Erotik, Paul Verhoeven
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NATÜRLICH NACKT

Paul Verhoeven ist ein Meister der erotischen Inszenierung. Im Essay beschreibt der Filmemacher seinen Ehrenkodex.

© Illustration: Melanie Gandyra

Mit Sex zu fantasieren? Davon halte ich nichts. Das gibt es im Porno, aber nicht in meinen Filmen. Ich brauche Realität. Wenn ich erotische Szenen gedreht habe, dann beruhten diese Szenen auf meinen eigenen sexuellen Erfahrungen. Nur so können sie auch fürs Publikum interessant sein. Übertriebener, unrealistischer Sex so wie im Porno ist langweilig. Entscheidend ist: Wie schlafen die Leute miteinander? Welche Berührungen gibt es? Was sagen sie? Wie schauen sie einander an? Das ist deshalb spannend, weil du dem Zuschauer auf diese Weise intime Informationen über die Charaktere vermittelst.

„Elle“ zum Beispiel dreht sich um die Frage, wie weit Menschen für sexuelle Befriedigung gehen – in diesem Falle durch Sadomasochismus. Für mich als Regisseur war das aber auch eine gefährliche Gratwanderung, denn am Anfang dieser Beziehung stehen zwei Vergewaltigungen. Und bei so etwas musst du sehr genau aufpassen, denn das darf nicht erotisch wirken. Du willst dein Publikum unter keinen Umständen aufgeilen.

Hässlich und übergroß

Wenn du nun intime Szenen inszenierst, dann lautet die grundsätzliche Frage: Wie viel Nacktheit zeigst du? Sie ist für Erotik nicht zwingend notwendig. Aber sie ist natürlich. Im normalen Leben zieht man sich nicht das Leintuch bis zur Brust hoch, man trägt keinen BH und auch keine Hosen. Ich jedenfalls nicht. Deshalb sind meine Schauspieler beim Sex in der Regel nackt zu sehen. Es gab Zeiten, da hat sich deshalb niemand den Kopf zerbrochen. Als ich 1972 in Holland „Türkische Früchte“ drehte, haben alle bei den Sexszenen drauflos improvisiert. Das war die Zeit der sexuellen Revolution, den Schauspielern war es egal, was da im Bild zu sehen war.

Mitte der 1980er wechselte ich dann in die USA und ich begriff, dass man dort mit Erotik bei Weitem nicht so locker umging. Ich musste meinen Stil umstellen. Und das hieß: Choreografie. Lange vor dem Dreh sprichst du mit den Schauspielern über das Thema „Nacktheit“. Du hast von solchen Szenen Storyboards gemacht mit allen Details. Und dann setzt du dich mit den Schauspielern zusammen und diskutierst alles. Ohne Vorbehalte. Die Dinge müssen beim Namen genannt werden: Sind Schamhaare zu sehen? Die Nippel? Die Vagina? Wie zeigen wir einen Cunnilingus? Wir diskutieren die Kameraeinstellungen und die Details. Die Schauspieler können da auch Einwände vorbringen. Zum Beispiel weil sie finden, dass ein bestimmtes Körperteil bei ihnen unvorteilhaft aussieht. Oder weil ihnen etwas zu viel ist. Das alles musst du vor dem Dreh regeln. Danach ist Spontanität verboten. Aber diese Regeln machen es eben auch einfacher, weil jeder vorbereitet ist.

Was nicht heißt, dass es dann immer glatt läuft. Ich kenne Fälle, in denen Schauspieler sehr verkrampfen. Dafür gibt es dann ein probates Mittel: Bei „Spetters“ drehten mein Team und ich eben auch nackt. Bei „Basic Instinct“ hatten wir uns schon auf Probleme vorbereitet. Aber Sharon und Michael waren erotische Szenen in Filmen gewöhnt und schlüpften einfach aus ihren Bademänteln und legten los.
Anders lief es bei „Starship Troopers“, obwohl es da nur um eine Duschszene ging. Die Schauspieler wussten, was auf sie zukommt, trotzdem gab es beim Dreh betretenes Schweigen. Also haben mein Kameramann und ich die Hosen ausgezogen und als unsere
Penisse zu sehen waren, lachten alle. Das Eis war gebrochen.

Improvisierte Sexszenen

Ich glaube allerdings, dass so etwas in amerikanischen Filmen bis auf Weiteres nicht mehr möglich sein wird. Denn speziell durch die #MeToo-Bewegung steht jeder Regisseur unter Verdacht, wenn er mit einer Schauspielerin eine Nacktszene drehen möchte. Da heißt es schnell: „Der hat sie zu etwas überredet, was sie eigentlich nicht wollte.“

Ich denke, in Europa bleibt der Umgang mit Sexualität weiter vergleichsweise entspannt. Hier möchte ich auch meinen nächsten Film drehen: „Blessed Virgin“, die Geschichte zweier lesbischer Nonnen. Es wird natürlich kein Nonnenporno. Dieser Film wird religiös und erotisch zugleich. Er dreht sich um die Frage, ob Lust des Teufels ist oder von Gott stammt. Und wo findet sich der wahre Ursprung der Lust – und damit des erotischen Films? Bei Mutter Natur. Sie hat Sex so wunderbar gemacht, damit zumindest die Heterosexuellen Lust haben, sich fortzupflanzen. Sonst würde unsere Art nicht überleben. Letzten Endes dreht sich also alles nur um Babys.

Autor: Paul Verhoeven

Zum Autor

Paul Verhoeven ist ein niederländischer Kult­regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. In den 1980er und 1990er Jahren feierte der 79-­Jährige mit Filmen wie „RoboCop“, „Basic Instinct“, „Showgirls“ und „Starship Troopers“ regel­mäßig Hollywood-Erfolge.

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Kategorien: März 2018