Iran, Wasserknappheit, Wassernot, Wüste

DIE WÜSTE EDEN

 
Die Bevölkerung des Irans leidet unter hausgemachten Umwelt­katastrophen. Ganze Provinzen ­trocknen aus, Sandstürme und extreme Luftverschmutzung ­gefährden die Gesundheit der Menschen. Ändert sich nichts, wird das Land größtenteils unbewohnbar. Eine riesige Fluchtbewegung droht.

(© DPA PICTURE-ALLIANCE)

Der Karun im Südwesten des Irans ist der längste und vor allem der einzig schiffbare Fluss des Landes. Er entspringt am Zard Kuh, dem mit 4.450 Metern höchsten Berg des Zagros, dem größten Gebirge des Irans. Nach 900 Kilometern mündet er im Arvandrud (arabisch: Schatt al-Arab), jenem Fluss, der die südwestliche Grenze zum Irak markiert und in den Persischen Golf fließt. Als Teil des „fruchtbaren Halbmonds“ war die Region um den Karun herum berühmt für die Qualität ihres Wassers und Bodens. Die Dattelpalmen am Ufer des Flusses waren an Schönheit kaum zu übertreffen, sie wurden sein Wahrzeichen. All dies bescherte dem Karun einen besonderen Platz in der Geschichte – vom mesopotamischen Gilgamesch-Epos über eine Würdigung als einer von vier Flüssen des Gartens Eden bis hin zur volkstümlichen Tradition des modernen Irans.

Doch diese glorreichen Zeiten sind vorbei. Von der einstigen Pracht ist nichts mehr übrig, eine unvergleichliche, von Menschen verursachte Tragödie hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten abgespielt. Das Flussbecken des Karun ist vielerorts ausgetrocknet, die umliegenden Ökosysteme sind zerstört. Hinzu kommen giftige Industrieabfälle, die in den Karun fließen und ihn sowohl als Trinkwasserquelle als auch für die landwirtschaftliche Nutzung unbrauchbar machen. So dient der Karun heute als Sinnbild für die Wasser- und Umwelt­krisen des Irans, die mehr noch als die ohnehin eklatanten sozialen und politischen Unruhen die Zukunft des Landes bestimmen werden. Grund für die Tragödie rund um den Karun sind über ein Dutzend fehlgeplanter Talsperren, die nach dem Irak-Iran-Krieg (1980–88) zur Stromgewinnung und zur Abzweigung in wasserarme Binnenprovinzen wie Isfahan, Kerman und Yazd errichtet wurden. Trotz vorhandener Studien aus der vorrevolutionären Schah-Zeit zu den zu erwartenden negativen Folgen für das Ökosystem und die Menschen wurden diese Projekte unter Präsident ­Rafsandschani (1989–97) und seinem Nachfolger ­Chatami (1997–2005) vorangetrieben. Zehntausende Menschen mussten infolgedessen umsiedeln. Viele von ihnen ethnische Minderheiten der Araber, Bachtiaren und Luren sowie verarmte Bauern, allesamt ohne politische Lobby in der Haupstadt Teheran.
Ein Mitverursacher des problematischen Wandels stammt noch aus der Zeit vor der Islamischen Revolution (1979): die Zuckerrohr-Agrarindustrie. Auf Bestreben der US-Regierung wurde 1962 Haft Tappeh, ein Gebiet 15 Kilometer südlich des alten Susa, in eine 10.000 Hektar große Zuckerrohr-Plantage verwandelt. In den 1990ern kamen weitere 70.000 Hektar Land hinzu. Viele Farmer wurden gezwungen, ihr Land zu Spottpreisen zu verkaufen, oder enteignet.

Exzessiver Verbrauch

Landwirtschaftsexperten weisen seit Langem darauf hin, dass Zuckerrohr nicht zu den regionalspezifischen Kulturpflanzen des Irans gehört. Sogar den Behörden zufolge sind die in der Produktion benutzten Pestizide und die damit einhergehenden Verschmutzungen eine wichtige Ursache der Wasserverunreinigung. Hinzu kommt, dass Zuckerrohr für exzessiven Wasserverbrauch bekannt ist. Heute sind die Anbauflächen von einem hohen Salzgehalt betroffen, der sie unbrauchbar macht und die Artenvielfalt und die Dattelplantagen dezimiert.
Neben dem Karun gehören der durch Isfahan fließende Zayandeh Rud und der Urmiasee im Nordwesten des Landes zu den prominentesten Beispielen der landesweiten Wasserkrise. Der Iran ist zu einem Wasser-Importeur geworden. Zum ausgetrockneten Karun und weiteren Flüssen der Provinz Khuzestan gesellen sich Sandstürme und Luftverschmutzung, die das Leben in der Erdölprovinz einschließlich seiner Hauptstadt, der Millionenstadt Ahvaz, unerträglich machen. Das ganze Ökosystem wurde seit der Revolution umgekrempelt.
Den massiven Anstieg der Sandstürme führen ansässige Wissenschaftler auf die postrevolutionäre Opferung von Moorland zugunsten der Ölförderung zurück. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahrzehnten auch auf der irakischen Seite der Grenze Sumpfgebiete zerstört wurden. Politiker der
Islamischen Republik nahmen Letzteres lange Zeit zum Anlass, die Quelle der Sandstürme gänzlich außerhalb des Landes zu verorten – doch das eigene Umweltministerium widersprach. In Sachen Luftverschmutzung, inklusive Feinstaub, rangieren Städte in Khuzestan weltweit auf den vorderen Plätzen.
War die Provinz vor der Revolution für ihren kosmopolitischen Charakter bekannt, so ist sie heute ein Brennglas für die mannigfaltigen Krisen. Trotz ihres Erdölreichtums – 90 Prozent der Ölreserven des Landes befinden sich dort – ist Khuzestan verarmt. Während die offizielle staatliche Propaganda die Opfer, die Khuzestan im als „heilige Verteidigung“ verklärten Krieg mit dem Irak erlitt, nach wie vor als Märtyrer zelebriert, fühlen sich die Bewohner vom Staat betrogen und von der Zentral­regierung im Stich gelassen. Die Arbeitslosigkeit ist im Landesvergleich überdurchschnitlich hoch, vor allem bei den arabischsprachigen jungen Menschen und den Frauen. Die fortschreitende Umweltkatastrophe wird von den Behörden seit jeher ignoriert, mit massiven Folgen für den Alltag und die Gesundheit der Menschen.

Autor: Ali Fathollah-Nejad

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Zum Autor
Ali Fathollah-Nejad ist Iran-Experte am Belfer Center der Harvard Kennedy School, Gastwissenschaftler am Brookings Doha Center.

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Kategorien: Mai 2018