertieren wollten, auf der Stelle. Kinder sahen zu, wie ihre Väter enthauptet wurden, Mädchen wurden verschleppt, vergewaltigt, gefoltert. Wer fliehen konnte, schlug sich im Sindschar-Gebirge nahe der syrischen Grenze durch, ohne Wasser und Nahrung. Mütter ließen ihre toten Kinder zurück, Schwangere verdursteten. Ich reiste trotz allem in das Gebiet – und wurde zur Kriegsberichterstatterin. Wie viel Leid diese Menschen erlebten, war unvorstellbar.

Lange Zeit war der Völkermord an den Jesiden ein Randthema, das für viele weit weg schien. Der Friedensnobelpreis für Nadia Murad hat insofern alles geändert, als dass er ein Schlaglicht auf etwas gelenkt hat, das Aufmerksamkeit braucht. Jetzt ist die Zeit, in der wir helfen können. Und ich empfinde tiefe Freude, dass die Welt verstanden hat, wie wichtig diese Hilfe ist.

Autorin: Karoline Nuckel

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Dezember-Ausgabe des ARTE Magazins!

Nadia Murad

Dokumentarfilm, Sonntag, 9.12. | 22.20 Uhr
Online verfügbar bis zum 8. März 2019!

Kategorien: Dezember 2018