Dior, feminismus, Mode, Schwerpunkt
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HER MIT DER POWER

Haute Couture. Maria Grazia Chiuri nutzt ihre Position als Chefdesignerin von Dior ganz gezielt, um feministische Themen in der männerdominierten Modewelt zu platzieren. Porträt einer Vorkämpferin.

(© Foto: Laif © Dmitry Kostyukov/Redux)

Als Christian Dior im Sommer 1946 das Angebot bekam, ein eigenes Haus unter seinem Namen zu eröffnen, da tat der damals 41-jährige Modemacher erst einmal etwas Ungewöhnliches: Er konsultierte seine Hellseherin. Was, fragte er verunsichert, solle er tun: diese einmalige Chance nutzen, so wie es sein Freund Pierre Balmain kurz zuvor sehr erfolgreich getan hatte? Oder doch lieber bei Lucien Lelong bleiben? Immerhin hatte der nicht nur die Haute Couture davor bewahrt, von den Nazis nach Berlin umgesiedelt zu werden. Der Legende nach hatte er gesagt: „Die Haute Couture ist in Paris oder sie ist nicht!“ Er ließ sie im besetzten Paris auch intensiv weiterleben und bildete Dior mitten im Krieg zum Modedesigner aus. Konnte Dior ihn nun einfach verlassen? Er war sich unsicher. Seine Hellseherin hingegen riet unmissverständlich: „Nehmen Sie das Angebot an! Sie müssen das Haus Christian Dior gründen!“ Christian Dior nahm das Angebot an, richtete sein Haus an der Avenue 
Montaigne 30 in Paris ein und ging mit seiner Debüt-Show am 12. Februar 1947 als Erfinder des „New Look“ in die Modegeschichte ein.

Ziemlich genau 70 Jahre nach seinem erfolgreichen Start war es eine Frau, die vor einer großen Entscheidung stand: Dior übernehmen oder nicht? Es ist nicht übermittelt, was Maria Grazia Chiuri tat, als ihr der Posten der Chefdesignerin der Maison Christian Dior angeboten wurde. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass sie einfach nur „Ja“ sagte. Immerhin hatte sie um genau diese Position gebeten. Die 54-jährige Italienerin ist die erste Frau an der Spitze des Traditionshauses. und will diese Tatsache offenbar nutzen, ja sie gar zu einem Konzept erheben: Bisher, so sagt sie oft in Interviews, habe die Mode den Frauen meist den Blick eines männlichen Chefdesigners aufgezwungen (immerhin sind die meisten Chefdesigner bis heute Männer). Sie selbst hingegen wolle eine Mode machen, die mehr auf den Dialog setzt.

Was das genau bedeutet, konnte man bei der Präsentation ihrer ersten Prêt-à-porter-Kollektion im Juli 2016 ganz gut sehen: Wo die Mode sonst eher vom Catwalk runter auf die Straße geht, ging Chiuri den umgekehrten Weg. Sie trug das, was auf den Straßen der Welt bereits laut diskutiert wurde und dann 2017 in den „Women’s March on Washington“ mündete, weiter in die Öffentlichkeit: den Wunsch der Frauen nach mehr Macht, dem sogenannten „Empowerment“. Mit dem von der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie entliehenen Titel „We should all be feminists“, den Chiuri auf einfache weiße T-Shirts druckte, setzte sie ihr erstes Statement.

Autorin: Annabelle Hirsch

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der September-Ausgabe des ARTE Magazins!

Die Zeichnungen des 
Christian Dior

Kulturdoku, Sonntag, 30.09 | 21.45 Uhr

Online verfügbar bis zum 28. November!

Kategorien: September 2018