FILM, GESELLSCHAFT

EINGEHOLT VON DER REALITÄT

 
Im Roadmovie „Geschwister“ glänzt Abdulkadir Tuncer in einer anspruchsvollen Hauptrolle. Auch privat weiß der 19-Jährige, wie sich Ausgrenzung anfühlt.

ARTE D (© ZDF/SORIN DRAGOI)

Eines der größten Probleme unserer Zeit ist, dass die Menschen zu schnell vergessen“, sagt Abdulkadir Tuncer mit einem nachdenklichen Blick aus dem Fenster. Der 19-jährige Schauspieler sitzt in einem alten Café an der Wiener Praterstraße, nur wenige Schritte von seiner Wohnung entfernt. Draußen auf den Gehwegen funkeln vor nahezu jedem Wohnhaus kleine quadratische Messingtäfelchen in der Frühlingssonne. „Überall hier im Bezirk sieht man sie, auch vor meinem Haus“, sagt Tuncer über die sogenannten Stolpersteine – in das Pflaster eingelassene Gedenktafeln zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust.
„Oft denke ich mir: Was unsere Eltern und Großeltern aus dem letzten Weltkrieg gelernt haben, das beginnt unsere Generation gerade wieder zu verlernen“, sagt ­Tuncer mit ruhiger, zurückhaltender Ernsthaftigkeit. Sehr bedacht wählt er seine Worte. „Statt näher zusammenzurücken, driftet unsere Gesellschaft immer weiter auseinander. Wir lassen uns bereitwillig von sozialen und religiösen Vorurteilen und Ängsten steuern. Und wir bedenken kaum, wohin uns diese Angst letzten Endes führt: Wo die Angst siegt, ist die Menschlichkeit immer der Verlierer.“

Als Schauspieler hat Tuncer erstmals mit zwölf Jahren Spuren hinterlassen: als Nebendarsteller etwa im Migranten-Drama „Kuma“ (2012) und ­Hüseyin ­Tabaks „Das Pferd auf dem Balkon“ (2012), als Hauptdarsteller in ­Hüseyin ­Tabaks Spielfilmdebüt „Deine Schönheit ist nichts wert“ (2012).
Mit schonungslosem Realismus mache „Geschwister“­ das Schicksal von Flüchtenden nachvollziehbar, lobten Kritiker. Und auch ­Abdulkadir ­Tuncer, der derzeit neben seiner Schauspielkarriere eine Ausbildung als IT-Systemspezialist absolviert, wird der Film noch lange in Erinnerung bleiben: „Ein Großteil der Dreharbeiten fand im Sommer 2015 statt: Jedes Mal, wenn ich zum Set fuhr, waren die Bahnhöfe mit noch mehr Flüchtlingen übersät und die Züge noch dichter mit Menschen vollgestopft. Plötzlich hatte die Realität unseren Film auf unvorstellbare Weise eingeholt.“

Autor: Nikolaus Prokop

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Geschwister

Roadmovie, Donnerstag, 14.6 | 22.50 Uhr

Online verfügbar bis zum 20. Juni auf arte.tv

Kategorien: Juni 2018