Berlinale, Dieter Kosslick, Lionel Jullien

MIT SCHAL, CHARME UND MELONE …

Was zeichnet die Berlinale als eines der größten Filmfestivals der Welt aus? Wie sieht die Nachfolge von Direktor Dieter Kosslick aus? Amüsant und kritisch blickt ARTE-Reporter Lionel Jullien auf die 68. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele von Berlin.

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick (© Getty Images)

Ich habe 14 Berlinale-Ausgaben erlebt. Das sind 14 Jahre, in denen sich die Welt geändert hat. Jacques Chirac war noch französischer Präsident und Angela Merkel noch nicht Kanzlerin in Deutschland. Dieter Kosslick dagegen war schon damals da und ist auch heute noch Direktor der Berlinale. Alljährlich schreitet er an Februarabenden über den roten Teppich – zeitlos mit Schal und Hut.

Denn ja, man muss es zugeben, Berlin ist im Februar ziemlich kalt und im Durchschnitt meldet sich alle zwei Jahre Schnee am Potsdamer Platz an. Man denke nur an all die Stürze und Knochenbrüche, zu denen es auf der von Kälte und Eis in eine Rutschbahn verwandelten Marlene-Dietrich-Allee kommt. Und dennoch bleibt dies die einzige Unannehmlichkeit der Berlinale, die eines der größten Filmfestivals der Welt ist und neben den Internationalen Filmfestspielen von Cannes und Venedig zur A-Kategorie der Festivals zählt.

Dabei zeichnen einige Besonderheiten die Berlinale gegenüber den anderen Top-Festivals aus. Zum einen ist sie ein Publikumsfestival. Das Publikum ist bei jeder Vorführung da, von Jahr zu Jahr zahlreicher. An der Seite von Filmprofis und Presse erlaubt die Öffentlichkeit einen Ausgleich und verhindert eine geschlossene Gesellschaft und Geklüngel. Aber auch die große Präsenz von Fachleuten ist ein besonderes Merkmal der Berlinale, die gleichzeitig ein riesiger Filmmarkt ist. Und nicht zuletzt natürlich die Festivalfilme selbst.

So wie Weltereignisse die Stadt im Laufe des 20. Jahrhunderts geprägt haben, ist auch die Auswahl der Filme im Wettbewerb und in den anderen Sektionen stark politisch, um nicht zu sagen militant – sozusagen ein Echo der Unruhen in der Welt. Dies spiegelt sich etwa im Kino aus Mittel- und Osteuropa wider, das die gesellschaftlichen Umbrüche der letzten Jahre reflektiert.
Zu sehen ist die Radikalität der Berlinale aber auch in der Verleihung des schwul-lesbischen Filmpreises Teddy Award und der Bühne, die das Festival der LGBT-Sache damit bietet – unter den A-List-Festspielen einmalig. Man könnte also sagen, dass es Filme für die Berlinale gibt und Filme für andere Festivals.

Schauspielerin Léa Seydoux (© Getty Images)

Genau das macht die Einzigartigkeit des Festivals aus, das engagierter als andere ist, weniger Starkult betreibt und gleichzeitig herzlicher und familiärer ist als Cannes. Und natürlich ist die Berlinale Schaufenster des deutschen Films – die besten Produktionen müssen sich auf dem Potsdamer Platz präsentieren. Hier habe ich auf meiner ersten Berlinale im Jahr 2004 Fatih Akins „Gegen die Wand“ entdeckt, der den Goldenen Bären gewann. Ebenso Werke anderer junger Filmemacher wie Christian Petzold, Christoph Hochhäusler und vieler mehr. Nur eines bedaure ich dabei: dass ich Maren Ades außergewöhnlichen Film „Toni Erdmann“ nicht in Berlin sehen konnte – sondern in Cannes.

Heute erfahren die Filmfestspiele eine Wandlung, die angesichts der Mandatsdauer ihres Direktors Kosslick notwendig scheint.
Ganze 17 Jahre an der Spitze einer solchen renommierten Institution zu stehen ist viel und sollte in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr möglich sein. Es ist unabdingbar, stets zu erneuern, aber auch sich selbst zu erneuern, um Dinge mit neuer Energie anzugehen und Ideen zu verteidigen. Es ist nur selbstverständlich, dass nun nach all diesen Jahren eine kritische Bilanz gezogen wird. Dies hätte bereits vor Jahren gemacht werden müssen. Der verkündete Abschied des aktuellen Berlinaleleiters wird möglicherweise erlauben, sich wieder stärker auf die künstlerische Ausrichtung der Berlinale zu konzentrieren, die unter Kosslick vernachlässigt wurde.

Das Jahr 2018 scheint jedenfalls unter guten Vorzeichen zu stehen. Zunächst eröffnet ein Animationsfilm das Festival: „Isle of Dogs“ von Wes Anderson. Auch wenn der Regisseur sowohl im Animationsfilm als auch auf der Berlinale ein alter Hase ist – 2014 erhielt Anderson den Silbernen Bären für „The Grand Budapest Hotel“-, so wagt das Festival mit dieser Ouvertüre ein Novum. Dennoch dürfte dies nicht allzu sehr verwundern. Der Animationsfilm ist mittlerweile fester Bestandteil der Filmgeschichte und in Berlin wurden bereits mehrfach Animationsfilme ausgezeichnet. Einen der ersten Bären erhielt Walt Disneys „Aschenputtel“ im Jahr 1951 und vor nicht allzu langer Zeit wurde ein Meister der Animation gekürt: Der Japaner Hayao Miyazaki erhielt 2002 den Goldenen Bären für „Chihiros Reise ins Märchenland“. Und auch damals war Dieter Kosslick schon dabei …

Schließlich werden in der Ausgabe 2018 Frauen, auch nachdem sie im Rahmen der Harvey-Weinstein-Affäre insgesamt mehr Gehör gefunden haben, sicherlich einen besonderen Platz einnehmen. Sowohl in der Auswahl als auch auf der Leinwand und durch die Präsenz vieler Filmemacherinnen. Auch was das Thema angeht, ist die Berlinale anderen Festivals voraus. Im Laufe der 15 letzten Jahre haben auf der Berlinale drei Frauen einen Goldenen Bären erhalten – in Cannes dagegen in der gesamten Festivalgeschichte bloß eine.

Kälte hin, Kälte her, das Festival bleibt engagiert, eine Tradition, der es seit seiner Gründung treu bleibt. Was mich angeht, so sind die 14 Jahren, in denen ich bisher einen Teil des Februars auf dem Potsdamer Platz verbracht habe, habe voller Erinnerungen. Natürlich an Filme, an Interviews mit Größen wie Tilda Swinton, Bruce LaBruce oder Isabelle Huppert und unvergessliche Teddy-Award-Parties in Tempelhof. Aber besonders ein Berlinalebild hat sich in all der Zeit in mein Gedächtnis eingebrannt: Ein Hut, ein Schal und ja, dass Dieter Kosslick schon immer da war.

Autor: Lionel Jullien

Zum Autor Der französische Journalist und Kulturexperte Lionel Jullien berichtet seit Jahren für ARTE von der Berlinale.

Schwerpunkt Berlinale:
Auch dieses Jahr steht die Hauptstadt Kopf, wenn das größte deutsche Filmfest gastiert. Zu diesem Anlass begibt sich ARTE auf den roten Teppich und zeigt international gefeierte und hochkarätig besetzte Filme früherer Festivalausgaben sowie Magazine und Dokumentationen rund um die Berlinale.

Ab dem 14. Februar auf ARTE!

Kategorien: Februar 2018