Alice Schwarzer, Porträt, Romy Schneider
julien.wilkens@axelspringer.de

„DU DARFST MICH NICHT VERRATEN“

Eine Nacht lang spricht Romy Schneider mit Alice Schwarzer über ihr Leben. Über Selbstzweifel, Wut und über Männer. Erst jetzt werden die Tonbänder veröffentlicht – in einem sensiblen Porträt auf ARTE

Unter sich: Romy Schneider (l.) und Alice Schwarzer treffen sich 1976 zum Interview im kleinen Penthouse über der Emma-Redaktion – und sprechen intensiv wie nie (© GABRIELE JAKOBI)

Sonntag, 12. Dezember 1976. Draußen ist es dunkel und regnerisch. Ich sitze mit ­Romy ­Schneider in dem kleinen, kajütenartigen Penthouse auf der Dachterrasse im fünften Stock, über der Redaktion der Emma. Wir reden seit Einbruch der Dunkelheit. Längst ist die Beleuchtung des fünf Fuß­minuten entfernten Kölner Doms erloschen. Die Scheinwerfer strahlen bis Mitternacht. ­Romy redet und redet. Es ist unsere zweite Begegnung.
In dieser Nacht erwartet ­Romy, von mir gerettet und gerächt zu werden. Sie sagt: „Ich will, dass dein Artikel über mich alle schockiert!“ Und: „Ich vertraue dir.“ Und: „Du darfst mich nicht verraten!“

Romy wünscht sich, dass ich es in die Welt hinaus rufe: ­Romy, das kleine Mädchen, das mit fünf Jahren von einem Nachbarn ins Gebüsch gezerrt wurde, aber nie darüber reden wird, um „meiner Mutter nicht wehzutun“. ­Romy, das junge Mädchen, dem der Stiefvater so hart nachstellt, dass sie sich in der Toilette einschließen muss. ­Romy, die ihre väterlichen Freunde so gerne auf ihre Knie zerren, während sie als Sissi die Welt verzaubert: diese deutschen Männer, die gebrochen aus dem Krieg zurückgekommen sind und die nun einer erwachsenen Frau schon gar nicht mehr auf Augenhöhe begegnen können und vorziehen, bei naiven Mädchen den starken Mann zu spielen. ­Romy, der Star, von dem die Regisseure erwarten, dass sie auf allen Ebenen zur Verfügung steht – und die das so manches Mal auch tut, weil sie diese wichtigen Männer so bewundert und glaubt, ihnen nur auf der Ebene der Verführung gewachsen zu sein.

Romy und ich sitzen an diesem Abend auf der braunen Samtdecke, die ich noch aus Paris mitgebracht und über mein Bett gebreitet habe, der einzigen Sitzgelegenheit in diesem Raum, in dem ich in den Monaten vor dem Start von Emma wohne. Wir sind beide ähnlich verzweifelt und aufgebracht zugleich, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen.
In Köln ist Romy nicht zum ersten Mal. Hierhin wurde die 14-jährige Rosemarie­ ­Albach, die als ­Romy ­Schneider zu raschem Filmruhm kam, 1953 von Mutter ­Magda ­Schneider aus der Klosterschule Goldenstein in Berchtesgaden in die noch zertrümmerte Nachkriegsstadt und den Wirtschaftswunder-Prunk ihres Stiefvaters Hans Herbert ­Blatzheim geholt.

Romy hat mich mein Leben lang begleitet. Sie war im Deutschland der 1950er bis 1970er Jahre die Verkörperung aller deutschen Frauen­klischees: von der Jungfrau ­Sissi über das Luder in Paris bis hin zur reuigen Mutter in Berlin. Das hatte allen voran sie selbst klarsichtig erkannt und immer wieder versucht, sich daraus zu befreien. Ihre auch mit sich selbst so schonungslosen Interviews und ihre hinreißend sarkastischen Briefe legen lebendig Zeugnis davon ab.

Autorin: Alice Schwarzer

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der September-Ausgabe des ARTE Magazins!

Ein Abend mit Romy

Dokumentation, Sonntag, 16.09 | 22.00 Uhr

Online verfügbar bis zum 22. September

Kategorien: September 2018