Sabine Klüber, TYPISCH FRANKREICH

TYPISCH FRANKREICH


Salut Fettnäpfchen


Verwirrende Höflichkeit: In Frankreich küssen sich wildfremde Menschen auf die Wange, wohingegen manche Ehepaare beim „Sie“ bleiben.

© Illustration: Martin Haake

Was möchte man, wenn man seine Schwiegermutter in spe zum ersten Mal trifft? Na klar, einen möglichst guten Eindruck machen und den herumstehenden Fettnäpfchen geschickt ausweichen. Leider bin ich, als ich meiner belle-mère zum ersten Mal gegenüberstand, schon mit dem ersten Wort tief in eins hineingetappt. Dabei wollte ich nur freundlich „Hallo“ sagen. Dass sich die Übersetzung „salut“ gegenüber fremden, älteren Personen nicht schickt, hatte mir dummerweise zuvor niemand gesagt.

Die meisten Franzosen, nicht nur meine Schwiegermutter, legen viel Wert auf Etikette. Dazu gehört nicht nur ein höfliches „bonjour“, „excusez-moi“ und „s’il vous plaît“, sondern auch die förmliche Anrede „vous“ – verwirrenderweise jedoch eher im privaten als im beruflichen Bereich: Im Gegensatz zu meiner Mutter, die meinem Mann schon bei der ersten Begegnung das Du anbot, sieze ich meine Schwiegermutter auch nach zwölf Jahren Bekanntschaft. Und auch mein Mann besteht darauf, meine Mutter weiterhin zu siezen. Ist das nun besonders höflich oder verklemmt?

Im Fall der Schwiegermutter könnte es sich ja noch um Kalkül handeln: Vielleicht hofft man, dass sie sich weniger in das Liebesleben oder die Kindererziehung einmischt, wenn man sie mit dem „Sie“ auf Abstand hält. Was hat es aber zu bedeuten, dass sich in Frankreich sogar manche Eheleute mit dem distanzierten „vous“ ansprechen? So weiß man zum Beispiel, dass Altpräsident ­Jacques ­Chirac und seine Frau ­Bernadette sich auch nach 62 Ehejahren immer noch siezen. Auf Deutsche wirkt das antiquiert – und höchst verwirrend, denn im Büro ist das vertrauliche „tu“ mittlerweile sogar gegenüber dem Chef gang und gäbe. So duzen mein Mann und ich unsere jeweiligen Vorgesetzten, aber eben nicht unsere Schwiegermütter.

Die französischen „bises“ (zur Begrüßung zart in die Luft geschmatzte Küsschen links und rechts) verwirren uns Deutsche jedoch noch mehr. So viel Intimität auch gegenüber Wildfremden? Immerhin werden die Bussis wirklich jedem auf die Wange gedrückt: ob alt, jung, vertraut oder fremd. Ich ernte regelmäßig irritierte Blicke, wenn ich einer mir unbekannten Person zur Begrüßung nur die Hand entgegenstrecke, anstatt sie abzubusserln. Ob ich sie danach duze oder sieze, ist dann auch schon egal. Meine belle-mère werde ich wohl ein Leben lang siezen. Auch ein saloppes „salut“ kommt mir nicht mehr über die Lippen. Gleichwohl wäre es ein schlimmerer Affront, ihr zur Begrüßung nicht die Wange zu reichen und sie zart zu küssen.

Autorin: Sabine Klüber

Zur Autorin Sabine Klüber
Die Journalistin lebt seit 2009 mit französischem Mann und zwei Töchtern in Straßburg.

Ein Wort, ein Gegenstand, ein Ritual – Karambolage erläutert spielerisch und humorvoll die kleinen und großen Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen.

Magazin: Karambolage, Samstags um 18.55 Uhr

 

Kategorien: März 2018