Ägypten, Grab, Harem, Pharao

PHARAO GANZ PRIVAT

Mit Großfamilie und Harem: Grabfunde geben erstmals erstaunliche Einblicke ins Leben eines altägyptischen Herrschers.

© Illustration: Javier Jaén.

Grab Nummer 40
Die Lage des Grabs Nummer 40 im Tal der Könige war schon auf Plänen des späten 19. Jahrhunderts eingezeichnet. Es ist unscheinbar, klein und liegt wie ein Beiwerk neben den majestätischen Anlagen der großen Herrscher. Hier, in der Wüstenregion nahe der oberägyptischen Stadt Luxor, wo zwischen circa 1450 und 1100 v. Chr. sämtliche altägyptische Pharaonen bestattet worden sind, dominieren deren Denkmäler: Ihre in den Felsen gehauenen Grabanlagen sind architektonische und künstlerische Meisterwerke, deren Wanddekoration in hieroglyphischen Texten und Bildern Aufschluss über die Jenseitserwartungen für das ewige Fortleben der Könige gewähren. Und um diese herum befinden sich mehr als 40 weitere Gräber eines anderen Typs – nicht für Pharaonen geschaffen und in ihrem Innern nicht dekoriert. So wie das Grab Nummer 40. Obwohl man für dessen Erkundung keine Spezialisten wie etwa Teilchenphysiker benötigte – jüngst im Einsatz an der Cheops-Pyramide – birgt es doch Geheimnisse, die neue Einblicke in das Leben der ägyptischen Herrscher bietet.

Erschreckender Anblick
Im Frühjahr 2011 öffnete das Archäologen-Team der Universität Basel den Schacht von Grab 40, der sich als eine leichte Senke an der Oberfläche des Wüstensands abzeichnete. Über sechs Meter führt dieser Schacht senkrecht in die Tiefe des Felsens. Unten gelangt man durch einen Korridor zu vier großen Räumen. Der erste Anblick war erschreckend: die Wände der Räume von Ruß geschwärzt, der Boden übersät mit einem wilden Durcheinander von ebenfalls verrußten Teilen menschlicher Mumien, von Tonscherben, Textilfetzen und Holzfragmenten. Ganz offensichtlich wurde diese Anlage in pharaonischer Zeit für die Bestattung von zahlreichen Personen genutzt, dann aber geplündert und in Brand gesteckt. Selbst ein so schonungslos zerstörter Befund ist für die heutige Archäologie vielversprechend, seine Auswertung bedarf aber viel geduldiger Detailarbeit. Doch diese lohnt sich im Fall von Grab Nummer 40 ganz besonders.

Familiengruft
Nicht nur konnten die Anthropologen des Teams feststellen, dass über 80 Menschen hier bestattet wurden – darunter eine Mehrzahl von Frauen, aber auch Kinder und Jugendliche. Durch einen großen Glücksfall erhielten sich trotz der starken Beschädigung ihrer Särge und Grabbeigaben sogar für einen Teil dieser Personen Hinweise, um wen es sich handelte. Unter den vielen Tausend Scherben von Tongefäßen gibt es einige, auf denen noch eine kurze Aufschrift in kursiven Hieroglyphen in schwarzer Tusche oder gelber Farbe zu sehen ist. Nicht der Gefäßinhalt wird hier aufgeschrieben, sondern Titel und Namen zahlreicher Personen. „Tochter des Königs“ ist bei Weitem der häufigste Titel, doch auch einige Königssöhne werden in den Aufschriften erwähnt. Grab Nummer 40 konnte somit eindeutig als eine königliche Familiengruft identifiziert werden.
Mehrere Objekte nennen explizit Pharao Amenhotep III. (1390 bis 1353 v. Chr.), zu dem die in dem Grab bestatteten Personen in Verbindung gestanden haben sollen. Er regierte in einer weitgehend stabilen Zeit, in der Ägypten große Teile des Nahen Ostens und Gebiete bis weit in den heutigen Sudan hinein beherrschte. Aus diesen Regionen wurden Rohstoffe und Reichtümer bezogen, die Ägypten in große Bauprojekte investierte. ­

Harem für einen Pharao?
Amenhotep III.herrschte mehr als 37 Jahre und baute sich in dieser langen Zeit eine umfangreiche Familie und einen ausgedehnten Hofstaat auf. Dank der Funde im Grab 40 bietet das Tal der Könige nun erstmals einen breiten Einblick in die Zusammensetzung des privaten Umfelds eines Pharaos. Nebst Königstöchtern sind auch Frauen einer Art weiblichen Garde belegt. Außerdem eine größere Gruppe von Frauen ohne spezifischen Titel, deren Rang oder Funktion daher unbestimmbar bleibt. Einige Frauen sind als Ausländerinnen gekennzeichnet. All diese gemeinsam bestatteten Personen lebten vermutlich zusammen in Harem-ähnlichen Strukturen bei den Palästen oder in Begleitung des Pharaos.

Den kompletten Artikel von Prof. Susanne Bickel lesen Sie in der Dezember-Ausgabe des ARTE Magazins.

Autorin Susanne Bickel ist Professorin für Archäologie an der Uni Basel.

Die 1.000 Frauen des Pharao

Dokumentarfilm Samstag, 30.12., 20.15 Uhr
Online verfügbar bis zum 6. Januar

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Kategorien: Dezember 2017