Erziehung, FRANKREICH, Ganztagsschule, Montessori, Schule, Waldorf

Typisch Deutsch: Arme kleine Franzosen!

Montessori, Waldorf oder Ganztagsschule? Wenn es um die Kindererziehung geht, scheiden sich die Geister rechts und links des Rheins.

© Illustration: Martin Haake

Ach, die Ärmsten! Wenn ich meinen deutschen Freunden den französischen Schulrhythmus inklusive Ganztagsschule, Hausaufgaben und Auswendiglernen beschreibe, fallen sie aus allen Wolken. Dagegen scheinen die deutschen Schulen wahre Paradiese auf Erden zu sein: Die individuelle Entwicklung des Kindes steht im Vordergrund, die Kultur des Dialogs im Herzen des pädagogischen Projektes. Und die Hausaufgaben, falls es denn überhaupt welche gibt, werden in homöopathischer Dosis verabreicht.
Vor allem aber haben die ­Familien in Deutschland die Wahl zwischen einer Vielzahl an Schulformen: Montessori, Waldorf, Schulen mit Musik- oder Sportschwerpunkt, europäische Schulen sowie – wenn gewünscht – Ganztagsschulen. Eine Vielfalt, bei der französischen Eltern schwindelig werden würde, sind sie doch nur einen Schultyp gewöhnt – den der wahrhaftigen Republik natürlich! Die bloße Idee, dass die Kinder einen Teil des Schuljahres damit verbringen würden, Holzobjekte zu basteln oder zu weben, würde eine Menge französischer Eltern in Angst und Schrecken versetzen. Auch wenn ihr Image sich mit der Zeit verschlechtert hat, so bleibt die Schule im Geiste vieler Familien ein Grundpfeiler der Republik, ein Ort der Wissens- und Kulturvermittlung, an dem der Staat die zukünftigen Bürger schmiedet.
Und das heißt: „Aus für das schlechte Gewissen bezüglich langer Schultage!“ Vielen Vätern und vor allem Müttern kommt diese Regelung sogar gelegen. Da Teilzeit­arbeit in Frankreich nicht gut ausgebaut ist, arbeiten französische Mütter meist Vollzeit und schicken ihre Nannys, Au-pair-Mädchen oder Großmütter zum Abholen ihrer Kleinen. Und das bereits im frühesten Kindesalter.
„Aber wie können sie bloß?“, schreien meine deutschen Freundinnen auf. Meistens in Halbtagsjobs tätig, sorgen sie sich pausenlos um ihre Kinder, betrachten die Schule mit Skepsis – und kaum als alternativen Ort für Erziehung. Denn das würde das Ideal der perfekten Mutter infrage stellen. Deutsche Mütter sind geduldig und selbstlos. Wir Französinnen scheinen daneben ziemlich egoistisch. Dabei fehlt es den „Mamans“ in Wahrheit nur an Zeit. Entgegen der Legende, die sie stets lächelnd, sexy und perfekt in allen Situationen zeigt, sind französische Mütter oft am Ende ihrer Kräfte. Sie wären wohl gar nicht so unglücklich darüber, ab und zu mit der deutschen Gluckenmutter zu tauschen. Und sollten deutsche Mütter im Gegenzug nicht etwas mehr an sich denken? Die Kinder würden bestimmt prima damit klarkommen.

Autorin: Cécile Calla
zur Autorin: Die Französin Cécile Calla lebt seit 2003 in Berlin, unter anderem als Korrespondentin von „Le Monde“. 2009 erschien ihr Erlebnisband „Tour de Franz“.

Karambolage

Magazin samstags gegen 18.55 Uhr
Mehr unter: arte.tv/karambolage

Kategorien: Januar 2018