Essay, Oper, Staatsoper Berlin Unter den Linden, Ursula Baus

OPER FÜR ALLE

Die Staatsoper Unter den Linden in Berlin öffnet nach sieben Jahren Sanierung wieder ihre Türen. Architekturkritikerin Ursula Baus war vor Ort.

Illustration © Silke Werzinger für Arte Magazin

Es war in glücklichen Tagen in Rheinsberg, als Kronprinz Friedrich um 1740 mit dem Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff an der Prachtstraße Unter den Linden das Ensemble „Forum Fridericianum“ plante. 1740 – er hatte gerade den Thron bestiegen – gab Friedrich das Opernhaus in Auftrag. Als langer Quader mit elegantem Portikus und drei großen Sälen würde man heute von einem multifunktionalen Veranstaltungszentrum sprechen. Schon 1850 brannte es bis auf die Grundmauern nieder, es folgten weitere Zerstörungen, zuletzt im Februar 1945. Heute dürfte kaum etwas der Bausubstanz aus der Ursprungszeit stammen, was Laien dem Gebäude nicht ansehen.

Bemerkenswert für alle Wiederaufbaukonzepte ist, dass die äußere Erscheinungsform immer erhalten bleiben sollte, die Struktur der Innenräume aber grundlegend verändert und von den amtierenden Dirigenten beeinflusst worden ist. Der Architekt Richard Paulick entschied Anfang der 1950er Jahre die völlige Entkernung und entwarf die noch heute erkennbare Grundstruktur der Staatsoper mit einer atmosphärischen Hommage an Knobelsdorff. Wenn nun am 3. Oktober die neue, alte Staatsoper mit Robert Schumanns „Faust-Szenen“ eröffnet wird, offenbart sich ein Haus, das Erinnerungen an seine ersten Architekten weckt, aber in seiner Saalkubatur den Klangvorstellungen von Musikdirektor Daniel Barenboim folgt.

Dem Nachhall gehuldigt

Wie in den 1980er Jahren die Museumsbauten sprießen derzeit neue Opern- und Konzerthäuser aus dem Boden. In Oslo oder Reykjavik, Baku oder Singapur, Porto oder Kansas City, Graz oder Hamburg: Man kann von einem regelrechten Boom sprechen, dem hierzulande groß angelegte Sanierungen in Frankfurt und Stuttgart oder spektakuläre Neubauten in München folgen werden. Saisonal genutzten Häusern wie Bayreuth und Glyndeborne laufen sie kaum den Rang ab. Zudem stehen manche in einer stadträumlichen, skulpturalen Tradition, wie wir sie vom Opernhaus in Sydney, der Philharmonie in Berlin bis zur neuen Elbphilharmonie kennen.

Immer krasser rückt eine Technik-Euphorie in den Vordergrund. Akustische Verhältnisse werden mit steigendem Aufwand optimiert, man huldigt dem Nachhall, der in der Staatsoper bislang bei 1,1 Sekunden lag und nun bei 1,6 Sekunden enden soll. Erheblich beeinflussen Akustiker Geometrie und Wandtexturen, prägende Elemente wie Segel und Trichter. Zudem werden Opernhäuser bühnentechnisch aufgerüstet: Gewaltige Dreh- und Kreuzbühnen, Licht- und Tontechnik avancieren zu einer Sparte des Maschinenbaus. Dabei müssen auf allen 1.368 Plätzen beste Sichtverhältnisse herrschen.

„Die Veränderung des Saals zog dramatische Konsequenzen nach sich“

Auf Barenboims Wunsch sollten der Saal um rund fünf Meter erhöht und die Probeverhältnisse verbessert werden. Die Saalveränderung zog dramatische Konsequenzen für die Proportionen und das vom Denkmalschutz verteidigte Interieur mit Ornamenten, Figuren und auch sozialgeschichtlich wichtigen Rängen und Logen nach sich. Von den statischen Problemen ganz zu schweigen. All das mussten die Architekten und Ingenieure in eine funktional schlüssige und gestalterisch raffinierte Einheit bringen.

Der Stuttgarter Architekt HG Merz bewies schon beim Sanieren der Alten Nationalgalerie, dass vieles mit unspektakulärer Souveränität weitergebaut werden kann. Dazu fällt in der Staatsoper jetzt die Zone auf, die sich im Zuschauersaal durch die fünf Meter höher aufgelagerte Decke ergab. Sie entstand mit einem an Richard Paulicks Ornamentik angelehnten rautenförmigen Netz aus Keramik, hinter dem sich viele schall- und bühnentechnische Raffinessen verbergen. Zudem suggeriert sie mit einem Trompe-l’Œil-Effekt – modernes Rokoko – die für den Saal eminent wichtige Wölbung.

Musik im Moment

Anders als im Museum, wo ein Original wie die „Mona Lisa“ in der Regel nicht verloren geht, entsteht Musik im Moment ihrer Aufführung. So stellt sich die Frage, ob Konzert- und Opernbesucher wegen bester Hör- und Sichtverhältnisse kommen oder das einzigartige, unmittelbare Erleben von Pianisten und Sängerinnen, Dirigenten und Geigerinnen den Ausschlag gibt. Vorbei sind zwar die Opernskandale, die in Fausthieben mit gerichtlichem Nachspiel endeten. Aber die Freude an Musik, die sich aller heutigen Aufzeichnungsbrillanz zum Trotz nur im Aufführungsmoment erschließt, feiert fröhliche Urständ.

Zur Person: Ursula Baus
Baus, 1959 in Kaiserslautern geboren, studierte Kunstgeschichte und Philosophie in Saarbrücken, Architektur in Stuttgart und Paris, bevor sie promovierte. Heute ist sie als Architekturkritikerin und Redakteurin tätig.

ARTE Highlight: Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden

Große Einweihung: Mit zwei Ausstrahlungen feiert ARTE die Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden in Berlin.

Staatsoper für alle

Konzert, 1. Oktober, 17.40 Uhr

bis 31. Oktober online verfügbar

Festakt zur Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden

Konzert, 3. Oktober, 21.05 Uhr

bis 1. Januar online verfügbar

Kategorien: Oktober 2017