Äquator, ARTE 360, Dokumenation, Schwerpunkt
julien.wilkens@axelspringer.de

PERSPEKTIVWECHSEL

Virtual Reality. Vier Orte, drei Kontinente, 360 Grad – mit modernster Kameratechnik schuf Filmemacher Nicolas Jolliet in vier Filmen eine virtuelle Reise rund um den Äquator. Ein Drehbericht.

(© Nico Jolliet, Liquid Cinema Inc.)

Dort in der Nähe ist sie also, die Mitte der Welt. Über den Wäldern Amazoniens, am Fluss Pira Paraná, im Süden von Kolumbien, sitze ich mit einem kleinen Filmteam und ausreichend Proviant an Bord einer gemieteten Cessna. In der zweiten Maschine das Filmequipment, 300 Liter Benzin und ein Außenbordmotor für unser Kanu. Die Piloten lassen uns in dieser verlassenen Gegend aussteigen. In zwei Wochen holen sie uns dort wieder ab, sagen sie. Hoffentlich, denn anders kämen wir von hier nicht mehr weg. An diesem Punkt beginnt die Reise für mein Filmprojekt rund um den Äquator, festgehalten mit 360-Grad-Kameratechnik – von Kolumbien über Kenia bis nach Borneo.

Der erste Drehort im Amazonasgebiet liegt fünf Meter südlich vom Äquator, fernab der Zivilisation. Die wenigen Menschen, die an diesem Punkt zu Hause sind, wissen, dass sie am Nabel der Welt leben. Es gibt kein Nord und kein Süd, nur die Mitte, und die Schamanen halten diese mit ihren Riten im Gleichgewicht. Die Einheimischen beäugen mein Filmequipment skeptisch. Um uns mit ihnen zu verständigen, machen wir ihre Laute nach, beginnen uns gegenseitig zu vertrauen, zu verstehen. Langsam nehmen sie uns an, die Kameras, die Technik.

Die Technik fasziniert alle, die wir auf der Reise besuchen, von Südamerika bis Asien. Es ist schwierig, in 360 Grad zu filmen. Für jede Szene stelle ich meine Kamera auf und muss weggehen, ansonsten filme ich mich selbst. Virtual Reality (VR) ist eher wie Theater.
Insgesamt reise ich mit 38 Kameras an jeden Ort. 120 Kilogramm Equipment habe ich dabei, darunter Festplatten, um die unglaublichen Datenmengen der VR-Produktionen speichern zu können. Ersatzteile, Stromgenerator, Lebensmittel. Zahlreiche Tage sind verregnet und somit nicht zum Drehen geeignet. Nach zehn Jahren Dürre in Kenia kommt der Regen just, als ich in das Land reise, sodass mein Jeep im Schlamm stecken bleibt. Zu allem Überfluss kommt das anfangs erwähnte Flugzeug, das mich und mein kleines Team aus dem Amazonasgebiet abholen soll, zunächst nicht an. Was für ein Aufatmen, als ich endlich das Motorengeräusch höre! Ein Abenteuer mit wahrlich beschwerlichen Momenten.

Trotz der Widrigkeiten, die ich in den Drehmonaten erlebt habe, war diese Reise eine unglaubliche Lebenserfahrung. Die Menschen am Äquator besitzen nicht viel, trotzdem sind sie glücklich und mit der Natur im Reinen. Die Bewohner der Berge bei Bogotá glauben daran, dass du der Natur alles, was du ihr an Energie nimmst, zurückgeben musst. Die Menschen in Kenia zeigen mir, wie sie den Regen anhand der Sterne vorhersagen können. Egal auf welchem Kontinent: Bei ihnen ist alles verbunden mit dem Himmel, dem Kalender, dem Äquator. All diese Geschichten erzählen sie uns. Und der Kamera.

Protokoll: Karoline Nuckel

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der September-Ausgabe des ARTE Magazins!

Äquator – Die Linie des Lebens

Dokureihe, Samstag, 22.09 | ab 08.35 Uhr
Online verfügbar bis zum 20. November!

Äquator 360° – Die Linie des Lebens

Virtual-Reality Dokureihe, ab Samstag, 22.09
und in der ARTE-App „ARTE360 VR“

Schwerpunkt: Äquator

Kategorien: September 2018