Die Dame, die im Meer spazierte, Francois Truffaut, Jeanne Moreau, Jules und Jim, Louis Malle, Nouvelle Vague
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ANDERS SCHÖN

 

Kammerzofe und Bordellchefin, mordende Witwe und Ehebrecherin. Dieses Jahr wäre Jeanne Moreau 90 geworden. Über die wunderbar Wandelbare und skandalös Selbstbestimmte.

Diva und Nouvelle-Vague-Ikone Jeanne Moreau (1928-2017) (Getty Images © Carlo Allegri)

„Eine Künstlerin, die das Kino in seiner ganzen Komplexität, seiner Erinnerung und seinem Verlangen verkörperte.“ Mit diesen Worten ehrte der französische Präsident die im Sommer 2017 verstorbene ­Jeanne ­Moreau und betonte damit nicht nur den Verlust für das Kino, sondern für die Nation. Tatsächlich trauerte das ganze Land mit ­Emmanuel ­Macron um die Diva und Charakterdarstellerin mit der markanten Raucherstimme. Geboren wurde ­Jeanne ­Moreau im Januar 1928 in Paris als Tochter eines französischen Brasseriebetreibers und einer englischen Tänzerin. Ihre Leidenschaft galt früh der Schauspielerei und so kämpfte sie sich nach einer klassischen Schauspielausbildung auf die Bühne und vor die Kamera.

Der Gegenwind, den ­Jeanne ­Moreau auf ihrem Weg verspürte, war gleichzeitig ihr Aufwind. Oft sprach sie von der Ablehnung ihres Vaters gegenüber ihrem Beruf. Als er von den Auftritten erfuhr, warf er sie raus. Seine Feindseligkeit bestärkte sie jedoch nur in ihrem Drang. In einer Fernsehshow erzählte sie, dass ihr Vater später stolz auf sie war – auch wenn er während ihrer Theateraufführungen stets einschlief. Bevor er zu schnarchen begann, erzählte er den Sitznachbarn, dass vorne seine Tochter stünde. Sah er sie in Filmen, war er dennoch oft schockiert. „Wie ekelhaft, du lässt dich von ­Gabin, diesem alten Idioten, küssen. Er könnte dein Vater sein!“, soll er entsetzt über eine Szene ­Moreaus mit dem legendären Jean ­Gabin geschrien haben.

Auch ­Moreaus Aussehen machte es ihr anfangs schwer. Schön war sie auf ihre eigene Art, nicht auf die klassische. Mit traurigen Gesichtszügen, herabzeigenden Mundwinkeln und einer hohen Stirn. Filmemacher ­Julien ­Duvivier sagte ihrem damaligen Impresario, sie habe Temperament, Talent, aber null Aussehen. Moreau, die diese Äußerung hörte, fühlte sich, wie sie später sagte, „galvanisiert“ und fasste gleichzeitig den Entschluss: „Ich werde Kino machen.“ Ihre Ausstrahlung und Einzigartigkeit lobte Filmkritiker ­Michael ­Althen als eine „Schönheit, die nicht irgendwelchen Idealen entspringt, sondern jenseits der üblichen äußerlichen Tugenden liegt.“

Frau eines Moments

Charakteristisch für Jeanne Moreau waren ihre große Leidenschaft, Stärke und Nonkonformität – privat wie professionell. Für eine Frau jener Zeit ungewohnt bis skandalös. Auch nach der Geburt ihres einzigen Kindes 1949 stand ihre Karriere im Vordergrund. Sie bezeichnete sich offen als „nicht mütterlich“ und erklärte dagegen: „Die Schauspielerei ist eine Gabe, um die ich mich kümmern muss.“

In den 1950er Jahren entwickelte sich dann ein filmischer Umbruch, der die Kunstform revolutionieren und dem Freiheitsdrang ­Moreaus entgegenkommen sollte: die „Nouvelle Vague“. Die Schauspielerin wurde zu einer der wichtigsten Ikonen der Bewegung, die sich für Authentizität der Filme sowie die individuelle Handschrift der Autoren einsetzte. „Es gab eine Zeit, in der die Filmemacher eine Schauspielerin brauchten, um eine bestimmte Art von Heldinnen zu spielen, und ich war die Frau dieses Moments“, erinnerte sie sich.

Autorin: Jana Idris
Den ganzen Artikel lesen Sie in der April-Ausgabe des ARTE Magazins!

Die Dame, die im Meer spazierte

Spielfilm, Montag, 2. April, 22.00 Uhr

Jeanne Moreau – Die Selbstbestimmte

Porträt, Montag, 2. April, 23.35 Uhr
Online verfügbar bis zum 31. Mai. Mehr auf arte.tv

Kategorien: März 2018