Afghanistan, Flüchtlinge, Sonita
julien.wilkens@axelspringer.de

RAPP DICH FREI!

Ein afghanisches Flüchtlingsmädchen trifft eine iranische Filmemacherin – und erlebt den ­amerikanischen Traum. Wie? Davon sowie vom bewegten Dreh ihres Films Sonita erzählt Rokhsareh Ghaemmaghami im ARTE Magazin.

© Tim Möller-Kaya („Brides for sale“ – „Bräute zu verkaufen“: Mit ihrem Rap-Song gegen Zwangsheirat und dank der Hilfe von Regisseurin Rokhsareh Ghaemmaghami gelingt der Afghanin Sonita der Durchbruch)

Da ist ein Mädchen aus Afghanistan, das versucht, Rap-Songs zu schreiben. Sie nimmt die Texte mit einem alten Handy auf. Vielleicht kannst du ihr helfen.“ Mit dieser Bitte meiner Cousine begann ­Sonitas und meine gemeinsame Abenteuergeschichte. Meine Cousine arbeitet als Sozialarbeiterin in Teheran. Sie rief mich eines Tages an und bat mich zu kommen, um ­Sonita kennenzulernen. Dabei erzählte sie mir von diesem afghanischen Flüchtlings-mädchen, das ohne Eltern, nur mit einem Teil seiner Geschwister im Iran lebte und unbedingt Sängerin werden wollte. „Du kannst sie treffen und schauen, ob du ihr einen Musiklehrer oder ein Aufnahmestudio besorgen kannst.“

© Tim Möller-Kaya (Tausend Träume: Vor den Taliban aus Afghanistan geflüchtet und als illegaler, mittelloser Flüchtling im Iran, hat Sonita nur ein Ziel: Musikstar wie Rihanna und ihre anderen Vorbilder aus den USA zu werden)

Also traf ich Sonita und mein erster Gedanke war nicht: „Mit ihr möchte ich auf jeden Fall einen Film machen.“ Sie war sehr schüchtern, ängstlich. Und dennoch, trotz ihrer schlechten finanziellen Lage und psychischen Verfassung, war sie außergewöhnlich stark. Ich fand jemanden, der ihr ehrenamtlich Musikunterricht gab, und verstand nach und nach, wie viele Schwierigkeiten dieses Mädchen hatte und wie es allgemein Afghanen im Iran erging. Denn auch wenn es zwei, drei Millionen Afghanen bei uns gibt, haben wir kaum Kontakt zu ihnen. Sie leben abgeschieden und in anderen Vierteln als wir Iraner.
Als ich sah, wie viele Probleme und zugleich wie viele Träume Sonita hatte, kam mir die Idee, einen Film über ihre Geschichte zu drehen. Über das Leben afghanischer Teenager und speziell afghanischer Mädchen im Iran. Sie hatte keine Papiere und auf den ersten Blick überhaupt keine Chance und dennoch hörte sie nicht auf zu träumen. Das faszinierte mich. Sie träumte vom Starsein, davon, wie ihre Vorbilder aus den USA Rapperin zu werden. Im Iran dürfen Frauen nicht öffentlich singen. Und so gestaltete sich die Suche nach einem Produktionsstudio als ziemlich schwierig.

Braut zum Verkauf

Während ich Sonita von Studio zu Studio begleitete, kam auf einmal ein neues, viel größeres Problem auf, das ihre Projekte, und mehr noch, sogar ihr Leben zu zerstören drohte. Ihre Mutter und Brüder, die in Afghanistan lebten, wollten sie zwangsverheiraten – für 9.000 Dollar Brautgeld. ­Sonitas Mutter kam also in den Iran, um sie gegen ihren Willen mitzunehmen. Bei uns im Iran sind Brautgeld und Zwangsheirat gesetzlich verboten. Töchter dürfen nicht einfach wie Ware verkauft werden. Zwar passiert so etwas auch im Iran, gerade wenn es große Armut gibt, es ist zumindest keine weitverbreitete Tradition.

Mensch und Regisseurin

Im Fall von Sonita musste ich mir also etwas überlegen. Und ich entschied mich dazu, selbst einzugreifen und mit der Zahlung von 2.000 Dollar an die Familie zumindest fürs Erste einen Aufschub für ­Sonita zu erkaufen. Die Familie lebte in furchtbarer Armut, in einer Gegend, in der Mädchen nicht alleine auf die Straße dürfen. ­Sonita hätte den ganzen Tag zu Hause bleiben müssen oder nur mit Begleitung hinausgehen können. Auch wenn es also keine Zwangsheirat gegeben hätte, hätten allein diese Umstände das Leben des Mädchens ruinieren können. 

Das Wunder von Teheran

Eines Tages fanden wir nach langer Suche ein Musikstudio, das bereit war, einen Song von ­Sonita zu produzieren. Es war ein Studio, das keinen Namen und somit nichts zu verlieren hatte, wenn es Rap-Songs eines Mädchen herausbrachte. Und das war der Anfang einer weiteren Wende: der Verwandlung des von Zwangsheirat bedrohten, afghanischen Mädchens zur Rapperin. ­Sonitas Musik­video „Brides for Sale“, „Bräute zu verkaufen“, hatte großen Erfolg und brachte den Stein ins Rollen. Die US-Hilfsorganisation „Strongheart“ wurde auf ­Sonitas Schicksal aufmerksam und kontaktierte uns mit einem unglaublichen Angebot: einem Stipendium in den USA an einer Highschool mit Musikschwerpunkt. Es war eine unwirkliche Situation.

© Tim Möller-Kaya
(Durchbruch: Mithilfe der US-Hilfsorganisation „Strongheart“ kann Sonita den Iran verlassen und ihre Musikkarriere in den USA weiterverfolgen. Als Aktivistin gegen Zwangsheirat trifft sie Barack Obama und Bill Gates)

Protokoll: Jana Idris

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Januar-Ausgabe des ARTE Magazins.

SONITA – WAS IST EIN MÄDCHEN WERT?

Dokumentarfilm Dienstag, 9.1., 22.40 Uhr
bis 16.1. auf arte.tv verfügbar

 

Kategorien: Januar 2018