AUS DEM LEBEN

Zum 10. Todestag zeigt ARTE ein Gedenkkonzert für Luciano Pavarotti aus Verona. Ein Porträt über den legendären Tenor.

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Das hätte Big P., wie man Luciano Pavarotti auch nannte, gefallen: Zehntausende Menschen in der Arena di Verona, auf der Bühne die alten Freunde, Pop-Ikonen und Schlager-Sternchen. „I did it my way“ trällerten etwa einstige Weggefährten wie Plácido Domingo­ und José Carreras.­ Pavarotti selbst blickte von einer riesengroßen Leinwand, mit schelmisch hochgezogener Augenbraue. „Un’ emozione senza fine“, hatte der Fernsehsender RAI versprochen. Und ja, sie alle waren gerührt, auch Nicoletta,­ die Witwe, die beim Gedenkkonzert für ihren Mann im Publikum saß. Nur der Papst fehlte.

Alles im Leben des Luciano Pavarotti­ (1935–2007) schien maßlos. Seine Stimme, „The Voice“, die nicht nur in Italien jedes Kind kannte. Seine Aufnahmen, die Verkaufsrekorde brachen. Sein Leib, der an die 200 Kilo wog. Sein Appetit auf Frauen. Seine Sucht nach Ruhm und Applaus. Sein Vermögen. Und auch seine Steuerschulden.

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Die Menschen liebten ihn. Sie staunten, wenn er die Augen schloss, die Arme ausstreckte und die Töne leise leuchten ließ. Sie flippten regelrecht aus, wenn er sie mit sinnlicher Geschmeidigkeit in elysische Höhen führte. In Glanzzeiten erreichte er das Es – anderthalb Töne über dem hohen C. Es war, als spürte das Publikum intuitiv das, was man in ­Pavarottis freundlichem, oft verwundertem Blick sah: die Anspannung, die Aufregung, das Glück, aber auch die Angst vor dem Versagen. „Wenn ich hohe Töne singe, fühle ich mich wie ein Springer vor einer über zwei Meter hohen Latte“, gab er zu. „Immer ist da auch eine starke Unterströmung von Angst. In dem Augenblick, in dem ich den Ton treffe, verliere ich fast das Bewusstsein. Und wenn dann alles überstanden ist, habe ich mich wieder in der Gewalt.“

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„Ich werde siegen!“

Seinen ersten Auftritt hatte der Sohn eines Bäckers bei einem nächtlichen Gelage des Rossini-Chors von Modena, in dem Vater Fernando sang. Als um vier Uhr morgens Kalafs Schlachtruf „Vincerò“­ –„Ich werde siegen!“ – aus Puccinis Hymne „Nessun dorma“ in „Turandot“ aus der Kehle des zwölfjährigen Luciano erklang, war sein Sängerschicksal besiegelt. 1961 gewann er den ersten Wettbewerb, als Rodolfo in Puccinis „Bohème“. Die Rolle wurde zu seinem Schlachtross, sie verschaffte ihm ein Engagement in Reggio Emilia und die Aufmerksamkeit von ­Alessandro ­Ziliani, einem einflussreichen Agenten aus Mailand.
Dann ging alles Schlag auf Schlag. Ob als leidenschaftlicher Maler und Freiheitskämpfer Cavaradossi in „Tosca“ oder als „Rigoletto“-Herzog, bald glänzte er in den Blockbustern des Musiktheater-Betriebs, in den Opern von Verdi, Puccini, Donizetti­ und Bellini. Er sang unter ­Karajan, ­Solti, ­Bernstein, ­Muti, ­Abbado, ­Kleiber, ­Levine. Immer dabei: ein abgebrochener Nagel in der Hosentasche, als Talisman, denn er war abergläubisch. Seine tapsige Zartheit auf der Bühne war anrührend, sein Schauspieltalent hielt sich in Grenzen. Sein Gewicht nicht. „Du singst wie ein Gott“, wunderte sich ­Karajan. „Aber warum bist du so dick?“ Worauf der Italiener antwortete: „Spaghetti, Maestro, Spaghetti.“

In Amerika wurde er zur Marke. Er warb für Kreditkarten und Uhren, bekam einen Platz als Wachsfigur bei Madame Tussauds. In Hollywood spielte er in „Yes Giorgio“ einen – was sonst – italienischen Opernsänger, der in die USA auswandert. Der Film brachte ihm die Nominierung für die Goldene Himbeere ein, für den schlechtesten Schauspieler von 1983.
1990 gab er mit Carreras und Domingo­ zum Finale der Fußball-WM ein Open-Air-Konzert in den Caracalla-Thermen von Rom. Eine Milliarde Menschen verfolgten es im TV. Die „Drei Tenöre“ waren geboren und mit ihnen das kommerziell erfolgreichste Produkt der Klassik-Industrie. Geschätzt wurde der Stundenlohn der Interpreten auf 250.000 Euro. Kuriose Crossover-Projekte unter dem Label „Pavarotti­ & Friends“ mit Pop-Größen folgten, Auftritte im New Yorker Central Park und unter dem Pariser Eiffelturm. Sein künstlerischer Stern begann zu sinken. Man traute ihm bald keine Partie mehr zu. Viele Rollen hatte ­Pavarotti ohnehin aus seinem Repertoire gestrichen, etwa den Alfredo aus der „Traviata“ und den Pinkerton in ­Puccinis „Madame Butterfly“, weil ihm die Protagonistinnen zu dominant waren. Er verschwand aus den Feuilletons und landete in der Yellow-Press, die seine Scheidung von Ehefrau ­Adua und den zweiten Frühling mit Sekretärin Nicoletta­ ausschlachtete.
2003 wird der 67-Jährige nochmals Vater. „Männer von 60 mit Seelen von 30“, schreibt er auf ein Foto, das ihn mit Kollegen zeigt. 2006, zur Winterolympiade in Turin, rafft er sich, vom Krebs gezeichnet, zu seinem letzten „Vincerò“ auf. 2007 verliert er den Kampf.

Autorin: Teresa Pieschacón Raphael

Pavarotti Memorial Concert aus der Arena di Verona

Konzert Samstag, 23.12., 17.05 Uhr
Online verfügbar bis zum 22. Januar.

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Kategorien: Dezember 2017