Porträt, SERIE

ELISABETH MOSS – EIN VIELSCHICHTIGER CHARAKTER

Ihr Lachen steckt an, am Set mimt sie den Clown. Und doch spielt Elisabeth Moss
am liebsten abgründige Charaktere. Auch in der ARTE-Krimiserie „Top of the Lake“.

Contour by Getty Images © Maarten de Boer

Elisabeth Moss kann man getrost das Prädikat „Hollywoods Frau der Stunde“ ans Revers heften. Die 35-jährige Kalifornierin arbeitete sich als Schauspielerin seit 1990 in die erste Liga – dank mehrerer Serien-Erfolge spielt sie dort nun ganz oben mit. Bekannt ist Moss den meisten wohl als aufmüpfige Präsidententochter aus „The West Wing – Im Zentrum der Macht“. Oder als aufstrebende Sekretärin ­Peggy Olson in „Mad Men“. Viele weibliche Serienstars sind nach dem Ende eines Fernsehformats auf eine bestimmte Charakter-Figur festgelegt und haben Schwierigkeiten, neue spannende Rollen an Land zu ziehen. Moss hingegen startete nach „Mad Men“ erst richtig durch. Sie spielt die Hauptrolle in der auf ARTE ausgestrahlten Krimiserie „Top of the Lake“ und ist im Cannes-Gewinner „The Square“ zu sehen. Sie begeistert Publikum wie Kritiker mit ihrer Rolle in der US-Serie „The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd“, bei der sie auch als Produzentin fungiert. Im September gewann Moss dafür zwei Emmys – als beste Darstellerin und für die beste TV-Serie. Was immer diese Frau derzeit anpackt, es wird zu Gold.

Emmygewinnerin und Cannes-gekrönt
Elisabeth Moss macht es sich nicht leicht. Sie sucht bewusst nach Engagements, die ihr alles abverlangen. Bestes Beispiel: die Rolle von Detective ­Robin ­Griffin in der Serie „Top of the Lake“. Autorin Jane ­Campion hatte ­Griffin in ihrem Drehbuch bereits als sehr komplexe Frau mit vielen seelischen Schmerzen beschrieben, die ihre eigene Tochter zur Adoption freigegeben hat. Als Moss dann diese sehr starke, zugleich aber auch sehr verstörte Frau vor der Kamera zum Leben erwecken sollte, tauchte sie noch viel tiefer ein, als es sich Jane ­Campion je vorstellen konnte. „Das kann sie mit einer Intensität, wie ich es nur selten bei Schauspielerinnen erlebt habe“, bestätigt die Regisseurin. Moss selbst sagt über ihre Erfahrung zur zweiten Staffel „Top of the Lake – China Girl“: „Diese Rolle ist die schwierigste, die ich bislang verkörpert habe. ­Robin und ich haben fast gar nichts gemeinsam. Ich musste emotional in Ebenen vordringen, die ich bislang selbst so noch nicht kannte.“

Unnahbare Charaktere
In der zweiten Staffel ermittelt Polizei-Inspektorin Robin Griffin in Australien. Am Strand von Sydney wird ein Koffer mit einer Frauenleiche angeschwemmt. Der Fall führt sie bald ins Rotlicht­milieu – und in ein weit reichendes Geflecht aus Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt. Oscar-Gewinnerin ­Nicole ­Kidman mimt die Adoptivmutter von ­Robins Tochter ­Mary, die von Jane ­Campions Tochter ­Alice ­Englert gespielt wird. ­Gwendoline ­Christie (bekannt aus „Game of Thrones“) verkörpert Polizistin ­Miranda ­Hilmarson, die gemeinsam mit ­Robin auf Mörderjagd geht. „Wenn man mit solchen starken Schauspielerinnen gemeinsam vor der Kamera steht, dann gibt man automatisch 200 Prozent. Man will sich ja nicht blamieren“, sagt Moss.
Die Frauen, die Moss spielt, sind oft verschlossen, unnahbar, wortkarg. Sie unterdrücken Gefühle, um sich auf den Job zu konzentrieren. Wie ­Peggy in „Mad Men“, die sich von der Sekretärin zur talentierten Werberin mausert. Oder eben ­Robin in „Top of the Lake“. Abseits der Filmsets hingegen bevorzugt Moss lebensfrohe Sichtweisen. „Man möchte es gar nicht vermuten, aber ­Elisabeth war am Set von ,Mad Men‘ so etwas wie der Klassen­kasper“, bestätigt Schauspiel-Kollege Jon Hamm. Moss lacht gerne. Und kichert noch viel lieber. Sie spielt den Kollegen schon mal kleine Streiche oder erzählt Witze. Vereinzelt wirkt sie wie ein verliebter Teenager: etwas überdreht, leicht chaotisch.

Eine Frau mit klaren Vorstellungen
Bei alldem aber stets darauf bedacht, nie die Professionalität zu verlieren. Elisabeth Moss hat klare Lebensphilosophien. Sie weiß, was sie will. Den Respekt vor sich und anderen zu verlieren, wäre der emotionale Super-GAU für die 1982 in Los Angeles geborene Schauspielerin. „Mir ist es sehr wichtig, meiner Umwelt das Gefühl von Respekt und Toleranz zu vermitteln. Ich sehe jeden Menschen als Individuum: völlig unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion und Ansichten“, erklärt Moss, ausnahmsweise mal ohne das breite Lächeln am Ende jeder Antwort. Man spürt, dass da eine Frau spricht, die offenbar schon selbst Erfahrungen gemacht hat mit Vorverurteilungen und Intoleranz. Und die infolgedessen in den Kampf zieht für mehr Verständnis und Akzeptanz.

Kreative Kinderstube
Geprägt wurde sie in dieser Hinsicht auch von ihren Eltern. Moss wuchs in einem Künstlerhaushalt auf. Die Mutter war professionelle Harmonika-Spielerin, der Vater Musikmanager. „Als ich zwölf war, hatte ich keine Ahnung, wer Nirvana oder Oasis sind. Ich hörte Ella ­Fitzgerald und ­Gershwin. Und viel Klassik“, sagt Moss. Beide Eltern waren zudem Hippies und Scientologen. „Unser Haus war immer voll mit verschiedensten Künstlern“, erinnert sich Moss an ihre Kinder- und Jugendjahre. Sie begleitete die Mutter oft zu Auftritten. „Ich bin in einem sehr kreativen Umfeld aufgewachsen, da war es wahrscheinlich eine fast logische Konsequenz, dass ich auch eine Leidenschaft für das Künstlerische entwickelt habe“, sagt Moss ein wenig nachdenklich. So, als wäre ihr das erst in diesem Moment klar geworden.
Für Moss waren es Schauspielerei und Tanz, die sie schon als Kind faszinierten. „Ich fand die Eleganz beim Tanz immer toll. Das Zusammenspiel von zwei Körpern, die ohne Worte etwas ausdrücken können.“ Die Eltern unterstützten die Passion. Während Moss in New York und Washington Ballett studierte, wurde sie nach der Trennung der Eltern von der Mutter zu Hause unterrichtet.
Ihre erste Filmrolle ergattere Moss 1991 mit knapp zehn Jahren in der
Scifi-Komödie „Suburban Commando“ mit Hulk Hogan. Die erste größere Sprechrolle bekam sie 1994 im Drama „Imaginary Crimes“ an der Seite von ­Harvey ­Keitel. Ein Genre, in dem Moss fortan ihre bevorzugte künstlerische Heimat finden sollte. Sie drehte Filme mit ­Angelina ­Jolie („Durchgeknallt“), ­Cate ­Blanchett („The Missing“), ­Diane ­Keaton („Darling Companion“), ­Robert ­Redford („Der Moment der Wahrheit“), ­Naomi Watts („Chuck – Der wahre Rocky“). ­Elisabeth Moss wählt Rollen nicht nach der Höhe der Filmbudgets aus. Für die erklärte und passionierte Feministin stand stets an erster Stelle, Frauen zu verkörpern, die komplexe und wandelbare Charaktere darstellten. „Ich will keine reinen Opfer spielen, sondern Frauen, deren Geschichte andere auch inspirieren kann“, sagt Moss.

Gegen das schnelle Geld
Die Sturheit, mit der Elisabeth Moss sich gegen das schnelle Geld und für den künstlerischen Anspruch entschieden hat, zahlt sich nun aus. Moss genießt den Höhenflug. Aber sie suhlt sich nicht in der neuen Aufmerksamkeit, die man ihr jetzt auch in Hollywood schenkt. „Ich nehme das alles nicht zu ernst. Ich liebe meine Arbeit, aber ich rette damit weder die Welt, noch benötigt es besonders viel Mut, Emotionen abzurufen für eine Rolle“, sagt die Schauspielerin in gewohnter Understatement-Manier. Moss fliegt bevorzugt unter dem Radar. Eine der Qualitäten, die Kollegen und Regisseure an ihr schätzen. Als „eine durch und durch angenehme Person“ wurde Moss etwa von ihrem Filmpartner ­Robert ­Redford beschrieben.
Beobachter sehen Elisabeth Moss für die Zukunft gar auf einer Ebene mit Größen wie ­Meryl Streep. Moss selbst winkt bei solchen Vergleichen peinlich berührt ab, blickt verlegen zu Boden, während sie nervös mit einem Armreif spielt, den sie vor Jahren gebraucht bei einem Juwelier in New York gekauft hatte. „Es ist dein Leben“ ist eingraviert. Der Leitspruch von Moss. Sie versucht stets, den eigenen Instinkten zu folgen. Parallelen zu ­Meryl Streep sind bei Moss dennoch erkennbar. Beide Frauen sind nicht wegen des Ruhms Schauspielerinnen geworden, treffen immer wieder mutige Entscheidungen und verfügen über großes Potenzial an charakterlichem Tiefgang.

Mystisch wie Mona Lisa
Wie bei Streep weiß man auch bei ­Elisabeth Moss nur wenig über das Privatleben. Einen umstrittenen Punkt in ihrer Biografie gibt es dennoch: Bis heute ist Moss, wie ihre Eltern, Mitglied der Sekte Scientology. Als Fans jüngst das totalitäre Regime des fiktiven Staates ­Gilead in „The Handmaid’s Tale“ – in dem Frauen als eine Art Sexsklaven gehalten werden – mit den Lehren von Scientology verglichen, wehrte sich Moss unter anderem mit den Worten: „Religiöse Freiheit ist mir sehr wichtig.“ Während Prominente wie Paul ­Haggis, ­Katie ­Holmes und Leah ­Remini der in den USA als Kirchengemeinde anerkannten Gemeinschaft den Rücken kehrten, sieht Moss Scientology offenbar nach wie vor als spirituelle Heimat.
Dass die in New York lebende Schauspielerin ansonsten nicht für Skandale taugt und Schlagzeilen in erster Linie ihre Arbeit betreffen, dürfte vor allem an ihrem unprätentiösen Auftreten liegen. Moss ist ein bekennender Party- und Ausgehmuffel. „Ich bin in meiner Freizeit am liebsten zu Hause und gucke von neuen TV-­Serien eine Folge nach der anderen“, sagt Moss. Außerdem hat sie längst durchschaut, wie Hollywood funktioniert, kennt jede Stolperfalle und navigiert sich geschickt drum herum. Moss versprüht dabei das Image des braven Mädchens – und hat doch etwas Mystisches an sich.
„Top of the Lake“-Regisseurin Jane ­Campion beschreibt diesen spannenden Gegensatz so: „Elisabeth Moss ist ein bisschen wie Mona Lisa: Hinter dem Lächeln gibt es vieles, was sie nicht preisgibt.“

Autor: Andreas Renner

TOP OF THE LAKE

Im TV startet die zweite Staffel ab dem 7. Dezember um 20.15 Uhr

 

Kategorien: Dezember 2017