Bayrische Staatsoper, Kulisse, Oper
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KUNST UND KÜNSTLICHKEIT

Außen Emotion, innen Präzision – mit einer Dokumentation wirft ARTE einen Blick hinter die Kulissen der Bayerischen Staatsoper. Ein Drehbesuch.

(© FRITZ BECK)

„Kann man sich vorstellen, dass ein Herr seinen Diener mit singender Weise ruft oder zu einer Besorgung schickt?“, sinnierte der französische Denker Charles de Saint-Évremond im 17. Jahrhundert. Ja, man kann. Denn Oper ist Illusion, ein „Kraftwerk der Gefühle“, wie es der Filmemacher Alexander Kluge beschrieb. Mit oft vorgespielten, falschen, verlogenen, umso fammender formulierten Emotionen. Oper ist Kunst und Künstlichkeit, Demokratie und Hierarchie, Luxus und Kalkül, Willkür und Bürokratie. Oper ist Narzissmus, ist Hysterie. Oper oder besser gesagt der Opernbetrieb ist vor allen Dingen ein Meisterwerk der Logistik.
Wie an der Bayerischen Staatsoper in München, der ARTE im Juli eine Dokumentation widmet. 451 Vorstellungen pro Jahr, 45 Opern im jährlichen Repertoire. Durchschnittlich 15 Premieren, unzählige Orchesterproben, Lichtproben, Kostümproben, Hauptproben bis hin zur Generalprobe. Fast tausend fest angestellte Menschen sowie zahlreiche freie Mitarbeiter sorgen dafür, dass an dem weltweit gefeierten Opernhaus möglichst jede Vorstellung mit enormer Präzision abläuft.

Jede Aufführung an der Bayerischen Staatsoper beginnt „pünktlich“ um 20.05 Uhr. Die Zeit davor ist genau getimt. Um 19.45 Uhr heißt es: „Guten Abend, die Vorstellung beginnt in 20 Minuten.“ Um 19.53 Uhr wird das Orchester gerufen, drei Minuten später der Abenddirigent. Zwei Minuten vor Beginn nochmals Kontakt zum Abenddienst aufgenommen, um verspätete Besucher noch hineinzulassen. Um 20.04 Uhr werden die Türen geschlossen, das Licht hinter der Bühne gedimmt – und dann geht’s los. Dann öffnet sich der Vorhang. Wer einmal auf dieser Bühne gestanden hat oder auch nur dahinter, erahnt, was Künstler beim Blick in den goldver- zierten Besuchersaal verspüren müssen. Unten sieht man auf ein gähnendes Bühneninferno mit Hebe- und Senkmechanismen. Nach oben auf Stangen, Oberlichter, Haken und Rohre, Eisenbrücken, Wendeltreppen und Vorrichtungen aller Art. Von den Arbeitsgalerien auf rund achteinhalb Meter Höhe aus bedienen die Bühnentechniker die Maschinerie – auf halbem Wege zwischen Himmel und Erde, wo Legionen hängender Dekorationsteile warten, in einem Akt herabgelassen zu werden. Kein ungefährliches Pflaster, weshalb ein eigenes Alarmsystem signalisiert, ob etwas von oben, von der Seite oder von unten in Richtung Bühne schwebt. Nur zwei Sekunden braucht der zwölf Tonnen schwere Vorhang, um Bühne und Orchestergraben vom Zuschauerraum abzutrennen.

München hat es den Komponisten nicht immer leicht gemacht. Mozart gelang es, seinen „Idomeneo“ 1781 im Cuvilliés-Theater aufzuführen, doch eine Hofanstellung verweigerte man ihm. Die Ablehnung von Richard Strauss’ Opernerstling „Guntram“ 1895 stimmte den Komponisten so wütend, dass er seine Opern in Dresden aufführen ließ. Besser erging es Richard Wagner. Kurz nach seiner Thronbesteigung 1864 holte der kunstbegeisterte Märchenkönig Ludwig II. den hochverschuldeten Komponisten nach München. Bilanz ihrer umstrittenen und bizarren Beziehung: vier Meisterwerke Wagners wurden in München uraufgeführt, darunter „Tristan und Isolde“, die man für unaufführbar gehalten hatte.
Zurück in die Zukunft der Münchner Oper – zum Dreh der ARTE-Dokumentation, für die eine Art „Intendanten- Gipfel“ einberufen wird. Auf leerer Bühne steht dafür Sir Peter Jonas, bis 2006 Staatsintendant und engagierter Verfechter des Konzepts „Oper für alle“, und soll mit Nikolaus Bachler, dem jetzigen Intendanten, über die Staatsoper philosophieren. Jedes Stück müsse etwas zu sagen haben, die Antworten in Operninszenierungen könnten aber nur künstlerische sein. „Die Kunst ist die Kunst ist die Kunst“, so Bachler.

Autorin: Teresa Pieschacón Raphael

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Juli-Ausgabe des ARTE Magazins!

Ganz große Oper

Musikdoku, Sonntag, 8.7. | 23.40 Uhr

Online verfügbar bis zum 14. Juli auf arte.tv

Kategorien: Juli 2018