arabische Videobloggerin, Blogger, Lina Ben Mhenni, Tunesien
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LINA BEN MHENNI: EINE TUNESIERIN BLOGGT GEGEN UNRECHT

 

Die Tunesierin Lina Ben Mhenni hat gegen die Diktatur in ihrer Heimat gebloggt und engagiert sich auch heute noch im Netz gegen Unrecht. Ein Gespräch über die Macht sozialer Netzwerke und Bloggen zur Zeit der tunesischen Revolte 2010/2011.

 

Engagiert für die Menschenrechte: die tunesische Bloggerin Lina Ben Mhenni (© Jason Andrew/Contour by Getty Images)

ARTE Magazin: Frau Ben Mhenni, Sie engagieren sich in Tunesien als Videobloggerin. Welche Bedeutung kommt heutzutage sozialen Medien in der Welt und speziell in den arabischen Ländern zu?

Lina Ben Mhenni: Man muss bedenken, dass soziale Medien zuallererst ein Werkzeug sind. Ihre Wirksamkeit hängt natürlich davon ab, wie sie eingesetzt werden. Während der Revolte in Tunesien 2010/11 haben sie eine wichtige Rolle eingenommen. Wir lebten in einer Diktatur, ohne Meinungs- und Pressefreiheit. Mithilfe des Internets konnten wir die Medienblockade und die Zensur umgehen und unserer Stimme Gehör verschaffen.
Wir haben während der Aufstände mittels der sozialen Netzwerke Informationen verbreitet und Menschen mobilisiert. Und heute benutzen wir sie weiter, etwa um auf Probleme aufmerksam zu machen, die von konventionellen Medien und Informationskanälen vernachlässigt werden, und Menschen zu Engagement für Gutes zu bewegen. Dennoch nutzen einige leider das Netz, um anderen zu schaden, zu drohen oder sogar für den Dschihad zu gewinnen. Wie gesagt, alles hängt vom Umgang der Menschen mit diesem Medium ab.

ARTE Magazin: Sie kennen Blogger, die für ihre Aktivität ins Gefängnis mussten. Hatten Sie jemals Angst beziehungsweise haben Sie je gezögert, mit dem Schreiben weiterzumachen?

Lina Ben Mhenni: Noch unter dem Regime des ehemaligen Präsidenten Ben Ali habe ich meinen Blog begonnen und bekam prompt Probleme verschiedener Art. Es begann mit der Zensur meines Blogs im Internet und bald merkte ich, dass ich unter Polizeibeobachtung stand. Im Jahr 2010 bekamen meine Eltern und ich sogar Besuch von der Polizei, zu einem Zeitpunkt, als ich und andere Blogger eine Antizensur-Demonstration namens „Sayeb Salah“ planten. Für mich war diese Demonstration ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte des tunesischen Cyberaktivismus. Ich bekam Drohungen im Internet. Meine Eltern wurden auf ihren Arbeitsstellen eingeschüchtert. Dennoch kam es mir nie in den Sinn, mit dem Schreiben aufzuhören. Seit ungefähr vier Jahren lebe ich infolge von Morddrohungen durch Fundamentalisten unter Polizeischutz. Natürlich kommt manchmal auch ein Angstgefühl in mir auf, aber diese Angst wandelt sich meist in eine große Energie, die mich zum Durchhalten und Weitermachen bewegt.

ARTE Magazin: Wie begann Ihr Engagement als Bloggerin?

Lina Ben Mhenni:  Meinen Blog begann ich eher zufällig. Seit meiner Kindheit liebe ich das Schreiben. Aber alles, was ich früher schrieb, musste ich für mich behalten. Unter der Diktatur von Ben Ali konnte ich nichts veröffentlichen. Dann stieß ich auf Blogs und begann, meine Texte auf diesem mir neuen Medium zu publizieren. Zuerst ging es mir vor allem darum, mich auszudrücken. Dann bekam das Ganze eine andere Wende und ich fing an, mich dem Kampf für die Menschenrechte und gegen die Diktatur in meiner Heimat Tunesien zu widmen. Ich hätte nie gedacht, dass ich so viele Menschen damit erreichen würde.

ARTE Magazin: An wen richtet sich Ihr Blog? An Tunesier oder Menschen rund um den Globus, an Frauen oder Männer?

Lina Ben Mhenni: Darüber denke ich nicht nach. Ich überprüfe nie die Anzahl, das Geschlecht oder Alter der Userinnen und User. Ich widme mich einfach verschiedenen Themen, die mich interessieren. Auch Themen meines Alltags. Ich berichte live von Demonstrationen, spreche von Menschenrechten und Polizeiübergriffen, aber auch von Filmen und Theaterstücken.

ARTE Magazin: Können Sie ein aktuelles Projekt nennen, für das Sie sich in Ihrem Blog besonders einsetzen?

Lina Ben Mhenni: Mein Vater und ich haben zum Beispiel vor zwei Jahren in sozialen Medien und meinem Blog eine Bücherspendenaktion für Bibliotheken in tunesischen Gefängnissen gestartet. Damit haben wir bis heute 30.000 Bücher gesammelt.

ARTE Magazin: Bei der Recherche nach arabischen Bloggerinnen bin ich auf viele Frauen gestoßen, die im Netz von Schönheit oder Mode schreiben. Wieso geht es bei ihnen weniger um politische Themen, wie etwa Frauenrechte?

Lina Ben Mhenni: Wenn man in Diktaturen lebt, ist es natürlich schwierig, sich über Politik zu äußern und zu positionieren. Das gilt aber für beide Geschlechter. Aber es stimmt, dass es kaum Bloggerinnen gibt, die sich gesellschaftlichen Themen dieser Kategorie annehmen, sondern oft Schmink- und Modeangelegenheiten. Dies hängt jedoch eng damit zusammen, dass man mit dieser Art von Blogs einfach mehr Geld machen kann. Darüber hinaus ist dies ein globales Phänomen, nicht nur ein arabisches.

ARTE Magazin: Sind Blogger heute weniger politisch als zur Zeit der tunesischen Revolte 2010/11?

Lina Ben Mhenni: Ja, die Blogger sind tatsächlich weniger politisch. Manchmal habe ich den Eindruck, dass einige selbst politisches Engagement als eine Art Modeerscheinung betrachten, bei der man mitmacht. Als Ben Ali zur Aufgabe gezwungen wurde, war es ziemlich angesagt, revolutionär und engagiert zu sein. Viele spielten die Helden, auch wenn sie den Diktator in Wirklichkeit unterstützten. Das alles hat mittlerweile für einige offensichtlich seinen Glanz verloren und sie bloggen über Mode und andere Dinge.

ARTE Magazin: Wie stehen Sie dazu?

Lina Ben Mhenni: Ich werde auf jeden Fall meinen bisherigen Weg weitergehen. Ich sehe mich als engagierte Bloggerin, die sich gegen Unrecht stark macht, auch in Zukunft. Jeder ist frei und hat die Wahl.

 

Interview: Karoline Nuckel

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Kategorien: März 2018