Cécile Calla, Krimi, Tatort, Typisch Deutsch
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TYPISCH DEUTSCH: DIE KRIMI-ANDACHT

 
Der wöchentliche „Tatort“ öffnet seit fast 50 Jahren ein Fenster zur Seele der Deutschen. Für unsere französische Autorin ist er das Fenster zur Langeweile. 

(© Illustration: Martin Haake)

Sonntagabende in Deutschland – für mich der blanke Horror. Es ist einfach niemand da, den ich sehen oder sprechen könnte. Eine einzige menschliche Wüste. Und wer ist schuld? Der „Tatort“. Um genau 20.15 Uhr nehmen sonntags die Unterhaltungen ein abruptes Ende, Handys werden leise gestellt und es ertönt der seit Jahrzehnten unveränderte Vorspann in den Wohnzimmern quer durchs Land. Denn dann beginnt die große Krimi-Andacht. Sonntag für Sonntag, Jahr für Jahr, Generation für Generation wiederholt sich unermüdlich das Ritual. Und auch an Tagen, an denen „Polizeiruf“ läuft, ist mein Sozialleben kaum zu beneiden. Woher aber kommt hierzulande die unermüdliche Leidenschaft für Mord und Totschlag? Eines Tages nahm ich mir vor, anstatt Trübsal zu blasen, diesem Geheimnis der deutschen Kultur auf den Grund zu gehen.

Der erste positive Effekt: Ich blamierte mich nicht mehr, wenn die Kollegen in der Mittagspause vom letzten „Tatort“ sprachen. Zudem wurde ich schnell zum Profi, was die Eigenarten der einzelnen Kommissare anging. Ich konnte die Dialekte ihrer Assistenten verstehen (ich habe zugegebenermaßen eine Schwäche für den Gehilfen aus Sachsen), erkannte sofort die Spielorte der einzelnen Folgen und empfand sogar Ehrfurcht beim heiligen Vorspann.

Und dennoch: Nach einigen Monaten überkam mich die Langeweile. Nicht weil ich das Krimigenre nicht faszinierend finde, sondern weil ich mich – wie übrigens ein Großteil meiner Landsfrauen und Landsmänner – für wahre Geschichten, echte Verbrechen interessiere, nicht für fiktive! In französischen Medien nehmen Kriminalfälle der Polizei – anders als in Deutschland – eine zentrale Rolle ein. Sie stehen auf Titelseiten von Magazinen, eröffnen die Nachrichten, inspirieren Intellektuelle und füttern unzählige Verlagshäuser. Selbst große Schriftsteller zögern nicht, sich dieser echten Ereignisse zu bedienen, darunter ­Leïla ­Slimani. Für ihren Roman „Chanson douce“ (2016), der von einer Nanny erzählt, die ihre Schützlinge ermordet und der auf wahren Begebenheiten basiert, wurde sie mit dem Prix Goncourt, dem höchsten französischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Die Leidenschaft für diese Ereignisse ist nicht nur ein Mittel, seinen eigenen Abgründen nachzugehen – sie lässt einen auch kritischer auf Miss­stände bei Justiz und Polizei schauen. Ob die Deutschen vielleicht einfach mehr Vertrauen in ihre Behörden haben – und deswegen einer Polizeiserie mit erfundenen Fällen seit fast 50 Jahren treu sind?

Autorin: Cécile Calla

Zur Autorin: Die Französin lebt seit 2003 in Berlin und arbeitet als freie Journalistin für deutsche und französische Medien. Im Jahr 2009 erschien ihr Erlebnisband „Tour de Franz“.

Karambolage

Magazin samstags gegen 18.55 Uhr
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Kategorien: Juli 2018