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DAS NEUE FLEISCH

Lange Zeit hatten Linsen keinen guten Ruf. Dabei sind sie besonders nahrhaft. Und werden als Mittel gegen den Welthunger gehandelt. Illustration: Lisa Rienermann.

Quelle: UN World Food Programme

Die Unbeliebtheit der Linse ist mindestens so alt wie das Alte Testament. Schon in der biblischen Erzählung nach Genesis galt die Hülsenfrucht als schlechte Alternative und Notlösung: Weil Esau so erschöpft von der Jagd heimkehrt, ist er bereit, seinem jüngeren Bruder Jakob sein Erstgeburtsrecht gegen einen Teller Linsen zu verkaufen. Ein mehr als schlechter Deal, wie sich in der Folge herausstellte. Lange Zeit galten Linsen auch in der Gegenwart als Arme-Leute-Essen und fanden ihren Weg auf den Teller lediglich über einfache Hausmannskost, etwa in Form von Suppen und Eintöpfen. Doch nun steigt ihr Ansehen. Und das nicht nur bei Vegetariern und Veganern, die sie als pflanzliche Proteinquelle schätzen.

Kleines Proteinpaket

Studien bescheinigen Linsen schon länger, dass sie besonders gesund sind: Sie senken nachweislich den Blutzuckerspiegel und sollen sogar Krebs vorbeugen. Mittlerweile werden die kleinen gelben, grünen oder roten Samen auch als Lösung für ein weit größeres Problem gehandelt. Denn vor allem wegen ihres hohen Eiweißgehalts könnten Linsen im Kampf gegen die weltweite Nahrungsunterversorgung eine entscheidende Rolle spielen. Rund 25 Prozent Protein enthalten sie im gekochten Zustand und damit mehr als die meisten anderen Hülsenfrüchte – nur Soja und Lupinen haben mehr. Eine Tatsache, die sie zur beliebten Alternative zu Fleisch und zu einem wichtigen Ernährungsbaustein macht. Allerdings ist dabei auch die biologische Wertigkeit des Eiweißes entscheidend – bei Fleisch liegt diese höher, obwohl es mit 20 Prozent Anteil weniger Protein enthält. Jedoch gehen Ernährungswissenschaftler mehr und mehr von der Gesamtwirkung einer Mahlzeit aus. So sind Linsen in vielen Regionen der Welt ein wesentlicher Bestandteil des Speiseplans, aber nicht allein. In Indien etwa werden die Hülsenfrüchte häufig in Form von Daal – einer Art Eintopf – gegessen. Zusammen mit dem dort üblichen Fladenbrot oder Reis eine ideale Kombination, die den Körper optimal versorgt und Fleisch so tatsächlich unnötig macht: Das Eiweiß wird gespalten, aus Getreide und Linsen werden die lebenswichtigen Aminosäuren gewonnen. In Asien, dem Kontinent mit der meisten Armut und Unterernährung, könnte das besonders helfen: Vier der zehn Länder, in denen Fleisch am teuersten ist, liegen laut dem Fleischpreisindex 2017, einer Studie von Caterwings, in Asien.
Dass die Linse mittlerweile als ein Mittel gegen Unter- und Mangelernährung gehandelt wird, zeigt die ARTE-Dokumentation „Linsen: Das Rezept gegen den Welthunger“. Vor allem dem sogenannten verborgenen Hunger – der Unterversorgung mit Nährstoffen – soll sie entgegenwirken: Denn auch wer sich satt isst, kann unterernährt sein, wenn er die falschen Lebensmittel zu sich nimmt. Beinahe jeder dritte Mensch leidet an einer Unterversorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen. Die Folgen: Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Erschöpfung oder größere Anfälligkeit für Infekte.
Die Linse hat anderen Pflanzensorten gegenüber einen weiteren entscheidenden Vorteil: Sie wächst auch in sehr trockenen Regionen. Gerade dort hat der Anbau eine lange Tradition. Im Nahen Osten begannen die Menschen bereits im Jahr 6.000 vor Christus mit der Kultivierung der Hülsenfrucht. Von dort aus verbreitete sie sich schnell Richtung Ägypten, nach Mitteleuropa und später auch nach Indien und in den Mittelmeerraum. Heute steht dem eine extrem automatisierte Herstellung entgegen.
Um dem Welthunger den Kampf ansagen zu können, müssen jedoch moderne Methoden entwickelt werden, die für Kleinbauern nutzbar und erschwinglich sind. Weltweit arbeiten Forscher an ertragreichen Sorten und solchen, die gegen die Linsenkrankheit Rost resistent sind, die komplette Ernten zerstören kann.
Das International Center for Agricultural Research in the Dry Areas (ICARDA) etwa stellt Kleinbauern in den von Hunger betroffenen Regionen krankheitsresistente Linsensorten zur Verfügung, die zudem in die Anbaureihenfolge passen. Mit den neuen Sorten, die mehr Eisen und Zink enthalten, können nationale Agrar­forschungsinstitute auf örtlichen Versuchsfeldern experimentieren und die Linsen so als alternative Nutzpflanze etablieren. Finanziert über einen Fonds der größten Industrienationen hat ICARDA
als gemeinnützige Organisation das internationale Mandat zur Erforschung und Verbesserung von Nutzpflanzen in den Trockenregionen.

Linsenkönig Kanada

Organisationen wie die ICARDA stellen sich der Frage, wie der steigende Bedarf an Linsen gedeckt werden kann. Denn die meisten Samen wachsen nicht in den bevölkerunsgreichen Regionen, wo sie am nötigsten gebraucht werden, sondern in Ländern mit industrieller Produktion. In Kanada etwa wird die Pflanze kaum gegessen, doch mehr als die Hälfte aller Linsen, die weltweit gehandelt werden, stammen aus der Provinz Saskatchewan. An der örtlichen Universität gibt es gar einen eigenen Lehrstuhl für Linsen. Die gigantische Menge von 3,2 Millionen Tonnen wird durch den gezielten Einsatz von Chemikalien gewonnen, die für sogenannte „Clear Fields“ sorgen: Auf diesen Feldern werden großflächig Vernichtungsmittel eingesetzt, die Unkraut und Schädlige abtöten, den Linsen aber nicht schaden sollen. Die Kleinbauern in ärmeren Regionen wehren sich zwar mit ökologischen Gegenentwürfen, gründen Biofarmen. Doch sie können die derzeitige Nachfrage nicht bedienen, geschweige denn eine steigende. Die Versorgungs­lücke in Ländern, die auf Linsen als kostbare Proteinquelle angewiesen sind, vergrößert sich dadurch stetig.

Helena Düll

ARTE Highlight: Linsen: Das Rezept gegen den ­Welthunger

Kleine Pflanzen – große Hoffnung: Linsen könnten die Rettung im Kampf gegen den Welthunger sein. Doch dort, wo sie am dringendsten gebraucht werden, wird die Versorgung immer schwieriger.

Gesellschaftsdoku

Samstag, 4.11. | 22.00 Uhr

Bis 3. Januar 2018 online verfügbar.

Kategorien: November 2017