Baden-Baden, Berliner Philharmoniker, Elina Garanca, Osterfestspiele, Sir Simon Rattle
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GROSSES PUBLIKUM IM TAL DER OOS

 

Mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern kamen die Osterfestspiele nach Baden-Baden. Eine Erfolgsstory in der Bäderstadt.

Highlight im Frühjahr: Seit 2011 gestalten Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker die Osterfestspiele in Baden-Baden (© Monika Rittershaus)

Baden-Baden im August 1860. Nach jahrelangem Exil wagt Richard Wagner sich wieder nach Deutschland, unter anderem nach Baden-Baden, um der Kronprinzessin ­Augusta von Preußen in ihrer dortigen Sommerfrische seine Aufwartung zu machen. „Im Ganzen hasse ich den Aufenthalt in Bädern“, schreibt er. Dennoch führt sein Weg immer wieder in die Kurstadt, angelockt von der Prominenz, die der musikinteressierte Chef der Spielbank, ­Edouard ­Bénazet, um sich versammelt. ­Darunter auch Hector ­Berlioz, jahrelanger „composer in residence“, und ­Johannes Brahms, der im nahen Lichtental wohnt. Auch ­Clara ­Schumann ist oft da. ­Wagners Freund Franz Liszt sowieso. Man trifft sich im Salon der Sängerin ­Pauline ­Viardot-­Garcia. Man musiziert, parliert und sinniert auch über ­Wagners Idee, Festspiele mit seinen Werken auszutragen, auf „Brettern nach meinem Plane“, wie er schreibt. Obwohl der Bürgermeister ihm sogar ein Grundstück anbietet, wird ­Wagner der Stadtverwaltung 1874 eine Absage erteilen. Im bayerischen König ­Ludwig II. hat er einen mächtigeren Gönner gefunden.

124 Jahre wird die Stadt an der Oos auf ihr Festspielhaus warten müssen. Dann aber kann es nicht schnell genug gehen. In Rekordzeit wird es aufgebaut, doch nur sechs Wochen nach der feierlichen Eröffnung am 18. April 1998 steht es vor der Pleite. Rien ne va plus? Kein egomanischer Komponist hatte diesmal die Idee, sondern ­Ermano Sens-­­Grosholz, ein Tenor aus Südtirol, der sich in Baden-Baden als Designer ausgefallener Handtaschen und Schuhe einen Namen gemacht hatte. Für seine selbst finanzierte Konzertreihe wünschte er sich einen standesgemäßen Rahmen. Mit ­Eliette von ­Karajan gründete er ein ­„Comité“, das zunächst nicht ernst genommen wurde. Doch als die Witwe ­Herbert von ­Karajans damit frohlockte, ein Erbe ihres Mannes, die Pfingstkonzerte, von Salzburg nach Baden-Baden ziehen zu lassen, wurde man hellhörig. Im Nu war in der Stadt mit der höchsten Millionärsquote Deutschlands ein Grundstock zusammengetragen, der auch die Oberen überzeugte. Und auch ein passender Ort wurde schnell gefunden: der seit 1977 stillgelegte Alte Stadtbahnhof, dessen großherzogliches Empfangsgebäude im Belle-Époque-Stil unversehrt den Krieg überstanden hatte. Am 10. Mai 1996 setzte Kanzlergattin ­Hannelore Kohl den ersten Spatenstich für einen 120 Millionen Mark teuren Anbau. „Der Alte Bahnhof passt zum neuen Festspielhaus wie eine zierliche Brosche auf ­Schwarzeneggers Brust“, lästerte „Der Spiegel“, was das Selbstbewusstsein der Baden-Badener allerdings nicht erschüttern konnte.

Ein „Euro-Concertare“ werde im Tal der Oos anheben, tönte seinerzeit der Festspielplaner ­Wolfgang ­Gönnenwein, man wolle „das große Publikum mit dem Lasso einfangen“. Dass dieses zum Strick werden sollte, ahnten nur wenige. Was half es da, dass die Akustik so gut war wie in der Dresdner Semperoper, wenn das Haus – mit 2.500 Plätzen so groß wie die Pariser Bastille-Oper – wegen astronomischer Ticketpreise nicht voll wurde? Als Retter in der Not erwies sich schließlich 1998 ­Andreas ­Mölich-­Zebhauser, Musikwissenschaftler und erfahrener Manager. In nur vier Jahren gelang es ihm, das Festspielhaus rentabel zu machen. Auch einen technischen Defekt an der Sprinkleranlage im Jahr 2000, der kurz vor einer Premiere 40.000 Liter Wasser auf die Bühne stürzen ließ, überlebte man. Alle Friseure der Stadt halfen mit ihren Föhngeräten beim Trocknen.

An die Stelle des undurchsichtigen Firmengeflechts trat eine private Kulturstiftung mit noblen Spendern. Systematisch baute ­Mölich-­Zebhauser ein professionelles Fundraising auf. Ein hauseigenes Reisebüro schnürt exklusive Pakete für Kurztrips. Besucher aus der Region lotst ein Bus-Shuttle ins Haus. Fast 200.000 Besucher kommen so jährlich. Technik und Verwaltung sind überschaubar. Es gibt kein teures Ensemble, keine Kostümabteilung. Miete und Instandhaltung trägt die öffentliche Hand. Etwas Glück hatte ­Mölich-­Zebhauser aber auch. Er erwischte die Berliner Philharmoniker, die die Osterfestspiele seit ihrer Gründung von ­Herbert von ­Karajan 1967 in Salzburg ausrichteten, in einem heiklen Moment. ­Karajans Nachfolger ­Simon ­Rattle war unzufrieden mit der strikten Programmstruktur der Salzburger, die ihn aufwendige Opernproduktionen nur zwei Mal spielen ließ. Plötzlich erwies sich die „alternde Kokotte an der Oos“, wie ein Publizist frech über Baden-Baden geschrieben hatte, als frohlockende solvente Geliebte. Exklusive Bildungsprojekte bot sie an, Konzerte an allen Orten, billigere Produktionsmöglichkeiten, mehr Oper und Marketing. 2011 verkündeten die Berliner, Salzburg in Richtung Süddeutschland zu verlassen.

Autorin: Teresa Pieschacón Raphael

Den ganzen Artikel lesen Sie in der April-Ausgabe des ARTE Magazins!

Sir Simon Rattle, Elina Garanca und die Berliner Philharmoniker bei den Osterfestspielen Baden-Baden

Konzert, Sonntag, 1. April, 17.45 Uhr
Online verfügbar bis zum 24. April. Mehr auf concert.arte.tv

Kategorien: März 2018