Elena Ferrante, Geniale Freundin, Klaus Wegner, Sandro Ferri, Suhrkamp
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#FerranteFever

Was macht das Phänomen Elena Ferrante aus? Große Literatur – und ein Pseudonym. Einblick in das gefeierte Werk der weltbekannten Unbekannten.

Elena Ferrante: Eine anonyme Autorin und ihre Geschichte von einer Freundschaft in Neapel erobern die Welt (© Sasan Pix)

Wie gelangt man ins Ranking der „Time 100“ – das legendäre Listing des US-Magazins „Time“ mit den 100 einflussreichsten Personen der Welt? Laut der Redaktion indem man einen wichtigen Durchbruch schafft und dabei „Regeln, Rekorde, Schweigen bricht“. Im Jahr 2016 gehörten dazu ­Barack ­Obama, Mark ­Zuckerberg, ­Angela ­Merkel, Papst ­Franziskus – und ­Elena ­Ferrante. Die Bücher der Italienerin wurden bisher in über 40 Ländern und in Millionenauflage verkauft. Auf Twitter läuft der Hashtag #FerranteFever seit Langem heiß und verbindet Fans rund um den Globus. Wie aber entwickelte sich dieser Erfolg?

Ihr Debüt feierte ­Elena ­Ferrante 1992 mit dem Roman „Lästige Liebe“ („L’amore molesto“). Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die die ungeklärten Todesumstände ihrer Mutter aufdecken will. Eine Suche, die in die Lebenswirklichkeit
einer neapolitanischen Familie eintaucht, eine schmerzhafte Mutter-­Tochter-Beziehung beschreibt und sich zum Thriller entwickelt. Später kamen weitere Romane dazu – und schließlich 2011 der Welterfolg: die Neapolitanische Saga.

Geniale Freundinnen

Diese umfasst ein vierbändiges Werk, dessen erstes Buch, „Meine geniale Freundin“ (im Original „L’amica geniale“), den Beginn des weltweiten ­Ferrante-Fiebers auslöste. Danach folgten „Die Geschichte eines neuen Namens“, „Die Geschichte der getrennten Wege“ und der letzte Teil, „Die Geschichte des verlorenen Kindes“, der auf Deutsch im Februar erschien.
Auch in der gefeierten Saga spielt das neapolitanische Setting wie in „Lästige Liebe“ eine wesentliche Rolle. Sie handelt von zwei Freundinnen, die höchst unterschiedlich und doch unzertrennlich sind: Lila und Elena wachsen in einem ärmlichen Viertel im Neapel der 1950er Jahre auf und bleiben auch als Erwachsene beste Freundinnen. Über einen Zeitraum von 60 Jahren erzählt die Tetralogie von der Freundschaft der außergewöhnlichen Frauen und wirft dabei einen präzisen Blick auf die italienische Gesellschaft im Wandel der Jahre. ­

Sandro ­Ferri ­von Ferrantes italienischem Verlagshaus „Edizioni e/o“ sieht in der zeitlichen und räumlichen Verortung des Werks den Schlüssel für die Stärke dieser Frauenfiguren. „Die schwierigen Verhältnisse ihrer Kindheit, aber auch die große soziale Mobilität der 1950er und 1960er Jahre prägen diese Persönlichkeiten.“ Es ist die Kraft einer sozialen Aufbruchphase, die laut Ferri damals zu spüren war – nicht nur in Italien – und die heute verloren gegangen ist. Ihr deutscher Lektor Frank ­Wegner, Programmleiter für internationale Literatur beim ­Suhrkamp-­Verlag, erinnert sich an seine erste Berührung mit dem Buch „Meine geniale Freundin“: „Als ich es auf den Tisch bekam, wusste ich erst gar nicht, was das mit mir und uns zu tun haben könnte. Das Original­cover hatte diese gewöhnungsbedürftige kommerzielle Anmutung. Wir würden literarische Bücher so nicht verpacken. Dann schlug ich es auf, sah ein Zitat aus Goethes ‚Faust‘ und dachte mir: Aha.“

Bei der Lektüre habe er „Bestürzung, Begeisterung und den Wunsch weiterzulesen“ empfunden. Bestürzung aufgrund der drastischen Ehrlichkeit. „Es ist eine sehr schonungslose Beobachtung dessen, was Freundschaft ist und ausmacht; Freundschaft, das ganze Leben hindurch, in ihrer ganzen Ambivalenz.“ Begeistert hätten ihn die Evidenz und Sogwirkung der Lektüre, sprachlich wie stilistisch. „So bin ich früh ins ­Ferrante-Fieber geraten“, sagt ­Wegner.

Autorin: Jana Idris
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Ferrante Fever

Kulturdoku, Mittwoch, 7. März, 21.45 Uhr
Online verfügbar bis zum 21. März. Mehr auf arte.tv

Kategorien: März 2018