Marianne Faithfull
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„ICH GLAUBE NICHT AN REUE“

ARTE zeigt ein intimes Porträt der Rock-Legende Marianne­ Faithfull. Ein Hausbesuch in Paris.

Kult: die britische Musikerin und Schauspielerin Marianne Faithfull (© Stéphane Sednaoui)

Mit einer Tasse Earl Grey liegt Marianne­ Faithfull­ in ihrer Pariser Wohnung im Bett. Neben ihr stapelweise Bücher, auf dem Nachttisch Fläschchen, Tuben, ein rosa Plüsch-Schwein. Die 71-Jährige wirkt erschöpft, schließt während des Interviews immer wieder die Augen. Dennoch hat sie den Termin nicht abgesagt. „Das wird auf Sandrines Film aufmerksam machen, nicht wahr?“, fragt sie mit der so markanten rauen Stimme und zündet sich eine Zigarette an.

Der Film – ein Porträt von Schauspielerin und Regisseurin Sandrine­ Bonnaire über die Musikerin, die in den 1960er Jahren mit dem Stones-Hit „As Tears Go By“ (1964) und ihrer Beziehung zu Mick Jagger berühmt wurde.­ Mittlerweile gehört Marianne Faithfull zweifelsohne zu den letzten Rock-Ikonen unserer Zeit, ihre Vergangenheit ist geprägt von Drogen, Obdachlosigkeit und kurzen Ehen. Aber auch von Filmrollen in „Nackt unter Leder“ (1968), „Irina Palm“ (2007) und Songs wie „The Ballad of Lucy Jordan“ (1979). Ein Gespräch auf der Bettkante.

ARTE Magazin: Frau Faithfull, wie war es für Sie, einen Film über sich zu drehen?
Marianne Faithfull: Es war schlimm.

ARTE Magazin: Inwiefern?
Marianne Faithfull: Ich spreche nicht gerne über mich oder über die Vergangenheit. Für das Porträt musste ich das tun. Ich habe mich entblößt gefühlt.

ARTE Magazin: Sie waren 17, als Sie 1964 vom Manager der Rolling Stones entdeckt wurden. Hatten Sie eine Ahnung, auf was Sie sich da einließen?
Marianne Faithfull: Natürlich nicht. Für mich war es hauptsächlich die Chance, mein Zuhause und die Schule zu verlassen. Aber jetzt fangen Sie auch direkt mit der Vergangenheit an. Ich halte davon nichts, was soll das bringen?

ARTE Magazin: Es kann einem helfen zu verstehen, wer man heute ist.
Marianne Faithfull: Und das funktioniert bei Ihnen?

ARTE Magazin: Manchmal.
Marianne Faithfull: Gut, vielleicht haben Sie recht. Aber wovon ich gar nichts halte, ist Nostalgie. Eine reine Zeitverschwendung ist das. Zumindest möchte ich nicht darüber sprechen. Ich schreibe höchstens einen Song darüber.

ARTE Magazin: Sie sagten einmal, Frauen in der Musikindustrie der 1960er Jahre seien nichts als Dekoration gewesen. Sie also auch?
Marianne Faithfull: Das war mir damals nicht bewusst, aber im Nachhinein hat es sich so angefühlt, ja.

ARTE Magazin: Sie hörten auf, selbst Musik zu machen, als Sie mit Mick Jagger liiert waren.
Marianne Faithfull: Ja, ich gab ihm mein ganzes Talent.

ARTE Magazin: Warum?
Marianne Faithfull: Weil ich ihn für brillant­ hielt.

ARTE Magazin: Brillanter als Sie?
Marianne Faithfull: Oh ja.

ARTE Magazin: Hat er Sie eingeschüchtert?
Marianne Faithfull: Mit Einschüchterung hatte es nichts zu tun. Ich dachte damals, was die Stones machen, ist so viel interessanter als meine eigenen kleinen Platten. Ich musste etwas anderes finden, mit dem ich mich kreativ ausleben konnte. Etwas, das nicht konkurrierte. Also fing ich an, Theater zu spielen.

ARTE Magazin: Aber dann schrieben Sie doch noch gemeinsam ein Lied.
Marianne Faithfull: Ja, „Sister Morphine“.­ Mick hatte eine wunderschöne Melodie komponiert, machte aber nichts damit. Also schrieb ich einen Text für ihn. Und der gefiel ihm gut. Mein erster Schritt als Songwriterin. Der zweite Schritt war „Broken English“ 1979 – ein Album nur mit Songs von mir. Mit Mick war ich da nicht mehr zusammen. Wissen Sie, viele Frauen opfern ihre eigenen Träume und Wünsche für Männer. Das wollte ich nicht länger tun.

ARTE Magazin: Sind Sie eine Feministin?
Marianne Faithfull: Meine Mutter war eine Feministin. Ich habe mich nie bewusst als solche bezeichnet, habe aber doch – die meiste Zeit – ein selbstbestimmtes Leben gelebt. In gewisser Weise bin ich also schon eine Feministin.

ARTE Magazin: Bereuen Sie etwas im Leben?
Marianne Faithfull: Nein, ich glaube­ nicht an Reue.

Interview: Lydia Evers
Das ganze Interview finden Sie in der März-Ausgabe des ARTE Magazins!

Marianne Faithfull – Der raue Glanz der Seele

Porträt, Freitag, 2. März, 22.00 Uhr
Online verfügbar bis zum 8. März. Mehr auf arte.tv

Kategorien: März 2018