GESELLSCHAFT, Reportage, Selbstoptimierung

MUSS PASSEN

Wir perfektionieren uns und unseren Alltag immer mehr – aber fertig werden wir nie. Über die Grenzen der Selbstoptimierung.

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Vor zehn Jahren gab es ein privates Leben, und wie man sich fühlte, darüber sprach man höchstens mit dem Arzt oder dem Therapeuten. Heute ist das Leben vieler Menschen voll in der Hand jener Daten über sie selbst, die sie anleiten, ein effizienteres, gesünderes, glücklicheres Leben zu führen. Wenn Sie ein Smartphone besitzen, fallen schon jede Menge Verhaltensdaten über Sie selbst an, zum Beispiel, ob Sie heute schon 10.000 Schritte gegangen oder eine genaue Zahl von Treppenstufen gestiegen sind. Das sagt Ihnen Ihr Gerät serienmäßig und ohne Rückfrage. Sobald Sie das aber wissen, wissen Sie, dass es da erstens eine Norm gibt (zum Beispiel 10.000) und zweitens eine Dauerprüfung, ob Sie dieser Norm genügen. Es gibt eine Menge Leute, die alle erdenklichen Daten über sich sammeln, um ihr Leben zu verbessern – tägliche Bewegung, verbrauchte Kalorien, Fettwerte, Gewicht, Schlaf­frequenz, Pulsschlag, Begegnungen, Kommunikation, Sexhäufigkeit, kurz: alles, was man so macht. Die Grundidee besteht darin, dass diese Daten helfen, alles zu verbessern.

Fatale Rückschau

Es gibt da zum Beispiel eine Mitarbeiterin von Microsoft, die einen schweren Fahrradunfall hatte, sich aber nicht erinnern konnte, wie es dazu gekommen war. Das, dachte sie, sollte ihr niemals wieder passieren; und seither führt sie eine Sensecam mit sich, die alles in ihrer Umgebung aufnimmt und speichert. Ich stelle mir vor, wie sich die Benutzerin die vergangenen Tage im Schnelldurchlauf anschaut und ständig über Dinge stolpert, die sie im wirklichen Leben nicht wahrgenommen hatte – ein unerschöpfliches Inventar nicht bemerkter Gefahren und liegen gelassener Möglichkeiten! Je mehr ich weiß, heißt das, desto mehr weiß ich, was ich nicht weiß! Ein folgenreicher psychologischer Mechanismus, der leicht ins Pathologische überschwappen kann. Denn die permanente Datenaufzeichnung verändert nicht nur die Selbstwahrnehmung, sondern auch die Maßstäbe des Genügens: Man nehme nur mal die Minute, die das Joggen derselben Strecke wie gestern heute länger gedauert hat. Oder das Zurückbleiben hinter den selbst- oder fremdgesetzten Normen beim Rudern auf dem Heimtrainer, beim Treppensteigen, beim Radfahren, beim Schwimmen. Krank? Gestresst? Schlecht geschlafen?
Das Problem bei Optimierung: Sie hat keine Obergrenze, man bleibt immer unter der Grenze des Möglichen. Der Körper wird zu einem endlosen Projekt der Verbesserung. Aber nicht nur der Körper. Längst gibt es Apps, die den eigenen Gefühlszustand messen. Psychologisch gesprochen handelt es sich bei all dem um eine gesteigerte Form von Selbstaufmerksamkeit, was im wirklichen Leben Anzeichen für eine Depression sein kann. Der Wunsch, Kontrolle über sein Leben zu gewinnen, schlägt in sein ­exaktes Gegenteil um: Denn wer so etwas benutzt, geht ja nicht mehr davon aus, dass sein Leben an sich ganz in Ordnung sei, sondern irgendwie mangelhaft. Und die Apps sind die Prothesen, mit denen dem Mangel beizukommen ist. Es folgt eine nicht abreißende Kette von Enttäuschungen über sich selbst. Ein großartiges Mittel, um Unglück zu erzeugen. Man macht sich krank, indem man besonders gesund sein will.

Grenzenlos wachsen

Das individuelle Unglück ist aber eine Chance für andere, denn mit den Selbst­optimierungsdaten lassen sich Gewinne optimieren: So finden Krankenkassen Selbstüberwachung großartig und hecken schon Tarifmodelle aus, die besonders „gesundes“ Verhalten belohnen. Arbeitgeber in Ländern mit lässigem Datenschutz nutzen die Apps längst, um die Performance ihrer Mitarbeiter­ zu messen. Und auch Behörden werden es – aus Gründen der Sicherheit, der Volksgesundheit oder überhaupt – sehr interessant finden, über solche Daten zu verfügen. Unsereins übergibt diese Informationen, und das sogar ganz freiwillig.
Hinter der Selbstoptimierung steckt die in das eigene Selbst eingepflanzte Idee vom grenzenlosen Wachstum, gleichsam wirtschaftliche Leitvorstellung, Glaubensbekenntnis von Politikern und Wirtschaftsweisen sowie Zivilreligion der Industrienationen. Das Selbst wird so zu einer permanenten Entwicklungsaufgabe. Und Zeit zur entscheidenden Kategorie: Mache ich genug aus mir? Was kann, was muss ich herausholen aus meiner Lebenszeit? Damit aber rennt man zwangsläufig am eigenen Leben vorbei. Oder besser gesagt: Man lebt eigentlich nur noch für andere.

Harald Welzer

RE: Fit für die Firma

„Re:“ erhält Einblicke in den stressvollen Arbeitsalltag eines global agierenden Unternehmens und den Druck der Mitarbeiter, sich ständig optimieren zu müssen.

Reportagenreihe

ab Freitag, 10.11. | 19.40 Uhr

Bis 12. Dezember 2017 online verfügbar.

Kategorien: November 2017