Jean Ziegler

„EIN KIND, DAS VERHUNGERT, WIRD ERMORDET“

Der Soziologe Jean Ziegler kämpft gegen Unrecht in der Welt – mit Büchern, Demos und als Diplomat. Im Essay erklärt er, warum wir bei Menschenrechtsverletzungen nicht wegsehen dürfen und was ihn unermüdlich antreibt.

Der Optimismus des Willens: Das Leben hat Jean Ziegler des Öfteren die Schnürsenkel verknotet. Doch das hält den 83-Jährigen nicht davon ab, weiter gegen den Welthunger zu kämpfen.
(© Krista van der Niet)

Zur Erinnerung trage ich stets Fotos von verhungernden Kindern bei mir. Jedes Mal, wenn ich müde bin, nicht mehr kämpfen will, sehe ich mir diese Bilder an. Sie erinnern mich daran, dass alle fünf Sekunden auf dieser Welt ein Kind verhungert. Und ein Kind, das verhungert, wird ermordet. Ein jeder von uns sieht dabei zu. Wir beruhigen unsere Gewissen, indem wir glauben, wir könnten niemals alle 7,3 Milliarden Menschen hinreichend ernähren. Das ist eine Lüge. Laut des Welternährungsberichts der FAO könnte die Weltlandwirtschaft heute fast das Doppelte der Weltbevölkerung ernähren. Das Problem ist nicht die fehlende Produktion an Nahrung, es ist der fehlender Zugang zu Nahrung wegen einer kannibalischen Weltordnung.

Im vergangenen Jahr haben die 500 größten transkontinentalen Privatkonzerne 52,8 Prozent des Weltbruttosozial­produktes beherrscht, die Hälfte aller im Jahr auf der Welt produzierten Reichtümer. Diese schmalen Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals haben eine Macht, wie sie nie ein Papst, ein Kaiser oder König gehabt hat. Sie entschwinden jeglicher staatlichen Kontrolle und haben nur eine einzige Strategie: die Gewinnmaximierung um jeden menschlichen Preis. Ihre neoliberale Doktrin besagt, dass Marktkräfte das Weltgeschehen beherrschen und diese Kräfte nach Naturgesetzen funktionieren. Diese Wahnidee hat das kollektive Bewusstsein zubetoniert. Doch es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Deutschland ist die lebendigste Demokratie dieses Kontinents und eine der größten Wirtschaftsmächte der Welt. Wenn es morgen bei den deutschen Bürgern zum Aufstand des Gewissens käme, hätten wir alle Waffen dafür im Grundgesetz: von Wahlen bis zu Generalstreiks. Auch als Konsument kann man sehr viel tun: Gentechnisch veränderte Nahrung boykottieren. In Weltläden einkaufen, wo die Produzenten in Nicaragua und anderswo anständig entlohnt werden. Auch die humanitäre Soforthilfe durch Spenden hilft. Wenn ein Euro ein Kind einen Tag länger am Leben erhält, ist das gut.

Grund für den Hunger in der Dritten Welt sind unter anderem Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel wie Mais, Getreide und Reis, die 75 Prozent des Weltkonsums abdecken. Die Spekulationen schaffen astronomische Profite für die Großbanken und treiben die Weltmarktpreise in die Höhe. Daher kann sich zum Beispiel in den Favelas von São Paolo die Mutter die nötige Nahrung für die Kinder nicht mehr leisten und sie gehen zugrunde. Diese Börsenspekulationen von Frankfurt über London bis New York könnten morgen früh verboten werden – und Millionen Menschen wären gerettet.
Ein weiteres Problem ist das Agrar­dumping der EU. Billigprodukte wie Orangen aus Spanien oder Gemüse aus Deutschland fluten die afrikanischen Märkte. Ein paar Kilometer weiter steht der afrikanische Bauer mit Frau und Kindern zwölf Stunden lang in der sengenden Sonne auf dem Feld und hat nicht die geringste Chance, sich ein Existenz­minimum zu erwirtschaften, weil die verbilligten europäischen Dumpingprodukte deutlich günstiger sind als gleichwertige afrikanische Erzeugnisse. Das Dumping könnte morgen früh gestoppt werden, wenn die deutsche Öffentlichkeit das vom Agrarminister verlangt.

Was mir bei all dem Elend Hoffnung macht, ist die neue planetarische Zivilgesellschaft. Das sind Widerstandsbewegungen wie Greenpeace, Amnesty, Attac, Via Campesina oder die Welthungerhilfe. Sie kämpfen gemeinsam, aber an ganz verschiedenen Fronten, ohne Parteilinie und Zentralkomitee. Ihr Motor ist der kategorische Imperativ, der in jedem von uns wohnt. Immanuel Kant sagt: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“

Zufall der Geburt

Wenn man hungernde und sterbende Kinder gesehen hat, in der Mongolei, in Guatemala, in Bangladesch, kann man das nicht vergessen. Wenn ich nicht dagegen kämpfen würde, könnte ich mich nicht mehr im Spiegel anschauen. Ich bin zwar kein besonders mutiger Mensch, aber ein unglaublich privilegierter. Ich habe alle Bürgerfreiheiten, ich bin weiß, gut genährt, habe mein Uno-Mandat. Wenn ich Zuckerrohrschneider in Nordbrasilien wäre, hätte ich stattdessen Würmer im Magen, keine Rechte, keine Freiheit. Was uns von den Opfern trennt, ist nur der Zufall der Geburt. Dieses Privileg müssen wir nutzen. Auch ich denke manchmal ans Aufgeben. Doch am Ende siegt der Optimismus meines Willens über den Pessimismus der Vernunft, um ­Antonio ­Gramsci zu zitieren. Ich glaube, dass mein Leben einen Sinn hat, dass wir nicht zufällig auf der Welt sind, dass es einen Gott gibt. Das gibt mir Kraft. ­Georges Bernanos hat gesagt „Gott hat keine anderen Hände als die unseren.“ Wenn wir die kannibalische Weltordnung nicht brechen, tut es niemand sonst.

Autor: Jean Ziegler

Zum Autor

Jean Ziegler war von 2000 bis 2008 Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung. Seither ist er Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrates. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Der schmale Grat der Hoffnung“ (Bertelsmann 2017).

Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens
Dokumentarfilm, Dienstag, 3.4. | 22.25 Uhr
bis 2.5. auf arte.tv

Kategorien: März 2018