Ballett, neumeier, nijinsky
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DER REVOLUTIONÄR

 
Der deutsch-amerikanische Choreograf John Neumeier zählt zu den ganz Großen im Ballett­­. ARTE zeigt seine Inszenierung „Nijinsky“ über den Jahrhunderttänzer Vaslaw Nijinsky. Ein Gespräch.

Choreograf John Neumeier in seiner Wohnung (© Roland Magunia)

John Neumeier, der Choreograf.­ N-E-U-M-E-I-E-R.“ Es dauert ein wenig, bis der japanische Rezeptionist den Anruf durchstellt. In nahezu perfektem Deutsch meldet sich der Ballettdirektor schließlich am Apparat. „Sie haben Glück, ich bin gerade in mein Hotelzimmer zurückgekommen.“ Bei ihm ist es zehn Uhr abends. Mit seiner Hamburger Compagnie gastiert er zurzeit in Tokio und Kyoto.­ Auf ARTE ist sein Ballett „Nijinsky“­ zu sehen. Am Ende eines langen Tages spricht er von seiner Faszination für den Jahrhunderttänzer Vaslaw­ Nijinsky­ und wie dieser seine eigenen Anfänge im Tanz prägte.

ARTE Magazin: Herr Neumeier, haben Sie um diese Uhrzeit noch Energie?
John Neumeier: Ja, die habe ich. Das ist reine Gewöhnungssache.

ARTE Magazin: Wie viele Wochen im Jahr sind Sie denn unterwegs?
John Neumeier: Mit dem Hamburg Ballett habe ich zwischen 20 und 30 Vorstellungen im Jahr bei internationalen Gastspielen, dazu kommen weltweit Premieren mit anderen Compagnien. Drei bis vier Monate ist man da unterwegs.

ARTE Magazin: Haben Sie etwas von den Orten, an die Sie reisen?
John Neumeier: Nein. Das ist ganz unmöglich, obwohl ich mich sehr für andere Kunst interessiere. Aber ich habe das Gefühl, sobald ich loslasse und etwas anderes voll genieße, geht irgend­etwas schief. Ein Tänzer wird krank oder die Beleuchtung funktioniert nicht.

ARTE Magazin: Kostet diese völlige Hingabe nicht viel Kraft?
John Neumeier: Ja, aber ich liebe das, was ich mache. Auch die Kommunikation mit dem Publikum. Hier in Japan ist der Enthusiasmus unglaublich. Nach den Aufführungen warten Hunderte Fans vor dem Theater. Was mich daran rührt, ist nicht die Aufmerksamkeit mir gegenüber, sondern wie begeistert die Menschen vom Ballett sind.

ARTE Magazin: Ihre eigene Begeisterung fürs Ballett hat viel mit dem Tänzer und Choreografen Vaslaw Nijinsky zu tun. Was fasziniert Sie an ihm?
John Neumeier: Vaslaw Nijinsky hatte schon immer eine große Bedeutung für mich. Als Tänzer, Choreograf und Mensch. In meiner Heimatstadt Milwaukee spielte Ballett keine große Rolle, es gab vielleicht zwei bis drei Gastvorstellungen im Jahr. Und doch spürte ich schon als kleiner Junge einen Drang zum Tanz, zum Ballett. Bevor ich überhaupt verstanden habe, was es ist. Mit acht oder neun Jahren fand ich dann das Buch „The Tragedy of Nijinsky“­ in der Bibliothek und war hin und weg. Weil auf einmal diese Tänzer, die ich immer nur weit weg auf der Bühne gesehen hatte und die für mich irgendwie eine magische Welt verkörpert hatten, zu Menschen wurden. Sie hatten eine Mutter, einen Vater, ein Familienleben. Und je mehr ich danach über Nijinsky las, desto beeindruckter war ich.

ARTE Magazin: Was genau hat Sie beeindruckt?
John Neumeier: Er war der große Superstar des 20. Jahrhunderts – und ein Mann.­ Bis Ende des 19. Jahrhunderts drehte sich das Ballett fast nur um die Frau. Die filigrane Ballerina. Und auf einmal kamen die Ballets Russes 1909 nach Paris und hatten männliche Tänzer wie Vaslaw Nijinsky. Im Westen waren männliche Rollen bis dahin oft transvestitenartig umgesetzt worden. In Russland war das anders. Nijinsky­ hatte etwas sehr Sinnliches, das er dem Publikum kommunizierte. Seine Ausstrahlung war verführerisch und zugleich androgyn. Er konnte sich unglaublich gut verwandeln. In „Le Spectre de la Rose“ (1911) zum Beispiel stellte er eine Rose dar. Es war revolutionär, dass ein Mann in einem Rosenkostüm auftrat. Das hatte es zuvor noch nie gegeben.

ARTE Magazin: Auf seine Choreografien wurden Sie erst später aufmerksam.
John Neumeier: Ja, als ich selbst anfing, choreografisch zu arbeiten. Nijinsky hatte eine ganz eigene Vision davon, was Ballett sein sollte. Bis dahin hatten Tänzer, auch in Handlungsballetten, pantomimisch improvisiert. Bei Nijinsky­ war jede kleinste Geste festgelegt, unveränderbar, klar choreografiert. Er hat jede Handlung, jede Reaktion in Bewegung gesetzt. In diesem Sinne ist er für mich der erste moderne Choreograf.

ARTE Magazin: Zu seinen ersten Balletten zählen „Jeux“ und „Le Sacre du Printemps“.
John Neumeier: Richtig, beide sind im Jahr 1913 entstanden. „Jeux“ war das erste Ballett in moderner Kleidung. Zwei Frauen und ein Mann tanzen 20 Minuten lang wechselnde Konstellationen – Mann-Frau, Frau-Frau, Mann-Frau-Frau. Das Stück hat eine sehr moderne psychologische Ebene, was zu der Zeit ganz neu war. Und zum Skandal bei der Uraufführung von „Le Sacre du Printemps“ muss ich nicht viel sagen, den kennt jeder.

ARTE Magazin: Darüber wird nach wie vor diskutiert: Hat die Musik oder der Tanz den Skandal ausgelöst?
John Neumeier: Ich glaube beides. Die Musik war ungewöhnlich, ebenso wie der Tanz – neue Ballett-Bewegungen kombiniert mit verschiedenen Formen von Volkstanz. Aber auch da war die Choreografie sehr präzise; nichts wurde der Improvisation der Tänzer überlassen.

ARTE Magazin: Sie sagten einmal: „Nijinsky­ war auf der Suche nach seiner Vision.“ Heute gelten Sie selbst als Revolutionär des Balletts. Sind Sie auch auf der Suche nach Ihrer Vision?
John Neumeier: Natürlich. Aber auf eine Vision kann man nur hinarbeiten; man kann sie nicht planen. Ich gehe in einen Raum und weiß nicht, was passieren wird. Meine Choreografien entstehen aus meiner eigenen Improvisation, meinen eigenen Bewegungen. Ich kann jedes Mal nur hoffen, dass etwas entsteht.

Autorin: Lydia Evers

Den ganzen Artikel finden Sie in der April-Ausgabe des ARTE Magazins.

Nijinsky

Ballett | Sonntag, 15.4., 00.45 Uhr
bis 22. April auf arte.tv

Kategorien: April 2018