Dirigentin, Mirga Grazinytė-Tyla
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„DIE MUSIK TRÄGT MICH“

Mit 31 Jahren ist Mirga Gražinytė-Tyla die jüngste Chefdirigentin der Welt. ARTE widmet der Musikerin­ ein Porträt.

Leidenschaftlich: Die litauische Dirigentin Gražinyte-Tyla (© Angie Kremer)

Eine Berockte und hundert Mann zum Unisono bringen – das wär’ a Gaudi“, lästerte einst der Komponist und Dirigent Richard Strauss über all jene Frauen, die es zu seiner Zeit auf ein Dirigentenpodest wagten. Garantiert keine Gaudi für Frauen war es, an den Meisterkursen von Hans ­Swarowsky, dem „Dirigentenmentor“ der 1970er Jahre, teilzunehmen. Leidenschaftlich förderte er seine Schüler, darunter ­Zubin ­Mehta, ­Claudio ­Abbado und ­Mariss ­Jansons. Die Studentinnen aber beschimpfte er: „Sie können gar nichts! Gehen Sie dahin, wo Sie hingehören, in die Küche!“ Zwiespältiger Meinung könnte man auch über die „väterliche Fürsorge“ eines Wolfgang Sawallisch sein. Der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München meinte in den 1980ern jede ambitionierte Dirigentin „vor diesen Männern“ im Orchester schützen zu müssen, indem er sie gar nicht erst auftreten ließ.

Alte Männer mit Helden-Mythen kümmern sie nicht

Mirga Gražinyte-Tyla lacht, schüttelt den Kopf bei diesen Storys. Nein, schützen muss man sie nicht, auch wenn sie äußerlich so gar nicht dem heroischen und selbstherrlichen Bild des Zauberers und Gottes im Frack entspricht. Sie ist auffallend blass, sehr zierlich, knapp 1,60 Meter groß. Unter jüngeren Studenten würde die 31-Jährige kaum auffallen. Ihre Hände sind klein, ihre ungeschminkten Gesichtszüge mädchenhaft und als sie noch kurze Haare trug, ging etwas knabenhaft Androgynes von ihr aus. Auf der Bühne spürt man dann ihr Temperament, ihre Energie, ihren Willen zum Ausdruck, ihren Ehrgeiz. Die alten Männer mit ihren Helden-Mythen kümmern sie nicht, auch wenn sie weiß, dass diese in den Köpfen des Publikums mitschwingen.

Breitbeinig stellt sie sich aufs Podest, als wolle sie ihrem zarten Körper Stand verschaffen. Zackig, quadratisch sind ihre Bewegungen, während sich ihr Körper mit Musik regelrecht aufzuladen scheint, ihr aschblondes Haar durch die Luft wirbelt. Energisch pressen sich ihre schön geformten Lippen zusammen, wenn es „fortissimo“ heißt, öffnen sich staunend bei jeder gelungenen Phrase. Doch es ist der Ausdruck in ihren Augen, der alle nur ihr folgen lässt. Dieser Schalk im Blick, dieses tief empfundene Glück, da oben zu stehen. „Ihr müsst euch in diese eine Stelle, in diese Melodie verlieben“, ruft sie den Musikern des Los Angeles Philharmonic zu, während sie mit schaufelnden Bewegungen jeden einzelnen Takt unterstreicht. „Ich brauche es, wenn die Musik mich trägt. Dann trägt sie uns alle“, strahlt sie. „The Joy of Music“, um ­Leonard ­Bernstein zu zitieren.

Ihre Eltern müssen es geahnt haben. Mirga­ nannten sie ihr erstes Kind, gaben ihr einen litauischen Mädchennamen, der sich von „mirgeti“, von „glänzen“, ableitet. 2012, als Mirga beim „Nestlé and Salzburg Young Conductors Award“ den ersten Preis gewinnt, fügt sie ihrem Nachnamen einen weiteren hinzu: Tyla, die „Stille“, das „Schweigen“. Entlehnt ist er dem litauischen Sprichwort: „Mažiau kalbų , daugiau darbų “, was übersetzt heißt: „Weniger Worte, mehr Taten“. „Tyla soll mich immer an diesen guten Vorsatz erinnern“, sagt sie demütig angesichts einer Karriere, die so rasant verlief wie bei keiner Dirigentin zuvor.

Wunderkind-­Karriere

1986 wird Gražinyte ̇-Tyla in Vilnius geboren als Tochter eines Chorleiters und einer Pianistin. Ein Großonkel war Organist, eine Großtante Komponistin. Mit 24 gibt sie 2010 ihr Operndebüt mit „La Traviata“ am Theater Osnabrück, ein Jahr später arbeitet sie als Zweite Kapellmeisterin beim Theater und Orchester Heidelberg und ab 2013 als Kapellmeisterin am Konzert Theater Bern. Zur Spielzeit 2015/2016 wird sie als Musikdirektorin des Salzburger Landestheaters engagiert, bevor man sie zur Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) ernennt – als Nachfolgerin von Andris Nelsons. Zur selben Zeit übernimmt sie Assistenzen und Gastauftritte beim Los Angeles Philharmonic. So weit die Kurzfassung dieser ­Wunderkind-­Karriere.

Mutter vieler Kinder werden und einen Apfelbaum pflanzen

Fragt man Mirga Gražinytė -Tyla, weshalb sie Dirigentin werden wollte, so wundert sie sich. „In den baltischen und manchen slawischen Staaten“, erzählt sie, „bekommen bereits Kinder Dirigierunterricht.“ Unvergessen bis heute der Tag, an dem sie erstmals vor einem Ensemble stand: „Ich war 13 und stand im Raum der Nationalen Čiurlionis-Kunstschule in Vilnius. Ich sollte ein einfaches Volkslied dirigieren. Danach war ich beflügelt, wie in einer anderen Welt.“ Doch ihre Eltern wollten nicht unbedingt, dass sie die „schwierige Musikerlaufbahn“ einschlägt, und förderten ihre malerische Begabung. „Als ob dieser Weg einfacher wäre! Ich zeichnete viel und gut. Doch eigentlich wollte ich nur Musik machen.“
Nach dem Abitur 2004 beschließt sie in Graz, ein Chordirigierstudium aufzunehmen. Bald fragt sie der Professor, ob sie nicht doch das symphonische Repertoire studieren und damit ein Orchester dirigieren möchte. Sie ist überwältigt von dem Kompliment. Doch ihr hoher Anspruch an sich selbst macht sie unsicher. Sie kündigt ihren Kommilitonen an, sie werde nach dem Studium nach Litauen zurückkehren, Mutter vieler Kinder werden und einen Apfelbaum pflanzen. Doch es kommt ganz anders.

Autorin: Teresa Pieschacón-Raphael
Das ganze Porträt lesen Sie in der März-Ausgabe des ARTE Magazins!

Ab dem 4. März zu sehen unter:

Die Dirigentin Mirga Grazinytė-Tyla

Porträt, Freitag, 4. März, 23.50 Uhr
Online verfügbar bis zum 2. April. Mehr auf arte.tv

Kategorien: März 2018