Japan, Naomi Kawase, Schwerpunkt
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HEIMAT ALLER JAPANER

Harmonie / In ihren Filmen vereint die Regisseurin Naomi Kawase japanische Traditionen mit modernen Lebensweisen. Dabei spielt die Natur immer eine Hauptrolle. Ein Gespräch.

(© Eduardo Martins)

Es ist 17 Uhr nachmittags in Tokio an diesem Freitag, 10 Uhr morgens in Berlin. Die Skype-Verbindung steht. Noch dazugeschaltet: eine japanisch-deutsche Dolmetscherin in den USA. Zwar spricht Naomi Kawase gut Englisch, Interviews gibt sie dennoch lieber in ihrer Muttersprache. Bekannt für Filme wie „Still the Water“ (2014) oder „Kirschblüten und rote Bohnen“ (2015), ist die japanische Regisseurin diesmal als Protagonistin in „Im Reich der Spiegel“ von Bianca Charamsa auf ARTE zu sehen. Mit dem ARTE Magazin spricht sie über die Besonderheiten der japanischen Seele und ihre Heimat Nara.

ARTE Magazin: Die meisten Filme drehen Sie in Nara. Was ist das Besondere an dieser Gegend?
Naomi Kawase: In meiner Wahrnehmung ist Nara die Heimat aller Japaner. Hier hat alles begonnen: Unterschiedliche kulturelle Einflüsse sind vor mehr als tausend Jahren über die Seidenstraße von Persien über China nach Nara in Japan gekommen. Nara war das erste internationale Zentrum. Verschiedene Völker haben sich dort gesammelt, der Buddhismus ist aufgeblüht und hat sich im restlichen Land ausgebreitet. Die geschichtlichen Zeugnisse kann man bis heute sehen. Wenn ich dort drehe, muss ich nichts Neues erfinden, sondern nur um mich schauen und die reiche Geschichte und Kultur im wahrsten Sinne des Wortes ausleuchten. Das ist wahrscheinlich das, was meine Filme ausmacht.

ARTE Magazin: Wo liegt für Sie die Wurzel der japanischen Seele?
Naomi Kawase: Für mich steckt die japanische Seele in sehr vielem. In meiner Heimat Nara etwa, der ältesten Stadt Japans. Und bei unseren Ahnen, die in der Ferne über uns wachen.

ARTE Magazin: Es heißt, Japaner hätten Angst, aus der Reihe zu tanzen oder danebenzuliegen. Woher kommt das?
Naomi Kawase: Die japanische Gesellschaft ist sehr homogen. Auf den ersten Blick sind alle gleich und diese Harmonie, diesen homogenen Kreis – „Wa“ im Japanischen – nicht zu durchbrechen, ist nach wie vor ein zentrales Element unserer Kultur und Mentalität. Obwohl sich die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

ARTE Magazin: Inwiefern hat sie sich verändert?
Naomi Kawase: Schon in der Nachkriegszeit hat sich vieles amerikanisiert, während zugleich eine enorme Urbanisierung stattfand. Die Wirtschaft hatte auf einmal Vorrang vor allem und vieles an der alten, guten Lebensweise auf dem Land ist verloren gegangen.

ARTE Magazin: Und heute?
Naomi Kawase: In der globalisierten Welt wird von den Jüngeren erwartet, sich an neue Werte anzupassen, zum Beispiel besser Englisch zu sprechen oder die eigene Meinung klar zu vertreten. Das verwestlichte Stadtleben steht auf der einen und das Landleben als Heim der japanischen Seele auf der anderen Seite. Es gibt aber auch immer mehr Menschen, die versuchen, das moderne und alte Leben miteinander zu verbinden.

ARTE Magazin: In der ARTE-Dokumentation „Im Reich der Spiegel“ sagt ein Soto-Zen-Priester: „Heutzutage verlieren die Japaner ihre Seele.“ Hat er recht?
Naomi Kawase: Zen-Priester sind sehr stoisch und sehr auf die Spiritualität der Japaner fokussiert. Vielleicht empfindet er es schon als Verlust der Seele, wenn sich junge Menschen die Haare färben, statt sich auf japanische Traditionen zu besinnen. Für mich gibt es so etwas wie einen urjapanischen Charakter, an dem sich bis heute nichts verändert hat.

Interview: Lydia Evers

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der September-Ausgabe des ARTE Magazins!

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Kategorien: September 2018