David Helfgott

„MEIN MANN IST WIE EIN KIND, DAS KEINE REGELN KENNT“

Seit dem Film „Shine“ ist David Helfgott als genialer Pianist und besonderer Künstler weltberühmt. Ein Gepräch mit der Liebe seines Lebens, seiner Frau Gillian.

Gillian und David Helfgott mit ARTE-Magazin-Redakteurin Lydia Evers (r.)

Wir treffen David und Gillian Helfgott auf dem Wasserschloss Lohrbach östlich von Heidelberg. Hier lebt das Ehepaar, wenn es eine Auszeit braucht oder längere Zeit in Deutschland ist. David nimmt gleich zu Beginn des Gesprächs am Klavier Platz und beginnt, zu spielen.

ARTE Magazin: Wie sind Sie auf das Wasserschloss Lohrbach gekommen? Warum haben Sie sich hier niedergelassen?

Gillian Helfgott: Wir haben es im Internet gefunden. Wir waren auf der Suche nach einem ruhigen Ort, an dem wir zwischen den Konzerten Zeit verbringen können. Es hat uns direkt gefallen, es ist ungewöhnlich, wunderschön. Sie müssen sich auf jeden Fall das Bad ansehen, bevor Sie gehen.

Sind Sie manchmal gestresst vom Unterwegssein?

Ja. Nächstes Jahr nehmen wir eine kleine Auszeit. Aber wenn Sie David fragen, er wird Ihnen antworten: Mein Lieblingsort ist immer dort, wo ich jetzt gerade bin.

Denkt er nicht darüber nach, sich zur Ruhe zu setzen und in Rente zu gehen?

Nein. Er wird spielen, bis er tot umfällt. Seine Lehrerin hat an ihrem 100. Geburtstag ein Konzert gegeben. Viele Pianisten sind so, sie werden einfach niemals aufhören. David ist schon in 34 Ländern aufgetreten, außer in der Antarktis hat er auf jedem Kontinent gespielt.

„Er hatte so viele schreckliche Jahre“

Ihr Mann hatte eine sehr schwierige Zeit in seinem Leben.

Ja, die hatte er wirklich.

Im Dokumentarfilm wird davon gesprochen, dass er seine innere Musik wiedergefunden hat. Das ist eine schöne Art, das auszudrücken.

Ich kann mich genau daran erinnern, als er seine innere Musik wiederfand und sich der Nebel lichtete. Er hatte so viele schreckliche Jahre. Aber er hegt keinen Groll. Er hatte eine schwierige Beziehung zu seinem Vater, viele Dinge, an denen er arbeiten musste. Aber seine Mutter war wie er: Sie hatte ein schweres Leben, doch verurteilte niemanden. Das hat auch ihm geholfen. Heute führen wir so ein schönes Leben. Wir sind so dankbar, dass er in all den großen Konzerthäusern auftreten kann. Das ist so schön zu sehen.

Was ist für Sie beide heute am wichtigsten?

Davids Musik. Das ist seine Liebe, seine große Leidenschaft. Auch die Nähe zur Natur. Zuhause haben wir einen riesigen Garten, in dem wir sehr gerne Zeit verbringen.

Hatten Sie eine Verbindung zu Musik, bevor Sie David kennenlernten?

Meine Mutter war sehr musikalisch. Sie nahm mich mit, als das Russische Ballett 1936 nach Australien kam. In meiner Erziehung haben die Künste und speziell die Musik schon eine große Rolle gespielt. Das hat mir geholfen, als ich David kennenlernte. Ich spiele zwar kein Instrument, kann auch keine Noten lesen. Aber ich höre gut zu. Mit sehr viel Freude.

„Wir hatten Angst, dass er die Queen umarmt“

Im Dokumentarfilm sprechen Sie darüber, dass David beim Spielen manchmal ganz vergisst, was er tut.

Das ist nicht ganz richtig. Er weiß, was er tut, er kennt die Noten. Aber er lebt die Musik und denkt nicht ständig daran, dass er diesen und jenen Part besonders gut hinbekommen muss. Er ist manchmal wie ein Kind, das noch keine Regeln kennt und das deshalb genau das leben kann, was es gerade tut. Er ist unkontrolliert. Das kann einem auch Sorgen machen, wie damals, als wir die Queen trafen.

Was passierte da?

Rechts und links von ihm standen zwei Freunde von uns, um zu verhindern, dass er sie zur Begrüßung umarmt. Dazu ist es glücklicherweise nicht gekommen. Anders als bei Bill Clinton. Den hat er fest umarmt und auf die Wange geküsst.

Gibt es auch Ruhe in Ihrem Leben?

Nicht viel. Er hat immer das Radio laufen, Klassikradio natürlich. Jetzt wenigstens nicht mehr nachts – 25 Jahre lief es wirklich Tag und Nacht. Und er redet wirklich den ganzen Tag, er denkt laut. Ruhige Zeit für mich allein ist selten. Aber dann war ich vor einigen Monaten ein paar Tage bei meinem Sohn in Melbourne. Und wissen Sie was? Ich vermisse ihn und all den Rummel, es fühlt sich einfach nur leer an.

Das Gespräch führte Lydia Evers

Hello I am David

Seit der „Oscar“-prämierte Film „Shine“ seine Geschichte erzählte, ist David Helfgott weltberühmt: eine einzigartige Künstlerpersönlichkeit, dessen Wunderkind-Karriere nach einem Nervenzusammenbruch zu Ende schien und der sich durch die heilende Kraft der Musik und seine große Liebe Gillian ins Leben und auf die Konzertbühne zurückkämpfte.

Sonntag, 8. Oktober, 23.15 Uhr

Kategorien: Oktober 2017