Ampeln, Sabine Klüber, TYPISCH FRANKREICH

DIE AMPEL-ANARCHOS

Bei Rot stehen, bei Grün gehen. Diese Verkehrsregel gilt auch in Frankreich. Dort wird sie jedoch frei ausgelegt. Und das ist sogar ansteckend.

© Martin Haake

Wer als Kind bei einer Dummheit erwischt wird, vergisst das selten. So weiß auch ich noch ganz genau, wie ich im Alter von neun Jahren einmal eine Straße bei Rot überquerte und auf der anderen Seite ein Polizist mit finsterer Miene und erhobenem Zeigefinger auf mich wartete. Ihm musste ich hoch und heilig versprechen, in Zukunft stets bei Rot zu stehen und erst bei Grün zu gehen, und natürlich hielt ich mich seither stets daran – bis ich vor acht Jahren nach Frankreich zog.

Hier stellte ich schnell fest, dass französische Fußgänger die Rot-Grün-Regel deutlich seltener befolgen, als ich es aus Deutschland gewöhnt war. Zudem handelt es sich bei diesen Abweichlern keineswegs nur um aufmüpfige Teenager oder unwissende Kinder: Die Omi mit Krückstock überläuft das Haltesignal ebenso freimütig wie der Familienvater mit Kinderwagen – vorausgesetzt natürlich, die Straße ist frei.

Vor Kurzem wurde diese persönliche Beobachtung sogar wissenschaftlich bewiesen: Die britische Royal Society untersuchte Anfang des Jahres drei Fußgängerüberwege mit Ampeln in Straßburg und vier im japanischen Nagoya. Etwa 5.000 Übergänge wurden im Experiment gefilmt und ausgewertet. Ergebnis: 41,9 Prozent der französischen Fußgänger ignorierten das rote Haltesignal.

Zum Vergleich: In Japan waren es gerade mal 2,1 Prozent. Rebellen- oder Mitläufertum? Schwer zu sagen. Die Wissenschaftler fanden jedenfalls heraus, dass sich in Straßburg deutlich mehr Fußgänger von ihren Landsleuten zum rebellischen Verhalten verleiten ließen. Doppelt so häufig wie in Japan liefen in Frankreich Fußgänger der Person hinterher, die die rote Ampel als Erste ignorierte.

Zu diesen Mitläufern gehöre übrigens auch ich. Mittlerweile überlaufe ich fast jede rote Fußgängerampel, was mir bei Besuchen in Deutschland schon einigen Ärger eingehandelt hat. Anders in meiner neuen Heimat. Hier schaut die Polizei bei solch kleineren Vergehen oft großzügig weg. Vielleicht, weil sie bei der Vielzahl der Übertritte mit dem Verwarnen und Bestrafen kaum nachkäme. Vielleicht aber auch, weil sie sie insgeheim gutheißt. Warum nicht die Augen öffnen, aufmerksam den Straßenverkehr beobachten und dann entscheiden, ob man dem roten Ampelmann gehorcht?

Die Royal Society erklärt das rebellische Verhalten übrigens mit mangelnder Disziplin. Ich würde eher von einer eigenverantwortlichen und, sagen wir, kreativen Auslegung der Straßenverkehrsordnung sprechen.

Zur Autorin: Sabine Klüber
Die Journalistin lebt seit 2009 mit französischem Mann und zwei Töchtern in Straßburg.

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Kategorien: Oktober 2017