Banken, Börse, Deutsche Bank, Josef Ackermann, Spekulant

BRUTAL VERZOCKT

Nach dem Vorbild großer Investmentbanken wollten deutsche Geldinstitute satte Renditen einfahren. Allein, sie fuhren den Karren an die Wand.

© Illustration: Daniel Stolle.

Am letzten Juli-Wochenende 2007 hängt Josef ­Ackermann in einer Telefonkonferenz. Es geht um die IKB aus Düsseldorf, die sich mit Derivaten vom US-Immobilienmarkt verspekuliert hat. Der damalige Boss der Deutschen Bank weiß, was zu tun ist. Er selbst hatte die Bankenaufsicht vor der Schieflage der IKB gewarnt, nachdem sein Haus den Düsseldorfern die Kreditlinie gekappt hatte. Bevor die Börse am Montag öffnet, muss die Staatsbank KfW für die Verluste der privaten IKB geradestehen. Andernfalls droht ein Desaster.

So oder ähnlich sollte es in den fol­genden Jahren oft laufen. ­Ackermanns Telefonkonferenz markiert den Moment, als die Finanzkrise in Deutschland ankam – ein prägendes Ereignis. Bis heute ist die Krise nicht bewältigt, wie der Dokumentarfilm „Die Skandalbank“ über die britische HSBC zeigt, den
ARTE am 12. Dezember ausstrahlt. Selbst die vergleichsweise robuste deutsche Wirtschaft hat den Wachstumstrend der Vorkrisenjahre nicht wieder erreicht.

Was mit obskuren Wetten auf steigende Immobilienpreise in den USA begann, entpuppte sich bald als gewaltige, globale Spekulationsblase. Reihenweise hatten sich die Banken verzockt. Der dauerhafte Schaden ist mit mehreren Billionen Euro zu beziffern. Die Verluste privater Kapitalgeber ließen sich nur mit Geldzusagen vom Staat eindämmen. Regierungen und Zentralbanken handelten besonders nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 von der Angst getrieben, das gesamte Geldwesen könnte kollabieren.

Stupid German Money

Anfangs schien die Deutsche Bank zu den Gewinnern zu gehören. Sie zählte nicht zu den „dummen Deutschen aus Düsseldorf“, wie ein New Yorker Händler im oscarprämierten Finanzthriller „The Big Short“ (2015) sagte. „Stupid German Money“ wurde zum stehenden Begriff. Gemeint hatte der Börsenspekulant die Manager der IKB und andere Abnehmer der bald als Giftpapiere verschrienen Derivate: allesamt Nachahmer, die im Rennen um Rendite mit den Investmentbankern mithalten wollten – und dann zu den ersten Opfern der Krise wurden.

Josef Ackermann kannte die Gefahr im Fall der IKB gut. Sein Haus hatte der IKB etliche toxische Papiere verkauft und eine irische Zweckgesellschaft ermöglicht, in der Milliardenrisiken außerhalb der Bilanz versteckt wurden. Der damalige Sparkassenpräsident Heinrich ­Haasis monierte, dass „man Ratgeber für Brandschutzvorschriften wird, wenn man vorher zwar nicht das Feuer ausgelöst, aber doch ordentlich Brennholz gesammelt und gut daran verdient hat“.

Später räumte Ackermann vor eigenen Managern ein, er würde sich schämen, wenn er Geld vom Staat annehmen müsste, so wie die Nummer zwei der deutschen Großbanken: die Commerzbank. Die wollte auf dem Höhepunkt der Krise durch die Übernahme der Dresdner Bank ein Top-Player werden, konnte dann aber nur dank Kapital vom Staat als Rumpfkonzern überleben. Indirekt profitierte auch die Deutsche Bank vom Steuergeld. Ohne Staatshilfe wäre der Finanzmarkt wohl zusammengebrochen.

Ackermanns Nachfolgern blieb wenig Glanz beschieden. Zu lang war die Liste der Skandale, die immer wieder negative Schlagzeilen über die Deutsche Bank produzierten. Ob manipulierte Zinsen oder Wechselkurse, Geldwäsche in Russland, das Verschleiern fauler Kredite in Italien – die Altlasten nahmen der Deutschen Bank den Nimbus des gewieften Gewinners. Tausende Fälle meldete die Rechtsabteilung. Inzwischen ist der Großteil abgehakt – zumeist in außergerichtlichen Vergleichen, die in den USA etliche Milliarden Dollar kosteten.

Dennoch: Das totgesagte Investmentbanking lebte bald wieder auf. Es behielt stets seinen Rang als Kraftzentrum des Konzerns, als bester Gewinnlieferant. All die Empörung über Boni-Banker, über Gier und Größenwahn scheint ins Leere gelaufen zu sein. Nur wenige Verantwortliche wurden verurteilt, und wenn, dann für Lappalien.

An den Rand des Ruins 

Mit Begriffen wie Moral oder Recht ist die Sache kaum zu fassen. Es ist schlichtweg nicht verboten, die Welt an den Rand des Ruins zu treiben. Die Finanzkrise entstand weniger durch kriminelles oder skandalöses Verhalten Einzelner als aus der inneren Logik des auf Herdentrieb beruhenden Finanzsystems: Geld soll sich vermehren – am besten ohne den Umweg über die Produktion von Waren.
Die Spekulation funktionierte wie ein großes Schneeballsystem: Solange alle mitmachen, geht es gut. Und „Stupid German Money“, das aus den Überschüssen der deutschen Exportmaschine und von fleißigen Sparern stammende Geld, hat das Spiel mit angetrieben.

Aus dem „Kapital-Verbrechen“, wie es „Der Spiegel“ nannte, wurden durchaus Konsequenzen gezogen – nicht nur bei der Deutschen Bank, deren heutiger Chef John Cryan als knallharter Sanierer gilt. Zigtausende Seiten neuer Regeln wurden als Antwort auf die Krise verfasst, um die Banken im Zaum zu halten. Viele sind indes widersprüchlich: Sollen die Banken zur Abschreckung teure Strafen erleiden oder mit Kapital gestärkt werden, damit sie in einer künftigen Krise weniger hilfsbedürftig sind? Und: Sollen vorrangig Sparer beschützt werden oder alle Steuerzahler?

Eindeutige Antworten darauf mögen weder Finanzpolitiker noch Bankenaufseher geben. Denn bei allem Unmut werden die Banken ja gebraucht, um die Kreditvergabe in Schwung zu halten. Geld muss zirkulieren, damit die Konjunktur läuft. Das „Stupid German Money“ ist immer noch unterwegs. Nur sucht es jetzt noch verzweifelter nach profitablen Anlagemöglichkeiten.

Arvid Kaiser (Redakteur bei manager-magazin.de)

Die Skandalbank

Dokumentarfilm Dienstag, 12.12., 20.15 Uhr
Online verfügbar bis zum 10. Februar.

Tod eines Bankers

Gesellschaftsdoku Dienstag, 12.12., 21.55 Uhr
Online verfügbar bis zum 11. März.

Mehr unter: arte.tv

Kategorien: Dezember 2017