ARTE Highlight, Krimi, Senta Berger, Unter Verdacht

ARTE HIGHLIGHT: „ ICH WILL GLAUBWÜRDIG BLEIBEN  “ 

Das Ende der Reihe „Unter Verdacht“ markiert eine besondere Zäsur in einer der außergewöhnlichsten Karrieren der deutschen Filmbranche: Schauspielerin­ Senta Berger zieht Bilanz.

© Frank Bauer

Es ist eine Episode, die in keiner Senta-Berger-Biografie fehlt. Und über die die 76-jährige Schauspielerin immer wieder in Interviews gesprochen hat. Doch es macht Sinn, dieses Erlebnis auch jetzt noch zu zitieren, obwohl es schon 60 Jahre zurückliegt. Damals sagte die junge Schauspielschülerin am Wiener Max Reinhardt Seminar für einen ­Hollywood-Film mit Yul Brynner zu, ohne den Direktor um Erlaubnis zu fragen, und wurde prompt von der Schule verwiesen.

Politisch inkorrekt

Das war in mehrfacher Hinsicht ein Schlüsselerlebnis. Schon allein deshalb, weil es einige prägende Faktoren ihrer Karriere erkennen lässt: Bereits als Teenager hatte sie – nach kleinen Filmrollen – ihre Berufung erkannt, ging deshalb sogar vorzeitig vom Gymnasium ab. Die Aufnahme am renommierten Reinhardt-Seminar war ein erstes Indiz für ihr Talent und legte den Grundstein für eine langjährige Theaterkarriere. Gleichzeitig zeichnete sich hier schon ab, dass sich ­Senta ­Berger auch im internationalen Kino einen Namen machen konnte – auf den Spuren von ­Marlene ­Dietrich und ­Hildegard Knef. Aber bezeichnend war daran vor allem eines: Hier manifestierte sich eine Person, die sich nicht zwangsläufig an Regeln hält – die sich dadurch neue Chancen jenseits ausgetretener Pfade erschließt, aber auch zwischen die Fronten gerät und die Konsequenzen tragen muss. Jetzt im Gespräch gibt sie sich für ihre Unbedachtheit selbst die Schuld und meint, sie wäre dadurch schneller erwachsen geworden. Nicht zuletzt dank dieser Lernfähigkeit stieß sie ein Jahr später als jüngstes Ensemblemitglied zum Wiener Theater in der Josefstadt.
Daraus erklärt sich auch – zumindest indirekt – warum sie in „Unter Verdacht“ zur Hauptdarstellerin einer der erfolgreichsten deutschen Krimireihen der letzten Jahrzehnte avancierte, die ihr auch einen Grimme-Preis eintrug. Wobei sie nicht einfach nur die Rolle der Kriminalrätin Dr. Eva-Maria Prohacek­ übernahm, sondern gemeinsam mit einem Kreativteam ein Konzept für einen „Mehrteiler ausheckte“, der zwar das Genre Krimi bedienen, es aber „von einer ganz anderen Seite beleuchten“ sollte. Ziel war es, „gesellschaftliche Situationen zu erzählen“ – „mit den Mitteln eines Thrillers“. Das bedeutet auch, dass die Serie konfliktträchtige Themen nicht scheut. Die aktuelle Folge „Die Guten und die Bösen“ etwa dreht sich um die Versklavung junger Migranten in einem kriminellen Netzwerk. Berger, der das Thema Flüchtlinge nach eigenem Bekunden am Herzen liegt und die sich schon in den 1970er Jahren für ein Afrika-Hilfsprojekt engagierte, war sich dabei im Klaren: „Als wir diese Geschichte filmisch umgesetzt haben, war es unkorrekt – ich benutze mal den abgenutzten Begriff von ‚politically incorrect‘ –, junge Flüchtlinge auch als Kriminelle zu zeigen.“ Sie machten es dennoch. Genauso wie sie in der Folge „Verlorene Sicherheit“, die Mitte des Jahres auf ARTE gezeigt worden ist, einen Terroranschlag in München zum Thema machten – mitten auf dem Oktoberfest. „Wir haben uns die Aufmerksamkeit und Anerkennung dafür hart verdient“, resümiert ­Berger die heutige Anerkennung.
Bei der Entstehung von „Unter Verdacht“ hätte es die Option gegeben, die Handlung in Berlin anzusiedeln. Berger jedoch bestand auf München: Damals war ihre seinerzeit 99-jährige Mutter noch am Leben, die sie nicht allein lassen wollte. Der süddeutsche Schauplatz war es schließlich, der der Serie einen ureigenen und spezifischen Stempel aufdrückte, abseits typischer Krimi-Settings: „So kam als eines der wichtigen und realistischen Motive die sogenannte bayerische ‚Spezlwirtschaft‘ ins Spiel, die sich eben nicht in Hinterhöfen abspielt, sondern an öffentlichen ‚Fünf Sterne‘-Orten.“

Hollywood Calling

Es war auch jene Bodenhaftung, die es Senta Berger ermöglichte, eine der außergewöhnlichsten Karrieren einer deutschsprachigen Schauspielerin zu erleben. Zunächst etablierte sie sich im heimischen Unterhaltungskino nach dem Zweiten Weltkrieg, gehörte hierzulande Anfang der 1960er zu den meistbeschäftigten Darstellerinnen – etwa in der Simmel-Verfilmung „Es muss nicht immer Kaviar sein“. Aber sie lehnte sich auch gegen die Zwänge der Branche auf, versuchte aus einem Vertrag mit dem mächtigen Produzenten ­Artur ­Brauner auszusteigen, der ihr keine ansprechenden Rollen bot. Erst nachdem der Berliner Mogul sie auf 400.000 DM Schadensersatz verklagte, willigte sie ein, für ihn einen letzten Film zu drehen. Währenddessen hatte sie immer wieder für Hollywood gearbeitet und verlegte dann ihren Schwerpunkt in die USA. Wer sie nur aus ihren heutigen Fernseharbeiten kennt, weiß nicht, dass sie mit einigen der legendärsten Stars der Branche spielte – ob Kirk ­Douglas, John ­Wayne, ­Alec ­Guinness oder ­Charlton ­Heston. Aber sie ließ sich nicht so sehr vom Schein dieses Systems vereinnahmen, als dass sie dessen Grenzen nicht erkannt hätte. Das Hollywood der frühen 1960er erlebte eine kreative und bald auch ökonomische Krise. ­Senta ­Berger war sich bewusst, dass der amerikanische Film dieser Phase „mit ganz wenigen Ausnahmen sehr langweilig war“. Man schrieb ihr keine Rollen auf den Leib, wie das für eine ­Marlene ­Dietrich geschehen war, und ihr exzellentes Englisch, dank dem sie sogar Amerikanerinnen spielte, war angesichts derartiger Rahmenbedingungen nutzlos. Ein Angebot für eine Fernsehserie, für die sie sich fünf Jahre hätte verpflichten müssen, schlug sie aus. Sie hatte das Pech, dass die neue Aufbruchsphase des „New Hollywood“ mit Filmen wie „Easy Rider“ oder „Bonnie­ und Clyde“ erst Ende der 1960er einsetzte, meint aber heute, dass sie für dessen uramerikanische Rollen ohnehin viel zu europäisch gewesen wäre.

Kinder und Karriere

Aber gerade weil sie sich gegen fremde Vereinnahmung wehrte, schaffte sie den Absprung, drehte bis in die 1970er etliche Male in Italien. Dort arbeitete sie mit Starregisseuren wie ­Luigi ­Comencini, fügte ihrer Filmografie aber auch Projekte hinzu, die nicht zu den Glanzstücken ihres Schaffens gehören, etwa den „kindischen Steinzeit-Sexklamauk“ (Lexikon des internationalen Films) „Als die Frauen noch Schwänze hatten“. Allerdings hatten sich ihre Prioritäten ohnehin verlagert. Zum einen hatte sie mit ihrem späteren Mann, dem Schauspieler, Arzt und Filmregisseur ­Michael ­Verhoeven, ein Unternehmen gegründet, mit dem beide im deutschen Film Akzente setzen wollten. Gemeinsam produzierten ­Verhoeven und ­Berger sein Regiedebüt „Paarungen“ nach ­August ­Strindberg oder das Drama „MitGift“. ­Zusätzlich stand sie weiter vor der Kamera, etwa für Wim ­Wenders’ Nathaniel-Hawthorne-Verfilmung „Der scharlachrote Buchstabe“. Und kurzzeitig spielte sie mit dem Gedanken, die eigene Karriere an den Nagel zu hängen: „1972, wenige Monate nach der Geburt meines Sohns Simon, konnte ich mir nicht vorstellen, ihn allein zu lassen. Da kam mir zufälligerweise Kurt Meisel entgegen, der damalige Intendant des Münchner Residenztheaters, den ich gut kannte. Er fragte mich, was los sei, da habe ich mich ihm anvertraut. Und er meinte: ‚Überleg dir das gut, deine Kinder werden dich früher als Mutter entlassen, als du denkst. Gib deinen Beruf nicht auf, der wird dich begleiten, ein Leben lang.‘“
Die Zeit bis in die frühen 1980er war von einem hochindividuellen Mix aus Projekten geprägt: Kultregisseur Sam ­Peckinpah, der sie in seinem Frühwerk „Sierra Charriba“ besetzt hatte, holte sie für seinen Kriegsfilm „Steiner“; hinzu kamen italienische Dramen und deutsches Kunstkino („Dantons Tod“). Einige Jahre war sie die Buhlschaft des „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen. Überdies feierte sie als Produzentin Erfolge: Der von ­Michael ­Verhoeven inszenierte „Die weiße Rose“ war der umsatzstärkste deutsche Film des Jahres 1982. Neun Jahre später sollte die gemeinsame Produktion „Das schreckliche Mädchen“ sogar für einen Oscar nominiert werden.
Und mit 45 definierte sie ihre Karriere noch einmal neu, indem sie in der satirischen Miniserie „Kir Royal“ zum veritablen Fernsehstar avancierte und überdies ihre Talente als Chanson-Sängerin zeigte. Dies war der Startschuss für weitere erfolgreiche TV-Serien, die speziell für sie maßgeschneidert waren, von der von ­Michael ­Verhoeven entwickelten und inszenierten „Die schnelle Gerdi“ bis zu „Unter Verdacht“.
Wer Senta Berger auf dieses Segment festlegen möchte, den überrascht sie prompt – etwa mit dem hintersinnigen Komödien-Hit „Willkommen bei den Hartmanns“, inszeniert und geschrieben von ihrem Sohn ­Simon ­Verhoeven. Wobei sie aber nicht eine umsatzträchtige deutsche Filmkomödie nach der anderen herunterkurbelt wie andere Stars. Wenn ein Adjektiv für sie passen würde, dann „unabhängig“.

Ausgezeichneter Schweinsbraten

Diesem Denken war es geschuldet, dass Senta Berger 1974 im Magazin „Stern“ mit 371 anderen Frauen bekannte: „Ich habe abgetrieben.“ Oder dass sie die Politik ­Willy Brandts unterstützte oder sich für eine SPD-Kampagne gegen die AfD engagierte. Deshalb hat sie auch einen ganz illusionslosen Blick auf sich selbst und ihre Karriere. Sie ist sich bewusst, dass ihre Zeit bei „Unter Verdacht“ vorbei ist: „Ich bin jetzt gut zehn Jahre älter als die Eva Prohacek, die kurz vor ihrer Pensionierung stehen müsste. Es geht in ‚Unter Verdacht‘ immer um Glaubwürdigkeit der Themen, aber auch der Figuren. Das muss so bleiben. Und ich als Senta bin jetzt einfach schon zu lange im Amt. Ich will die Figur der Prohacek, die ich ja mit geschaffen habe, nicht beschädigen.“
Ein aufgeplustertes Ego kennt sie nicht. Einmal im Gespräch meint sie ohne Anflug von Koketterie: „Sie wollen aus mir was Klügeres machen, als ich eigentlich bin.“ Und in ihrem ungeschminkten Pragmatismus wirkt sie nie schroff, sondern strahlt einen tief entspannten Charme aus, der vielleicht ihrer Wiener Herkunft geschuldet ist. Deshalb lässt sie sich auch auf die Medien ein, aber nur mit einer gewissen Dosis Selbstironie. Von einem Boulevardblatt befragt, worauf sie stolz sei, nennt sie ihren „ausgezeichneten Schweinsbraten“.
Wird das das Einzige sein, woran man sich eines Tages bei Senta Berger erinnern wird? Sie selbst stellt sich solche Fragen gar nicht erst: „Meine Mutter hat gemeint: ‚Begrabt’s mich im Garten und setzt’s einen Rosenbusch darauf. Dann habt ihr was Schönes zum Schauen.‘ Das finde ich eine sehr gute Einstellung. Den Gedanken, dass sonst etwas von mir übrig bleibt, brauche ich nicht.“
Aber bis dahin wird sie nicht so schnell Ruhe geben. „Denn Schauspielen ist ein Beruf, der einen glücklich macht, der einen fliegen und auch abstürzen lässt. Und ihn werde ich nicht aufgeben. Warum auch?“

Rüdiger Sturm

ARTE Highlight: Unter Verdacht

In „Die Guten und die Bösen“ aus der Krimireihe „Unter Verdacht“ geht Ermittlerin Eva Prohacek (Senta Berger) dem Tod eines jungen Flüchtlings nach. Dabei stoßen die Kriminalrätin und ihr Kollege­ André Langner (Rudolf Krause) auf einen Menschenhändlerring – und schwere Versäumnisse bei der Polizei.

Krimi

Freitag, 10.11. | 20.15 Uhr

Bis 10. Dezember 2017 online verfügbar.

Kategorien: November 2017