Berlin, MUSIK, Musikkultur, Nachtleben, Techno
julien.wilkens@axelspringer.de

NEU, KRASS, RAU, LAUT

Techno. Die harte, tanzbare Maschinenmusik findet im Berlin der Wendejahre einen historisch einmaligen Nährboden – und sorgt für einen exzessiven Partyboom, der bis heute anhält. ARTE ist 30 Jahre nach der Öffnung des ersten Berliner Clubs für elektronische Musik im September Mitveranstalter des Events „S3kt0r UFO“ und überträgt die Höhepunkte der Nacht. Mit dabei sind alte wie neue Protagonisten der Berliner Techno-Szene, darunter Westbam,
Mijk van Dijk, Tanith, DJ Hell und Nene H.

(© Tilman Brems)

Techno, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 1988. Die ersten Abenteuer mit elektronischer Musik, die die beiden deutschen Klangpioniere Friedrich Trautwein und Oskar Sala mit ihrem selbst gebauten Knöpfchen-­Apparat Trautonium kreiert hatten, liegen bereits sechs Jahrzehnte zurück. Und sind
dennoch präsent wie nie.

Die Düsseldorfer Gruppe Kraftwerk – „die Beatles der elektronischen Tanzmusik“ (New York Times) – haben das Trautonium-Erbe erst mit Synthesizer-Perfektionismus in die Popkultur überführt und es dann mit dem Album „Computerwelt“ (1981) auf ein neuartiges minimalistisches Level gehoben.
Das vor synkopierenden Rhythmen und Maschinenhaftigkeit strotzende Werk inspirierte weltweit Electro-Künstler. Nun, zum Ende des Jahrzehnts, rollen
die Beats, die beeinflusst von Kraftwerk in DJ-Hochburgen wie Detroit und Manchester auf den Schallplattentellern gemixt wurden, um Clubbesucher
zum Ausrasten zu bringen, wie ein beschleunigter Bumerang zurück nach Deutschland. Genauer gesagt, nach Berlin.

Mit den Beats kam der Mut zurück nach Berlin. Und so manche Grenzen verschwammen in der Euphorie des Moments schneller als erwartet. „Zu den frühen Partys kamen die Breakdancer vom Alexanderplatz, Fußball-Hooligans, ehemalige Ost-Punks und Radiojunkies. Sie trafen auf ein Westberliner Gemenge aus Schöneberger Schwulenszene, Kreuzberger Hausbesetzern, Studenten, Künstlern, englischen Soldaten auf Freigang und amerikanischen Ex-Pats, die der
billigen Mieten wegen nach Berlin gekommen waren“, heißt es in „Der Klang der Familie“.

Auf das UFO und die erste Loveparade, die als politische Demonstration 1989 mit rund 150 Teilnehmern und dem dadaistischen Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ auf dem Kurfürstendamm stattfand, folgten nach der Wende schnell zahlreiche weitere Neueröffnungen von Electro-Clubs, wobei sich die Feierszene vor allem Richtung Osten der Stadt orientierte. Denn hier gab es Platz. Viel Platz für alle – auch für Partyveranstalter, die die leer stehenden
Hallen, Keller und anderen industriellen Freiräume dankbar umnutzten. So entstand etwa der Tresor, der für lange Zeit einflussreichste Techno-Club
der Stadt, Anfang der 1990er in der Geld- und Wertekammer eines ehemaligen Kaufhauskonzerns. Weitere prägende Locations der Zeit hießen
Bunker (Luftschutzkeller), Planet (Fabrikhalle) oder WMF (Metallwarenlager), wobei sich Letzterer im Laufe der Jahre zu einem beliebten Wanderclub mit insgesamt sieben unterschiedlichen Standorten entwickelte, dem kunstvoll recycelte Möbel aus DDR-Repräsentanzen als Wiedererkennungseffekt dienten.

Die erste spürbare Wende nach der Wende setzte im Berliner Nachtleben 1994 ein. Immer mehr kommerzialisierte Techno-Produzenten stürmten zu dieser
Zeit die Charts und auch Berliner DJs wie Westbam und Tanith, die auch im UFO aufgelegt hatten, entwickelten sich zu gefragten internationalen Stars.

Autor: Bernd Skischally

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der September-Ausgabe des ARTE Magazins!

30 Jahre Techno in Berlin

Konzert, Freitag, 21.09 | 23.25 Uhr

Online verfügbar bis zum 19. Dezember

Schwerpunkt: Techno

Kategorien: September 2018