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Die Unbeugsame

Wiege der Wolkenkratzer und Kratzbürstigen, Zentrum der Kultur- und Finanzwelt: Wie wurde New York zur Großstadt von heute? Zeitreise zur Geburt einer Metropole.

© Dina Litovsky

„Not My President!“ Die Antwort der New Yorker auf den Wahlsieg Donald Trumps vor einem Jahr fällt deutlich aus. Ausgerechnet in Manhattan, wo der im New Yorker Stadtteil Queens geborene Multimillionär sich mit dem Trump Tower einen vergoldeten Wolkenkratzer als Familiensitz errichtet hat, formiert sich einer der lautstärksten und buntesten Proteste gegen den großen Provokateur. Auch als es 2011 darum geht, der Korruption und Skrupellosigkeit der Finanzwelt den Kampf anzusagen, rufen New Yorker eine globale Widerstandsbewegung ins Leben: „Occupy Wall Street“. Dabei besetzen Demonstranten das Finanzviertel Manhattans mit Zelten. Und dass Freiheit keine Plattitüde und Aufgeben für New Yorker keine Option sind, zeigt ebenfalls ein aktuelles Beispiel. Als ein Attentäter am 31. Oktober mit einem Pick-up acht Menschen tötet, beugt sich die Stadt abermals nicht dem Terror. Nur wenige Tage später findet der traditionsreiche New-York-City-Marathon wie geplant statt.

Stadt der Superlative

Stur und stark, weiter und höher. Die Metropole ist ein Ort der Superlative und dient den Menschen schon sehr lange als Projektionsfläche für all ihre Hoffnungen und Träume. Dass das so ist, hängt eng mit der Geschichte der Stadt zusammen. Mit rund 8,5 Millionen Einwohnern, die sich auf 785 Quadratkilometern ballen, ist New York der bevölkerungsreichste sowie am dichtesten besiedelte Ort der USA. Gleichzeitig zählt die Stadt mit ihren fünf Bezirken Manhattan, Brooklyn, Queens, Bronx und Staten Island zu den teuersten Orten der Welt.
Mit dem Ende 2014 fertiggestellten, 541 Meter hohen One World Trade Center beherbergt New York aktuell das höchste Gebäude des Westens. Auch mit dem 425 Meter hohen Hochhaus namens 432 Park Avenue sowie dem Empire State Building (381 Meter) stehen in der Megacity einige der höchsten Wolkenkratzer weltweit. Faszinierend ist zudem die Fülle an renommierten Bühnen, etwa im Theaterviertel Broadway, und an Museen, darunter beispielsweise das Museum of Modern Art, das Guggenheim Museum und das Metropolitan Museum of Art. Auf der Wall Street steht mit der New York Stock Exchange die größte Börse der Welt. Zudem ist der Big Apple­ als Sitz der Vereinten Nationen Treffpunkt der internationalen Diplomatie.
Und nicht zu vergessen, das wohl beeindruckendste Merkmal New Yorks abseits architektonischer und kommerzieller Superlative: seine Bedeutung als sogenannter Melting Pot, als einzigartiger Schmelztiegel verschiedener Ethnien, Kulturen und auch Subkulturen. Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass die Stadt mit rund 800 gesprochenen Sprachen die wohl höchste Sprachendichte der Welt aufweist. All dies macht genau die Magie New Yorks aus, die Musiker und Schriftsteller seit jeher in ihren Werken aufgreifen. Von Frank Sinatra mit seinem „New York, New York“, der inoffiziellen Hymne für die nie schlafende Stadt, über Regisseur Woody Allen, der seiner geliebten Heimatstadt ein filmisches Denkmal setzte, bis zu Kultautor Paul Auster, der die Metropole zum Schauplatz seiner „New-York-Trilogie“ wählte. Wie aber wurde die Weltstadt zu dem, was sie heute ist?

Nieuw Amsterdam

Die Geschichte des heutigen New York begann vor etwa 400 Jahren. Als vermutlich erster Europäer bereiste der italienische Seefahrer Giovanni da Verrazano 1524 diesen Ort. Im Jahr 1609 befuhr der englische Entdecker Henry Hudson den später nach ihm benannten Hudson River und trieb mit den dort ansässigen Ureinwohnern einen Handel. Dies weckte das Interesse niederländischer Kaufleute. Zu dieser Zeit wurde das Gebiet von Lenape-Indianern bewohnt und „Manna-hatta“ (Land der vielen Hügel) genannt. Mit ihnen begannen niederländische Kaufleute Anfang des 17. Jahrhunderts einen Fellhandel. 1624 gründete die sogenannte Niederländische Westindien-Kompanie (WIC), die ein Monopol für Handel mit Amerika hatte, dort die Siedlung Nieuw Amsterdam (Neu-Amsterdam). Ebenfalls errichtete die WIC die Kolonie Nieuw Nederland an der Ostküste des Landes.

Im Jahr 1626 kaufte der niederländische Seefahrer Peter Minuit die Insel Manna-hatta den Indianern für Waren im Wert von 60 Gulden ab. Auch wenn der Ablauf dieses Tauschs nicht genau belegt ist, so ist sicher, dass zu dieser Zeit das Gebiet von den Niederländern besiedelt wurde. Jahrzehnte später, im Jahr 1664, wurde Nieuw Amsterdam vom englischen Königreich ohne Widerstand der Niederländer eingenommen. Zu Ehren des Herzogs von York erhielt das Gebiet den Namen New York.

Die Ankunft der Niederländer und Engländer im 17. Jahrhundert markierte nicht nur den Beginn des europäischen Einflusses auf New York. In den Folgejahren entwickelte sich ein regelrechter Wettstreit mit Amsterdam und London, die im Laufe des 17. Jahrhunderts zu einflussreichen Handelsmächten und den wichtigsten Städten der Welt wurden. Als sich die Vereinigten Staaten nach dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1783 von der britischen Kolonialmacht lossagten, begann die unaufhaltsame Entwicklung New Yorks zur Weltmetropole. Von 1788 bis 1790 war sie Hauptstadt der USA, spätestens ab Anfang des 19. Jahrhunderts nahm das Wachstum der Stadt endgültig eine schwindelerregende Dynamik an. Die Lage der Stadt führte dazu, dass sie in den folgenden Jahrzehnten immer wieder Migrationswellen erlebte. Über die Neuankömmlinge sagt der Historiker Russel Shorto in der ARTE-Doku: „Sie sahen eine betriebsame Gesellschaft mit verschiedenen Sprachen und Religionen und hielten das Ganze für Amerika. Aber das war New York. Und New York war so, weil es vorher Neu-Amsterdam war.“

Legendärer Deal von 1626: Peter Minuit kaufte den Indianern Manna-hatta für Waren im Wert von 60 Gulden ab (© Alamy)

„All safe, Gentlemen!“

Die wachsende Stadt erforderte auch neue Strukturen. Im sogenannten „Randel-Plan“ aus dem Jahr 1811, dem berühmt gewordenen Bebauungsplan des Landvermessers John Randel jr. für die Insel Manhattan, wurden die Grundlagen für das stilprägende Schachbrettmuster des Stadtbezirks gelegt. Funktional ausgerichtet, wurde das Gebiet durch zwölf große Avenues und 155 Straßen in regelmäßige Blöcke aufgeteilt. Die Avenues verliefen in Nord-Süd-, die Straßen in Ost-West-Richtung. Orientierung bot zudem die Fifth Avenue, die Manhattan in die East und West Side gliederte. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wuchs New York zur vertikalen Stadt.

Dazu trug unter anderem die von dem Mechaniker Elisha Graves Otis erfundene Sicherheitstechnik für Aufzüge bei. Seine Vorrichtung, die einen Absturz der Fahrstuhlkabine verhinderte, präsentierte Otis 1854 bei der Weltausstellung im New Yorker Crystal Palace vor versammelter Menschenmenge. Bei einer waghalsig anmutenden Vorführung ließ der auf einer Aufzugsplattform stehende Otis vor dem geschockten Publikum das Tragseil seiner Plattform durchtrennen. Diese stürzte dank der Sicherheitsbremse nicht ab. „All safe, Gentlemen!“, verkündete er stolz. Neben bautechnischen Fortschritten war somit auch Otis‘ Erfindung bedeutend für das bald folgende vertikale Wachstum der Metropole. Die im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert umgesetzte Stadtentwicklung wird der Großstadt dank visionärer Baukunst ihren unverwechselbaren Charakter geben. Wolkenkratzer und Monumente werden erbaut, die in Höhe und Innovation neue Maßstäbe setzen und auch über 100 Jahre später als Symbol für die moderne Metropole gelten. Dabei werden sich Architekten einen Wettkampf der Superlative liefern, der New Yorks berühmte Skyline bis heute prägt.

Revolutionär: Die von Elisha Graves Otis erfundene Bremsvorrichtung für Aufzüge erlaubte den Bau in die Wolken (© Alamy)

Magische Monumente

Die Liste der bedeutenden Monumente der Stadt ist eindrucksvoll. Dazu gehört der im Jahr 1873 im Herzen Manhattans fertiggestellte Central Park, bekannt als die grüne Lunge New Yorks. Auch die Manhattan und Brooklyn verbindende Brooklyn Bridge über dem East River ist einzigartig. Bei ihrer Fertigstellung 1883 war sie mit knapp über 1.800 Metern die zu diesem Zeitpunkt längste Hängebrücke der Welt. Heute stehen Central Park und Brooklyn Bridge auf der Vorschlagsliste für das Unesco-Weltkulturerbe. Bereits als solches klassifiziert ist das wohl bekannteste Wahrzeichen New Yorks – die 1886 auf Liberty Island eingeweihte Freiheitsstatue. Erbaut vom französischen Bildhauer Frédéric-Auguste­ Bartholdi, war sie ein Geschenk des französischen Volkes an die USA zu Ehren der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Eröffnet im Jahr 1872, wurde das Metropolitan Museum eines der bedeutendsten Kunstmuseen der Welt. Auch die 1890 gegründete Metropolitan Opera gilt heute als eines der international führenden Opernhäuser. Ein weiterer Rekordhalter wurde das 1899 fertiggestellte Park Row Building, das mit etwa 120 Metern als erster wirklicher Wolkenkratzer gilt. Über knapp zehn Jahre war es Rekordhalter als höchstes Gebäude der Welt.

Für immer einen traurigen Platz in der Weltgeschichte hat das 1973 eröffnete World Trade Center, das mit seinen Zwillingstürmen jahrzehntelang die Skyline New Yorks prägte – bis es infolge der Terroranschläge vom
11. September 2001 zerstört wurde. Auf dem zurückgebliebenen Ground Zero wurde 2006 bis 2014 das One World Trade Center hochgezogen. Als Folge der Anschläge verlangsamte sich das vertikale Wachstum der Stadt jedoch nur unwesentlich. Aktuelle Bauprojekte für Manhatten zeigen: New Yorks Griff nach den Sternen wird wohl unaufhörlich weitergehen.

Im Vergleich zu einst, als vor allem Bürogebäude in die Höhe schossen, sollen es zukünftig auch Luxusimmobilien sein, die die Skyline der Stadt formen – nicht zuletzt für reiche Investoren aus dem Ausland. Genau dabei wird klar, dass die vertikale Stadt auch ihre Schatten wirft. Eines der Probleme: die absurden Immobilienpreise. So soll etwa ein Appartment im exklusiven Wolkenkratzer 520 Park Avenue, dessen Fertigstellung demnächst erwartet wird, bis zu 130 Millionen US-Dollar kosten. Einfache Bewohner werden dabei nicht nur durch astronomische Preise von Penthouses ausgegrenzt, sondern auch durch die fortschreitende Gentrifzierung in allen fünf Stadtbezirken. Aus einstigen Werkstätten werden Hipsterlokale, öde Viertel werden aufgewertet. Ein Beispiel dafür ist die High Line in Manhattan, eine zum Park umfunktionierte Gütertrasse, die den Stadtteil schöner macht – und teurer. Der US-Architekturhistoriker und New-York-Experte Thomas Mellins drückt die Besonderheit wie folgt aus: „Anders als andere US-Städte ist sie nicht aus religiösen oder idealistischen Motiven entstanden. Bei der Gründung von New York ging es ums Geldverdiener.“ Fragen der sozialen Ungleichheit, der Verkehrs- und Umweltproblematik fordern New York als globale Megacity der Zukunft heraus. Für deren Bewältigung mag die Metropole das ideale Experimentierfeld und womöglich Vorbild für andere Städte sein.

Was Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit angeht, so sind derzeit alle Blicke auf den demokratischen Bürgermeister von New York, Bill de Blasio, gerichtet. Gerade erst wurde er in seiner zweiten Amtszeit bestätigt. Seine Ambitionen für mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft, aber auch für die Reduzierung von Emissionen sind groß. Als Präsident Trump Mitte 2017 den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen ankündigte, erklärte de Blasio, dass New York weiterhin unbeirrt an den Klimazielen festhalten werde.
Dementsprechend engagiert ist seine Kampfansage gegen den New Yorker Trump: „Wenn du dich gegen die Werte deiner Stadt wendest, wird deine Heimatstadt zurückschlagen.“

Autorin: Jana Idris

Amsterdam London, New York – Welt-Städte

4-tlg. Dokureihe Samstag, 16.12., ab 20.15 Uhr
Online verfügbar bis zum 14. Februar.

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Kategorien: Dezember 2017