Arte Magazin, Interview, Judentum, Rabbiner, William Wolff

William Wolff: „DIE RELIGION IST FÜR DEN MENSCHEN DA – NICHT ANDERSHERUM.“

Britta Wauers Dokumentarfilm „Rabbi Wolff“ machte William Wolff einem großen Publikum bekannt. Das Porträt über den kleinen Mann zählte 2016 zu den drei erfolgreichsten Dokumentarfilmen.

© Uli Holz, Britzka Film

„Journalist oder Rabbiner“, antwortete William Wolff als Kind auf die Frage, was er später einmal werden möchte. Geklappt hat es mit beiden Berufen. Der heute 90-Jährige, dessen Familie aus Nazideutschland nach England floh, blickt heute auf eine Karriere als politischer Korrespondent und Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern zurück. Mit 53 Jahren erst begann er seine Ausbildung als Geistlicher am renommierten Leo-Baeck-College, pendelte später zweimal pro Woche von London zu seinen jüdischen Gemeinden in Deutschland.

ARTE Magazin: Herr Wolff, aller guten Dinge sind drei: Sie waren viele Jahre ein bekannter Journalist. Dann ein hoch angesehener Rabbiner. Welchen Beruf hätten Sie außerdem gerne ausgeübt?

William Wolff: Sprache und Geschichte haben mir immer gelegen. Vielleicht wäre ich auch Historiker geworden. Gewissermaßen war für mich ein Weg zur Religion auch mein Interesse für die Geschichte des Judentums. Historische Bezüge finde ich sehr interessant.

ARTE Magazin: Warum empfinden Sie den Glauben an etwas als wichtig?

Religion im Allgemeinen hilft, sich mit dem Schicksal abzufinden. Denn egal ob Christen- oder Judentum, beide Glaubensrichtungen lehren, dass das Schicksal nicht willkürlich ist, sondern eine Bedeutung und einen Zweck hat.

ARTE Magazin: Haben Sie ein Beispiel?

Ich habe meine Schwester, zu der ich ein sehr gutes Verhältnis hatte, früh bei einem Autounfall verloren. Es ist schwer, darin einen Sinn zu sehen. Aber ihr Tod führte dazu, dass ich mich häufiger um ihre Kinder gekümmert habe. Zu einem ihrer Söhne habe ich dadurch einen sehr guten Kontakt. Er lebt in Amerika und ruft regelmäßig bei mir an. Als ich noch jünger war, bin ich auch oft zu Familienfeiern dorthin geflogen.

ARTE Magazin: Sie sind großer Fan der Queen, besuchen regelmäßig die Pferderennen in Ascot und auch optisch sind Sie durch und durch ein englischer Gentleman. In ihren jüdischen Gemeinden waren Sie ein respektierter Gelehrter – ganz ohne langen Bart und Schläfenlocken. Warum ist Ihnen der Status als klassischer Rabbiner nicht wichtig?

Meine persönliche Einstellung dazu ist, dass man sich seinen Status durch sein Handeln erwerben muss. Wenn man also seine Pflichten ernst nimmt, immer pünktlich und vorbereitet zu den Gottesdiensten kommt, spüren das auch die Gemeinden, vor denen man als Rabbiner spricht. Status verdient man sich nur mit Verlässlichkeit. Ob ich meinen Job gut gemacht habe, müssen allerdings andere beurteilen.

Interview: Lisa-Marie Gaschler

Weitere Informationen zum Film: rabbiwolff.com/de

Rabbi Wolff

Dokumentarfilm Montag, 8.1., 23.50 Uhr
Online verfügbar vom 8. bis zum 15. Januar

Mehr unter: arte.tv

Kategorien: Januar 2018