BOTSCHAFT TERROR

Wer erschoss die Diplomaten? Wie kam es zur Explosion? Gab es schwedische Helfer? Die Botschaftsbesetzung der RAF in Stockholm 1975 wirft bis heute Fragen auf.

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Stockholm 1975. Ein Haus im Grünen. Musik spielt, junge Menschen stehen beisammen, rauchen, reden. Nur eine Sammlung von Pistolen auf dem Tisch stört das Bild. Bald darauf überfallen sechs aus dieser Runde als „Kommando Holger Meins“ der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) die deutsche Botschaft in der schwedischen Hauptstadt, verschanzen sich mit Geiseln im Gebäude und ermorden zwei Diplomaten. Bei einer Sprengstoffexplosion werden die verbliebenen Geiseln verletzt. Der RAF-Terrorist Ulrich Wessel stirbt infolge der Detonation noch auf dem Botschaftsgelände, Mittäter Siegfried Hausner zehn Tage später im Haftkrankenhaus in Deutschland.
Die Partyszene mit dem Waffenarsenal ist Fiktion und stammt aus der ARTE-Krimiserie „Der vierte Mann“. Aber: Sie könnte sich so oder ähnlich zugetragen haben. Der Dreiteiler basiert auf dem Roman „Eine andere Zeit, ein anderes Leben“ des schwedischen Kriminologen und Autors Leif G. W. Persson.
Über reale Unterstützer des deutschen Terrorkommandos in Schweden lässt sich nur spekulieren. Das Geschehen in der Botschaft am 24. April 1975 aber ist ein blutiges Kapitel bundesrepublikanischer Geschichte. Stockholm gilt dabei als Startsignal der Militarisierung von RAF-Aktionen. Bis heute gibt es offene Fragen und Menschen, die mehr wissen, als sie sagen wollen. Etliche Details des Tathergangs liegen im Dunkeln.
Folkmar Stoecker hat den dramatischen Tag in Stockholm unmittelbar miterlebt. Sein Vater Dieter, deutscher Botschafter in Schweden, war eine der Geiseln. Folkmar, damals 32 Jahre alt und selbst im diplomatischen Dienst, flog mit einem Team des Auswärtigen Amts, des Innenministeriums und des Bundeskriminalamts nach Schweden. Als Angehörigen ließ man ihn direkt zur Botschaft vor. Dort hieß es: „Hier, der Terrorist ist dran. Red’ mal mit dem.“ So verhandelte Stoecker am Telefon mit Lutz Taufer, dem mit 31 Jahren ältesten Mitglied des RAF-Kommandos.
Ziel der Geiselnehmer war die Freipressung von insgesamt 26 in Deutschland inhaftierten Terroristen, darunter der RAF-Führungsriege der ersten Generation, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. Ermutigt waren sie durch den Erfolg der „Bewegung 2. Juni“. Die hatte kurz zuvor den Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz entführt und gegen fünf Häftlinge ausgetauscht.
Noch einmal aber wollte die deutsche Regierung unter Kanzler Helmut Schmidt keinesfalls nachgeben. Und auch die Annahme, Schwedens sozialdemokratische Führung werde es nicht zu einer Eskalation kommen lassen, erwies sich als grundfalsch. Lange vor dem „Deutschen Herbst“ 1977 wurde Stockholm damit zur Zäsur in der Auseinandersetzung zwischen Staat und Linksterrorismus.

Bereit zu sterben

Die Botschaftsaktion war in einer Hinsicht singulär: Es sollte die einzige Tat der RAF bleiben, bei der die Terroristen am Ort des Geschehens ausharrten und sich angreifbar machten. Gängige Methode der selbst ernannten „Stadtguerilla“ war: aus der Deckung zuschlagen und verschwinden, ehe die Polizei auftaucht.
Das Kommando, benannt nach dem infolge eines Hungerstreiks in der Haft gestorbenen RAF-Mitglieds Holger Meins, ging beim Angriff auf die Botschaft von Anfang an mit äußerster Kompromisslosigkeit vor. In ihrem Forderungsschreiben drohten die Terroristen mit der Sprengung des Gebäudes, sollte die Polizei eingreifen. Den eigenen Tod kalkulierten sie ein, heutigen islamistischen Selbstmordattentätern nicht unähnlich. „Ich hatte vor der Botschaftsbesetzung akzeptiert, dass ich dabei sterben kann“, äußerte sich Karl-Heinz Dellwo, ein weiteres Mitglied der Gruppe, vor einigen Jahren in einem Interview mit „Spiegel online“.
Das Auftreten verfehlte nicht seine Wirkung auf die Geiseln. „Mein Vater sagte später, er hatte mit dem Leben abgeschlossen“, erzählt Folkmar Stoecker. Der heute 74-Jährige erinnert sich, wie er selbst dennoch „gelassen, völlig cool“ mit den Terroristen telefonierte. „Der Körper stellt sich auf eine solche Situation ein, ist total auf die Aufgabe konzentriert.“ Erst nach der Detonation, als alles vorbei war, „kam die emotionale Welle, und ich fing an zu heulen“. Da hatte Stoecker seinen Vater, der sich leicht verletzt aus der Botschaft retten konnte, bereits erleichtert in Empfang genommen.

Unaufgeklärte Morde

Was genau die Sprengstoffexplosion in der Botschaft ausgelöst hatte, ist bis heute unbekannt. Beim Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf 1976 gegen die vier überlebenden Kommandomitglieder habe sich Verteidiger Klaus Croissant ganz auf diesen Punkt konzentriert, so Stoecker, der als Zeuge das Verfahren verfolgte. Der später selbst wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verurteilte Anwalt Croissant wollte beweisen, dass aus Deutschland eingeflogene Experten den Auftrag zur Sprengung hatten.
Unaufgeklärt ist – wie bei den anderen mindestens 33 Morden der RAF – auch im Fall der Stockholmer Botschaft bis heute, wer die tödlichen Schüsse auf Militärattaché Andreas von Mirbach und Wirtschaftsreferent Dr. Heinz Hillegaart abgefeuert hatte. Weder im Prozess noch danach haben die Tatbeteiligten das Schweigekartell der RAF durchbrochen.
„Alle sind verantwortlich“, bleibt Karl-Heinz Dellwo in einem Dokumentarfilm von 2003 der eingeschworenen Linie treu, „es ist egal, wer was gemacht hat.“
Und die schwedischen Helfer? Es müsse sie gegeben haben, ist Folkmar Stoecker sicher, „man hat es untersucht, aber nichts herausbekommen“. Im linksorientierten Schweden sei die Kritik der Achtundsechziger an autoritären, aus der NS-Zeit überkommenen Strukturen in Deutschland auf fruchtbaren Boden gefallen. Stoecker: „Es gab Leute, die hielten die RAF für das gute Deutschland.“ In den Wochen nach der Botschaftsbesetzung sei an eine Hauswand „Vi kommer tillbaka“ geschrieben worden – Wir kommen zurück. Für Stoecker eine eindeutige Drohung: Wir rächen uns. „Zum Glück ist das nicht eingetreten.“

Oliver de Weert

DER VIERTE MANN

ARTE HIGHLIGHT
Miniserie, nächste Ausstrahlung Donnerstag, 30.11., 20.15 Uhr

Bis 30. Dezember online verfügbar.

Kategorien: November 2017