1979, Dirk Van Der Berg, mekka
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KAMPF UM DIE KAABA

Bei der Besetzung der Großen Moschee in Mekka 1979 sterben Hunderte Menschen. Mit fatalen Konsequenzen – und bis heute offenen Fragen. Filmemacher Dirk van den Berg mit einer Rekapitulation.

(© K2-OUTREMERFILM)

Am 20. November 1979, dem Neujahrstag des Jahres 1400 nach islamischer Zeitrechnung, befindet sich der Hadsch in der heiligen Stadt Mekka auf seinem Höhepunkt. Um 5.30 Uhr tritt der Imam der Großen Moschee ans Mikrofon, um das Morgengebet zu sprechen – plötzlich fallen Schüsse. Mehrere Hundert schwer bewaffnete Männer dringen in die Große Moschee von Mekka ein. Sie schließen die schweren Tore, besetzen die Minarette mit Scharfschützen und verwandeln in wenigen Minuten den heiligsten Ort des Islam in eine Festung. Fast 100.000 Pilger werden zu Geiseln.
Was folgt, ist ein gewaltsames Kräftemessen – und ein nur wenig beachteter Schlüsselmoment der Geschichte: Denn gemeinsam mit der nur neun Monate zuvor eingesetzten Iranischen Revolution und der sowjetischen Besetzung Afghanistans gelten der Kampf um die Kaaba und seine Folgen als Auslöser für die Gründung des religiös motivierten transnational-islamistischen Terrorismus, der seine blutige Spur aus dem Nahen Osten nach Europa, Asien und die USA ziehen wird. Und seit fast 40 Jahren trägt gerauntes Halbwissen über diese Ereignisse von Mekka eher zur Legendenbildung als zur Aufklärung bei. Im Gespräch mit entscheidenden Protagonisten und nach über fünfjähriger Recherche geht die ARTE-Dokumentation „Mekka 1979“ den Ereignissen nach. An deren Ende jedenfalls vollzog das saudische Königshaus eine drastische Kehrtwende von einer liberalen, gemäßigten Auslegung des Islam hin zu einer konservativen. Etliche salafistische Splittergruppen entstanden, mit Auswirkungen bis in den heutigen Krieg im Jemen.
Angeführt wird die Gruppe der rund 500 Besetzer von Dschuhaimān al-ʻUtaibī, einem saudischen Prediger und ehemaligen Korporal der Nationalgarde. ­Er fordert die sofortige Abdankung der saudischen Königsfamilie, die er als korrupt bezeichnet und als gottlos verdammt. Außerdem will er den Abbruch aller Beziehungen zum Westen und vor allem zu den USA erreichen sowie die Rückkehr des Königreichs zum „reinen und ursprünglichen Islam“. All dieses Unheil, verkündet ­al-ʻUtaibī , könnte an diesem ersten Tag des neuen islamischen Jahrhunderts endlich aus der Welt geschafft werden, der Erlöser sei hier unter ihnen. Dann präsentiert er einen jungen Mann, seinen Schwager ­Muhammad ibn ­Abdullah al-Qahtani­, und bezeichnet ihn als Mahdi, den islamischen Messias. Er beendet seine flammende Rede mit einem Appell an die Pilger: Jeder von ihnen sei eingeladen, sich ihm und seinen Leuten in diesem Kampf anzuschließen.
„Das saudische Königreich war schon immer eher konservativ. ­Dschuhaimān al-ʻUtaibīs Angriff ging nicht gegen die Moschee, sondern er wollte die Religion bereinigen von einem Regime, das er als zutiefst korrupt und unislamisch empfand“, betont Mark ­Hambley, der 1979 als Militärattaché in der US-Botschaft in Mekka arbei­tete und die dramatischen Ereignisse rund um die Moschee-Besetzung vor Ort miterlebte. Damals fielen die Aufrufe der Besetzer an der heiligsten Stätte des Islam auf fruchtbaren Boden und verbreiteten sich auch ohne die Existenz von Mobiltelefonen oder Internet in Windeseile. Das Ansehen Saudi-Arabiens als Hüter des Geburtsorts des Propheten ­Mohammed, und vor allem als Führernation des Islam, war schwer angeschlagen. Für die königliche Saud-Familie stand alles auf dem Spiel. In Teheran machte ­Ajatollah ­Khomeini den Al Sauds die Führungsrolle in der Region streitig und beanspruchte sie für seinen neuen schiitischen Gottesstaat. Er geißelte das saudische Königshaus als „korrupt und unfähig, den Islam zu verteidigen“. Der uralte Konflikt zwischen sunnitischem und schiitischem Islam – mit dem Aufstand in Mekka war er wieder voll entflammt.
Als sofortige Reaktion auf die Besetzung der Heiligsten Stätten des Islam verhängte das saudische Königshaus eine Nachrichtensperre – alle ­Telefon- und Telex­leitungen wurden gekappt und ein militärischer Kordon um Mekka gezogen.

Autor: Dirk Van Den Berg

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der August-Ausgabe des ARTE Magazins!

Mekka 1979

Geschichtsdoku, Dienstag, 21.8 | 22.10 Uhr

Online verfügbar bis zum 20. Okotober auf arte.tv

Kategorien: August 2018