die japanische Seele, Im Reich der Spiegel, Japan, Schwerpunkt
julien.wilkens@axelspringer.de

IM REICH DER SPIEGEL

Japan – Land von Melancholie und Höflichkeit, von Kirschblüten und Kitsch. In ihrem Film begibt sich Bianca Charamsa auf die Suche nach dem Geheimnis der japanischen Seele.

(© Izumi Miyazaki)

Als ­Roland Barthes vor etwa 50 Jahren Japan bereist, hält er folgenden Eindruck in seinem Essay „Im Reich der Zeichen“ (1970) fest: „Im Westen ist der Spiegel ein in seinem Wesen narzisstischer Gegenstand: Der Mensch denkt den Spiegel allein als etwas, worin man sich selbst betrachtet. Im Osten dagegen scheint der Spiegel leer zu sein (…). Der Spiegel fasst nichts als andere Spiegel, und diese unendliche Spiegelung ist die Leere schlechthin.“ Als Theoretiker der Sprache und Zeichen beobachtet ­Barthes Oberflächenphänomene und zieht daraus Schlüsse über die Tiefenstruktur eines Landes, das ihn fasziniert. Eine seiner interessantesten Entdeckungen dabei: In Japan bleibt vieles in der Schwebe, es gibt oft keinen greifbaren Orientierungspunkt. Die Reflexionen im Spiegel verflüchtigen sich in eine geheimnisvolle Leere.

Bis heute scheint Japan rätselhaft, widersprüchlich und gerade deshalb faszinierend zu sein. Das Land im Fernen Osten schillert als Kaleidoskop kontrastvoller Klischees: Kirschblüten-Melancholie und fantastische Trickfilmwelten, Niedlichkeitsfetisch und Todesverachtung, Technik-Perfektionismus und atomare Verwüstung, fragile Schönheit, Geisterglaube, starre Höflichkeitsrituale und bunt-­lärmender Kitsch. Das Geheimnis der japanischen Seele enthüllen und begreifen – ist das überhaupt möglich? Vielleicht, wenn man kreativen und spirituellen Menschen in Japan begegnen darf, die ihr Herz öffnen und Einblicke in ihr eigenes Seelenleben gewähren. Für die Recherchen zur Dokumentation „Im Reich der Spiegel“ trafen wir etwa Schriftsteller ­Keiichiro ­Hirano, der schon mit 23 Jahren mit dem bedeutendsten Literaturpreis Japans ausgezeichnet wurde, dem Akutagawa-Preis.

Das rasende Tempo der Nachkriegsmodernisierung und der Boom der 1980er Jahre sind Vergangenheit. Nach dem Platzen der Wirtschaftsblase folgten 20 dürre Jahre, gerade sieht es so aus, als würde sich das Land wirtschaftlich erholen. Das Reaktorunglück von Fukushima 2011 hat die Psyche der Nation allerdings nachhaltig traumatisiert, sie hat sich vom Weltgeschehen zurückgezogen. „Die japanische Seele wird nur in Katastrophen oder Umwälzungen sichtbar“, davon ist der Künstler und Doku-Protagonist ­Takahiro ­Iwasaki überzeugt. Er selbst schöpft aus diesen Ereignissen ganz bewusst Kraft und Inspiration für seine Arbeit. Er stammt aus Hiroshima, sein Großvater war Opfer der Atombombe. Diese schreckliche Erfahrung prägt das Seelenleben der Japaner bis heute, so ­Iwasaki.

Autorin: Bianca Charamsa

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der September-Ausgabe des ARTE Magazins!

Im Reich der Spiegel

Dokumentation, Sonntag, 2.09 | 15.35 Uhr

Online verfügbar bis zum 1. Oktober

Kategorien: September 2018