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UND ACTION …

 
Sie hielt das Jahr 1968 für immer fest: die damals brandneue Super-8-Kamera.
Filmische Erinnerungen dreier Zeitzeugen – zwischen Barrikaden, feministischer Befreiung und Revolten am Esstisch.

(© Daniel Hofer)

Paris brennt, Berlin tobt. Der Vietnamkrieg fordert mehr Opfer denn je. Schüsse fallen, auf ­Martin Luther King Jr., auf ­Robert F. Kennedy, auf ­Rudi ­Dutschke. Berichte und Bilder, die jeder aus dem Fernsehen kennt. Doch das Jahr 1968 besteht aus mehr als diesen öffentlichen Zeugnissen: Dank der Erfindung der Super-8-Kamera drei Jahre zuvor halten nun auch private Aufnahmen das Jahr in all seinen Facetten fest. Auf einmal filmen Familienväter in verschwommenen Farbbildern ihre Urlaube und die gepflegten Sonntags­essen mit hübsch angezogenen Kindern. Und nicht nur das: Amateurfilmer drücken auch auf den Straßen, bei Protesten, auf „Record“. Sie alle dokumentieren damit lange vor Erfindung von Smartphone und Instagram jene Epoche, die die wohlgeordnete Welt Kopf stehen lässt. Das Private wird politisch. Und die Gegensätzlichkeit von gutbürgerlichem Leben der Familie und jugendlicher Anarchie durch die Super-8-Linse sichtbarer denn je.

„Anarchie“ – wenn Jean-Jacques ­Lebel das Wort ausspricht, liegt große Sehnsucht in seiner Stimme. Der Künstler war derjenige, der im Mai 1968 vorschlug, das Odéon-Theater in Paris als Symbol der offiziellen Kultur zu besetzen, um es für alle öffentlich zugänglich zu machen. Kurz zuvor hatten Studenten und Arbeiter bereits die Sorbonne eingenommen, nachdem es zu ersten Studentenunruhen in Nanterre gekommen war, aus der die „Bewegung des 22. März“ hervorging. ­Martin ­Luther King Jr. war am 4. April in Memphis erschossen worden. Der Vietnamkrieg verzeichnete hohe Opfer­zahlen. „Nachdem wir zuerst gegen den Algerien­krieg protestiert hatten, wurde Vietnam für uns immer bedeutsamer. Wir lehnten den amerikanischen Imperialismus grundlegend ab“, erzählt ­Lebel, der sich in den 1960ern gegen einen festen Wohnsitz wehrte und provokante Kunstaktionen veranstaltete. 1966 etwa, als er wegen seines Happenings „120 minutes dédiées au divin Marquis“ sogar ins Gefängnis musste, weil es nackte Haut zu sehen gab und während der Aktion LSD verteilt wurde. „Die höchste Kunst ist der Aufstand“, sagt ­Lebel. Und lebt danach.

Jean-Jacques Lebel: Der Künster, der 1936 in Paris geboren wurde, gilt als Erfinder des „Happenings“, schockierender Aktionskunst mit Publikum. (RBB © Jean-Jacques Lebel)

Doch die Zeiten ändern sich: Heute ist der Franzose zu Hause in Paris erreichbar, hat eine Adresse, eine Telefonnummer. „Das ist eigentlich ein wenig traurig, finden Sie nicht auch?“ Dass der Herr mit den weißen Haaren heute 81 Jahre alt ist, ist ihm nicht anzumerken, sobald er von den Aufständen im Pariser Quartier Latin im Mai 1968 spricht: „Zu der Zeit haben wir keine zwei Nächte an einem Ort verbracht, wir haben wie Nomaden gelebt.“ Studenten und Arbeiter, im Protest verbunden, mit dem festen Willen, die Gesellschaft rundum zu erneuern. „Mit dem Odéon-Theater wollten wir ein öffentliches Forum schaffen, in dem jeder frei sprechen konnte.“ Er erzählt, wie er, 31 Jahre alt, auf das Dach stieg, um ein Banner zu befestigen. „Mit schwarzer Farbe habe ich ‚ex‘ vor ‚Théâtre de France‘ geschrieben, so stand dort: ‚ex-Théâtre de France‘“, sagt er und fängt beim nächsten Gedanken an zu lachen: „Inzwischen heißt es ja ‚Théâtre­ de l’Europe‘.“ Das Forum war für alle geöffnet, ­Lebel hatte seine Arbeit getan und zog weiter.

Beim Durchblättern alter Schwarz-Weiß-Fotos erinnert er sich nahezu lückenlos an jede Situation von 1968. „Diese Barrikade war am Boulevard Saint-­Germain, beim Carrefour de l’Odéon“, sagt er und zeigt auf ein Foto. „Wunderbar. Das fühlt sich an wie gestern.“ Fotos, selbst gedrehte Videos, Aufzeichnungen. Die dokumentierenden Elemente der 1960er machen das Erlebte zu einer Collage, in Schwarz-Weiß oder im farbigen 8-mm-Bewegtbild. Sie vervollständigen das mediale Bild der 1968er. Die ARTE-Doku „1968mm“ fängt die Stimmung jener Zeit ein, die in die Geschichte eingehen sollte. Mit persönlichen Geschichten, von Menschen wie Jean-­Jacques ­Lebel, die die 1960er nicht nur erlebt haben, sondern diese Epoche mit ihren film- und foto­gewordenen Erinnerungen bis heute lebendig halten.

Autorin: Karoline Nuckel

Den vollständigen Artikel mit spannenden Rückblicken weiterer Zeitzeugen lesen Sie in der Mai-Ausgabe des ARTE Magazins!

1968mm – Sex und Rock ’n‘ Roll

1968mm – BHs und Barrikaden

1968mm – Reformen, Panzer, Hühnersuppe

3-teilige Dokureihe, Freitag, 25.5. | ab 21.45 Uhr
Online verfügbar vom 25.Mai bis zum 22. August

Kategorien: Mai 2018