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MUSS ICH UNBEDINGT POLITISCH SEIN?

 
Mit 21 Jahren zählt ARTE-Magazin-Redakteur Julian Gutberlet zur Generation Z. Er beschreibt sich als bedingt politisch, bisweilen spießig. Wie findet das einer, der die 68er auch heute noch lebt – Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele?

Julian Gutberlet hat Hans-Christian Ströbele in seiner Berliner Kanzlei getroffen. (© Fabian Brennecke)

Die „Generation unpolitisch“ trifft auf einen Alt-68er. Was die Jungen von den Alten lernen können und wieso sie die Straße als Protestort dringend brauchen.

Julian Gutberlet: Ich wurde antiautoritär erzogen – ein Erbe der 68er. Als Ergebnis habe ich nichts gemacht, weil ich alles durfte. Nie gekifft, nie getrunken, mehrmals mit derselben gepennt, um den alten Spontispruch zu bemühen. Mache ich die 68er-Errungenschaften rückgängig?
Hans-Christian Ströbele: Nein, ich habe auch nie gekifft. Über die Stränge schlagen gehört nicht unbedingt zum Leben dazu, das muss man nicht alles durchmachen. Machen Sie ruhig weiter so, aber engagieren Sie sich politisch.

Julian Gutberlet: Darum geht’s ja. Ich finde Politik unattraktiv, Protest sehr anstrengend. Laut Studien geht es vielen Gleichaltrigen ähnlich. ­Unserer Generation scheint Politik egal zu sein. Ist das ein Problem?
Hans-Christian Ströbele: Das war ein Problem und wird immer eins sein. Das politische Interesse steigt und fällt wellenförmig.

Julian Gutberlet: Wenn wir uns mal vom Sofa aufrappeln, dann verpuffen Demos wie Blockupy und G20 relativ schnell. Was machen wir falsch?
Hans-Christian Ströbele: Sie dürfen nicht denken, dass 1968 alle mitgemacht haben. Eine Demo mit ein paar Hundert Leuten war schon ein Erfolg. Es waren nicht mehr als heute, aber es war politisch durchdachter, es war eine Theorie dahinter. Man orientierte sich an Philosophen wie ­Marcuse und ­Adorno und tat so, als hätte man Karl Marx verstanden. Das ist heute nicht mehr so. Wenn ihr heute demonstriert, seid ihr zu schnell frustriert. Wenn ihr sagt, ihr habt fünfmal demonstriert – das ist doch nichts.

Julian Gutberlet: Marx ist bei uns völlig out. Mein iPhone, mein Auto, meine Uhr – das ist alles, was zählt.
Hans-Christian Ströbele: Das denken Sie jetzt. Aber irgendwann kommt der Punkt im Leben, an dem man erkennt, dass diese Reichtümer ziemlich bedeutungslos sind. Glücklich wird man damit nicht.

Julian Gutberlet: Viel Protest findet im Netz statt. Braucht man in Zeiten digitaler Medien noch die Straße, um Veränderungen herbeizuführen?
Hans-Christian Ströbele: Die Straße ist der Geburtsort politischer Bewegungen – immer noch. Ohne die klappt es nicht. Man muss den Mut haben, auf der Straße Dinge offen zu kritisieren. Das Netz kann da helfen, aber an der Fußgängerzone führt kein Weg vorbei. Da, wo Menschen sich versammeln, da müsst ihr hin. Die digitalen Medien haben die Kraft, schnell Zehntausende auf die Straße zu bringen. Für uns damals undenkbar. Wenn wir zu einer Demo aufrufen wollten, mussten wir Flugblätter abnudeln.

Julian Gutberlet: Mein Vater hat mir erzählt, wie er als Jugendlicher mit langen Haaren und schräger Musik schon im Wohnzimmer eine Revo­lution auslösen konnte.
Hans-Christian Ströbele: Ja, das war der Protest abseits der Straße. Ich war nie besonders musikinteressiert, aber auch mich hat die Welle mitgerissen. Ohne die Musikkultur – die vorwiegend aus den USA kam und richtige Philosophien verbreitete – wäre die Bewegung anders verlaufen. Das hat der Sache den Spaß gegeben.

Julian Gutberlet: Mit Taylor Swift und ­Justin Bieber lösen wir heute keine Revolution mehr aus. Überhaupt glaube ich, dass uns Protest aberzogen wurde – draußen, zu Hause, vor allem aber in der Schule.
Hans-Christian Ströbele: Kann gut sein. Meine politische Bildung kam nicht aus der Schule, sondern von dem, was ich nebenher gelesen habe. Ihr müsst euch selbst bilden, ins Ausland gehen, andere Lebens- und Denkweisen kennenlernen, nicht nur auf Lehrer hören und vor allem, Schule nicht zu ernst nehmen.

Das vollständige Interview finden Sie in der Mai-Ausgabe des ARTE Magazins.

Rebellisch oder unpolitisch? Protestgeneration 2018

Gesellschaftsdoku | Dienstag, 22.5. | 23.20 Uhr
Online verfügbar bis 19. August auf arte.tv

Kategorien: Mai 2018