foie gras, Stopfleber
julien.wilkens@axelspringer.de

TYPISCH FRANKREICH: ZUM FRESSEN GERN

Ein Herz für Tiere haben natürlich auch die Franzosen. Doch spätestens beim Entrée zum Weihnachtsmahl hört bei ihnen die Tierliebe auf. Illustration: Martin Haake.

Wie lautet das erste Gebot der Franzosen? Du sollst genießen! Das steht zwar nicht in der Bibel, dafür ist es tief in die Seele unserer Nachbarn eingeschrieben. Auch in der Familie meines französischen Mannes wird so ziemlich alles dem kulinarischen Genuss untergeordnet. Nicht nur das Wohl des ausländischen Gastes, der irgendwo zwischen Käse und Dessert fast die Besinnung verliert ob der Fülle der Speisen. Sondern ebenso das Wohl der Tiere, die auf den reichlich gedeckten Tellern landen.

Alle Jahre wieder darf, nein, muss ich an Weihnachten eine französische Spezialität kosten, die zwar exquisit ist, die ich als tierliebende Deutsche jedoch nicht ohne Skrupel verspeisen kann: Foie gras (wörtlich: fette Leber), bekannt als Stopfleber. Ihre Herstellung – wohlgemerkt nicht der Verkauf – ist in Deutschland verboten, weil dabei Tiere gequält werden. Niedliche Entlein und stolze Gänse, die über einen Schlauch zwangsernährt werden? Das ist zu viel für die empfindsame Teutonenseele. Für den Gallier dagegen kein Problem, selbst wenn er – wie mein Mann und sein ­Vater – seit Jahren Mitglied bei den französischen Grünen ist. Umwelt- und Tierschutz? Klar! Aber nur, solange der französische Gaumen nicht betroffen ist.

So schimpfen Mann und Schwiegerpapa etwa mit Feuereifer über die bösen deutschen Dieselautos, die auch in Frankreich die Luft verpesten. Wenn ich jedoch anmerke, dass man doch hin und wieder den Tieren zuliebe auf Foie gras verzichten könne, ernte ich nur Hohn: Wann denn die Deutschen endlich das Tempolimit einführen würden – bei Autounfällen kämen sicher auch unschuldige Rehe, Hasen oder gar Gänse zu schaden. Kritik, die sicherlich berechtigt ist, dem armen Federvieh aber leider nicht weiterhilft. Keines meiner Argumente scheint zu fruchten. Auch nicht der Verweis auf die knallharten wirtschaftlichen Interessen, die hinter der Herstellung der Foie gras – ebenso wie hinter der Diskussion ums Tempolimit in Deutschland – stecken. Schließlich werden in Frankreich jährlich 19.000 Tonnen Stopfleber herangemästet und damit etwa 70 Prozent der Produktion weltweit. Bis zu 100.000 Franzosen profitieren vom Geschäft mit der fetten Leber.
Nach mittlerweile sieben französischen Weihnachtsfesten habe ich das Diskutieren aufgegeben. Ich bin geschlagen, denn meine Franzosen kämpfen mit unlauteren Mitteln: Zuerst benebeln sie meinen Geist mit Champagner, stopfen mir den Mund mit Amuse-Bouches und servieren dann aus dem Hinterhalt – Foie gras.

Autorin: Sabine Klüber
zur Autorin: Die Journalistin Sabine Klüber lebt seit 2009 mit französischem Mann und zwei Töchtern in Straßburg.

Karambolage

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Kategorien: Dezember 2017