Cécile Calla, Grillen, Grillsaison, Typisch Deutsch
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TYPISCH DEUTSCH: DIE GRILLHEILIGEN

 
Ab Mai bahnt sich der deutsche Grillwahn seinen Weg – bei jedem Wetter. Für unsere französische Autorin ein verrückter Ausdruck von Freiheit. 

(© Illustration: Martin Haake)

Überall riecht der Frühling nach Blumen. In Deutschland, so kommt es mir manchmal vor, riecht er vor allem nach Bratwurst. Kaum scheint die Sonne, wird das Grillen hier zur gefeierten Hauptattraktion der Wochenenden. Der Geruch von gegrilltem Fleisch breitet sich über die ganze Stadt aus und benebelt einem die Sinne. Entkommen kann keiner!

Es ist ein wenig so, als entdeckten meine deutschen Freunde jeden Frühling erneut ein Stück ihrer Freiheit, indem sie in einem Park ein Stück Fleisch auf den Grill legen. Das in Frankreich verbreitete Gerücht, die Bio-Deutschen seien auch alle Vegetarier, wird gerne widerlegt. Und so wie es in der berühmten Zigarettenwerbung „Liberté toujours“ – „Freiheit immer“ – lautet, so scheint in dieser Jahreszeit ein eigener Slogan zu gelten: „Grillen immer“. Ich muss zugeben, dass es mir auch nach 14 Jahren in Deutschland etwas schwerfällt, diese kollektive Leidenschaft zu verstehen. Oft ist es mir schlicht viel zu kalt. Ich zähle die Tage nicht mehr, an denen ich bibbernd unter einem grauen Himmel auf mein Würstchen wartete, während die anderen um mich herum, um einen wärmenden Grill versammelt, begeisterte „Ohs“ und „Ahs“ ausstießen.

Und da wäre noch etwas: Auch in Deutschland gilt die Tendenz zu mehr Vielfalt und Qualität bei Lebensmitteln. Sobald der Grill brennt, scheinen Schweinefleisch vom Discounter oder fade, weiße Würstchen aus dem Süden aber zu genügen. Was hingegen die Technik angeht, so knausern die Deutschen wirklich nicht. Da werden auch mal Tausende Euro in einen Bratwurströster investiert. Manche davon sind wahre Technik- und Design-Wunder, die es einem erlauben, zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jedem Wetter zu grillen – selbst im Winter. Für die Deutschen sicherlich auch ein Weg, sich der Natur nah zu fühlen.

Auch wir Franzosen treffen uns an schönen Tagen gerne mit Familie und Freunden, um Chipolatas oder Merguez – aus dem Maghreb übernommene Gerichte – zu grillen, begleitet von Salaten und Taboulés. Aber dennoch sind wir dabei Lichtjahre von der deutschen Lebensart entfernt. Niemand würde nämlich dieses Abenteuer bei unter 25 Grad wagen. Grillen im Pullover? In Frankreich undenkbar. Zudem ist es in öffentlichen Parks und Gärten verboten. Resultat: Bei schönem Wetter wird in meiner Heimat gepicknickt – einfach, schnell und schmackhaft. Zu bequem und zu wenig Abenteuer, beteuern meine deutschen Freunde. Ob es uns Franzosen doch an Freiheitsliebe mangelt? „Grillen immer!“

Autorin: Cécile Calla

Zur Autorin: Die Französin lebt seit 2003 in Berlin und arbeitet als freie Journalistin für deutsche und französische Medien. Im Jahr 2009 erschien ihr Erlebnisband „Tour de Franz“.

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Kategorien: Mai 2018