Oktoberrevolution, Romanow, russische revolution

NEUE WELTORDNUNG

„Wenn wir dereinst im Weltmaßstab gesiegt haben, dann werden wir in den Straßen (…) der Welt öffentliche Bedürfnisanstalten aus Gold bauen.“

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Wenn wir dereinst im Weltmaßstab gesiegt haben, dann werden wir“, so schrieb ein zukunftsgewisser Wladimir Iljitsch Lenin im Jahr 1921, „in den Straßen (…) der Welt öffentliche Bedürfnisanstalten aus Gold bauen.“ Nun ist die Weltrevolution bekanntlich aus­geblieben und die Ereignisse des Jahres 1917 waren nicht der alles entflammende Zündfunke, sondern lediglich einer von zahlreichen Rissen, die das Ordnungsgefüge der Welt des 19. Jahr­hunderts zum Einstürzen brachten.

Statt auf ein Einzelereignis blicken die Historiker zunehmend auf das Panorama einer Zeit fundamentalen globalen Wandels.Auslöser ist das weltweite Schlachten während des Ersten Weltkriegs: Massen­mobili­sierung, Kriegswirtschaft, Mangel, 16 Millionen Tote und ungleich mehr Versehrte haben die Gesellschaften vieler Länder von Grund auf verändert. Die traumatischen Erfahrungen an den Fronten und in der Heimat sowie die Unfähigkeit ziviler und militärischer Eliten, das entfesselte Grauen zu kontrollieren, führen bereits ab 1916 in vielen Staaten der Welt zu rapidem Legitimitätsverlust. Das gewaltige Vakuum sucht nicht nur die kommunistische Revolution von 1917 zu füllen, sondern zeitgleich der amerikanische Präsident ­Woodrow ­Wilson mit seinen Ideen einer neuen liberal-demokratischen Weltordnung. Sein Friedenskonzpt auf der Grundlage der Selbst­bestimmung der Nationen weckt Hoffnungen auf der ganzen Welt – nicht zuletzt bei den Völkern, die unter dem Joch kolonialer Herrschaft leiden. Der vietnamesische Freiheitskämpfer Hô Chí Minh versucht ver­geblich, bei Wilson in Versailles eine Audienz zu bekommen.

Ein utopischer Moment

In Indien setzt Mahatma ­Gandhi auf Hungerstreik und gewaltlosen Wider­stand gegen das britische Kolonialregime. Beide sind Teil einer breiten historischen Strö­mung, die der Historiker ­Erez ­Manela den „Wilsonian Moment“ nennt. Mit dem Ende des Zarenreiches stürzen drei weitere Imperien: das Deutsche Reich, das Kaiser­reich Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich. Dabei konkurrieren im Mittleren Osten Hoffnungen einerseits auf die Gründung einer unabhängigen arabischen Monarchie und andererseits auf die Entstehung eines Staates für jüdische Siedler mit den Am­bitionen der Weltmächte.

Es ist ein Weltenbeben, nicht nur ein russisch-kommunistisches. Die Dynamik des Wandels ergreift dabei nicht nur Gesellschaft und Politik, sondern auch Kunst und Kultur durchleben einen utopischen Moment. Oder wie der Berliner Architekt ­Walter ­Gropius sagte: „Nach dem Krieg dämmerte mir (…), mit dem ­alten Krempel war es vorbei.“

Daniel Schönpflug
Autor, „Kometenjahre 1918: Die Welt im Aufbruch“

ARTE Schwerpunkt

Russland – Revolution und Revolten: Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution beleuchtet
ARTE den Umsturz und seine Folgen aus historischer, kultureller und gesellschaftlicher Perspek­tive. Der Schwerpunkt wird am 25., 28. und 31. Oktober im Abendprogramm von ARTE aus­gestrahlt. Weitere Sendungen im November.
arte.tv/russland

Der Untergang der Romanows, 28.10., 20.15 Uhr

Glanz und Elend deutscher Zarinnen, 28.10., 21.40 Uhr
bis 3.11. auf arte.tv verfügbar

Kategorien: Oktober 2017