Frauen, GESELLSCHAFT
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ZUKUNFT OHNE FRAUEN

 
Sieben Jahrzehnte Geburtenkontrolle haben zum Männerüberschuss geführt – nicht nur in Asien. Mit schuld ist auch die Entwicklungshilfe des Westens.

(© BILL ARMSTRONG)

Kahle Äste werden sie genannt. Männer, die sich eine Partnerin wünschen, jedoch nie eine finden werden, keine Familie gründen können. So viele gibt es schon von ihnen, dass in China Schriftzeichen für sie existieren. Die Bezeichnung als fruchtloses Gewächs weist trotz all ihrer Poesie auch auf die Tragik ihrer Situation hin, zeigt auch ihre Verletzlichkeit. Wobei diese vor allem auf die zutrifft, die eben millionenfach fehlen: die Frauen. Weltweit sind es 177 Millonen, so der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA). Sie, die wenige sind, sind auch noch wenig wert und immer öfter Opfer von Vergewaltigungen, Verschleppungen, Menschenhandel. Die Ursprünge dieser brutalen Auslese jedoch liegen – anders als im Westen oft angenommen – nicht allein in China oder Indien, wo in manchen Landesteilen auf 100 Männer weniger als 80 Frauen kommen.

„Wer den Sohn als einzige Versicherung für die Zukunft sieht, der möchte eben einen solchen“, formuliert es die Politologin ­Valerie ­Hudson im ARTE-Dokumentarfilm „Bloß keine Tochter!“. Die amerikanische Wissenschaftlerin ist eine der beiden Autorinnen einer Studie über die „Bare Branches“ Chinas, die sie in dem gleichnamigen Buch veröffentlicht hat.
Vor dem weltweiten „Verschwinden der Frauen“ warnte hingegen bereits vor rund 30 Jahren der Nobelpreisträger ­Amartya Sen. Nicht Armut oder ein nicht-westliches Wertesystem allein führten dazu, dass Mädchen systematisch „aussortiert“ – abgetrieben oder nach der Geburt getötet – werden, so der indische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph.

Heute herrscht nicht nur in Regionen Indiens, Pakistans und großen Teilen Chinas ein drastischer Männerüberschuss; er existiert dort, wo die Sohnpräferenz auf Möglichkeiten der Selektion trifft: in insgesamt 19 Ländern, darunter Teile Nordafrikas, der Iran und der Kaukasus. Hier waren nach dem Wegfall der Sowjetunion und ihren sozialen Absicherungssystemen alte Muster wieder hochgekommen, die Eltern zogen im Alter bei den Söhnen ein, die männlichen Nachkommen sind das Bollwerk der Familie.
Der Ökonomieprofessor Klasen, der 2002 noch von einer „schleichenden Katastrophe“ gesprochen und den Frauenschwund mit der chronischen Unterernährung verglichen hatte, sieht allerdings den Peak in dieser Tendenz weltweit erreicht: „Global sollten die Zahlen in den kommenden Jahren zumindest nicht mehr schlechter werden, denn die Anreize, einen Jungen statt eines Mädchens zu haben, nehmen weltweit ab.“

Die Forderung, das globale Bevölkerungswachstum zu drosseln, ist hingegen aktuell wie nie zuvor, ebenso wie die Vorstellung, die Menschheit werde irgendwann brutal an die Grenzen der Ressourcen und damit ihres eigenen Wachstums stoßen. Und das vor allem vor dem Hintergrund einer drohenden Klimakatastrophe. Einen Anstieg der Weltbevölkerung auf 9,8 Milliarden Menschen bis 2050 prognostizierten die Demografen der Vereinten Nationen im Jahr 2017. Unstrittig sehen Experten darin eine Verschärfung von Versorgungs- und Verteilungs­problemen. Gleichzeitig konnten sie jedoch auch einen weltweiten Rückgang der Geburten feststellen, freilich bei gleichzeitiger Steigerung der Lebenserwartung. Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt mittlerweile in Ländern, in denen die Geburtenrate nicht mehr bestandserhaltend ist. Viele Demografen sehen darin die Anzeichen, dass der Scheitelpunkt des kontinuierlichen Anstiegs bald erreicht sein sollte.

Autorin: Shila Meyer-Behjat

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Juni-Ausgabe des ARTE Magazins!

Bloss keine Tochter! Asiens Frauenmangel und die Folgen

Dokumentarfilm, Dienstag, 19.6. 20.15 Uhr

Online verfügbar bis zum 25. Juni auf arte.tv

Kategorien: Juni 2018