Apnoetauchen, Jacques Mayol

JACQUES MAYOL: RAUSCH DER TIEFE

Er suchte maximale Tiefe, mutete sich Extreme­ zu. Im Freitauchen gilt ­Jacques Mayol als Legende. Weil er Körper und Geist vereinte.

Jacques Mayol war von Delfinen fasziniert Arte © Junji Takasago

„Der Mensch ist dem Wasser viel näher, als wir bisher angenommen haben.“ Während Jacques­ Mayol­ 1981 diese Worte sagt, sitzt er auf einem Boot im Mittelmeer, kurz vor Marseille. Über Jahre ging der französische Taucher auf und im Wasser zusammen mit Forschern der Frage nach, wie tief ein Mensch ohne Hilfsmittel tauchen kann. Er selbst hatte es 1976 auf mehr als 100 Meter mit nur einem Atemzug geschafft – und damit einen neuen Weltrekord im Freitauchen aufgestellt.

Mayol gilt bis heute als Koryphäe im Apnoe­tauchen – wobei „apnoe“ auf das griechische Wort für „Atemlosigkeit“ zurück geht. Das Leben des Tauchers sowie dessen Konkurrenzkampf mit dem Italiener Enzo Maiorca waren Inspiration­ für Luc Bessons Kultfilm „Im Rausch der Tiefe“ (1988). Spätestens durch dieses Denkmal wurden Mayol,­ Maiorca und ihre gefährliche Sportart einer breiten Masse bekannt.

Gefährlicher Kick

Gefährlich ist Freitauchen in erster Linie wegen des Drucks, der beim Hinab­gleiten in den Ozean Meter für Meter steigt. Vor allem das Auftauchen belastet den Körper extrem. „In 100 Metern Tiefe ist die Lunge sieben Mal kleiner als im Normalzustand“, erklärt der italienische Apnoe­taucher Umberto­ ­Pelizzari, der Mayol und Maiorca kannte. Selbst bei geübten Tauchern kann es, etwa durch Lungenüberdehnung beim Auftauchen, zu Bewusstlosigkeit kommen, zum Schlaganfall oder zum Tod.

Trotzdem oder gerade wegen dieses Kicks suchen Jahr für Jahr weltweit Taucher die Herausforderung in den Tiefen der Meere. Es gilt, dem Druck durch gelernte Techniken standzuhalten. Zu spüren, wie der sogenannte Tauchreflex einsetzt, der bewirkt, dass die Herz­frequenz von 80 bis 90 Schlägen pro Minute auf zwölf bis 13 sinkt. So schaltet der Körper inmitten der Dunkelheit des Meeres in den Energiesparmodus. „Für meinen Vater und auch für mich bedeutete Freitauchen schon immer die absolute Freiheit für Körper und Geist“, erzählt Mayols Sohn Jean-Jacques,­ der heute ein Tauch­zentrum auf Elba leitet.

Von Delfinen gelernt

Dass der Geist beim Freitauchen eine wichtige Rolle spielt, begriff Jacques ­Mayol als Erster. Der Franzose, der in China aufgewachsen ist, verbrachte mit seinen Eltern viele Sommer in Japan, wo er von einheimischen Tauchern lernte, lange unter Wasser zu bleiben. Mit sieben Jahren sah er zum ersten Mal Delfine und war seither fasziniert von den Meeressäugern. Später hält er fest: „Der Delfin ist wie du und ich. Er atmet ein, bevor er eintaucht, und hält seinen Atem an.“

Er verstand es bald, mit Delfinen zu schwimmen, und arbeitete in den 1950er Jahren in Miami im „Seaquarium“. Dort tauchte er mit den verspielten Tieren, unter ihnen Delfin „Clown“: „Von ihm lernte mein Vater, unter Wasser still zu bleiben, sowohl mit seinem Körper als auch in seinen Gedanken“, erzählt sein Sohn.

Ein neuer Weltrekord

Mayol begann, neben körperlichem Training, Techniken der Yoga-Art „Pranayama“ zu lernen, um seine Atmung zu kontrollieren und den Körper in völlige Entspannung zu bringen. Das ermöglichte es ihm, minutenlang unter Wasser zu bleiben. „Mayol wusste, wie wichtig mentale Trainingstechniken für das Freitauchen sind“, sagt ­Umberto ­Pelizzari heute. „Er war der Erste, der Yoga ins Apnoetauchen eingeführt hat. Maiorca hat sich eher physisch vorbereitet.“

Als Jacques Mayol zum Star der Freitaucher wurde, war Enzo Maiorca­ bereits bekannt in dieser Disziplin. Mayol­ arbeitete hartnäckig daran, alle von ­Maiorca ­aufgestellten Rekorde zu brechen. 1968 gelang ihm zunächst die 70-­Meter-­Marke. Doch damit war er nicht am Ende. ­Mayol begann, Forscher um sich zu sammeln, die seine Tauchgänge wie Experimente begutachteten. Er perfektionierte sich, wurde eins mit dem Meer. Und schaffte es schließlich am 23. November 1976 vor Elba, mehr als 100 Meter tief zu tauchen. Ein neuer Weltrekord. Eine Sensation.

„No Limit“

Mayol wurde zum Medienstar und zum Vorbild vieler Apnoetaucher. Heute gibt es neun Disziplinen, die schwierigste: „No Limit“. Der Taucher wird dabei mit einem Metallschlitten in die Tiefe gezogen, mit einem Ballon kommt er zurück nach oben. Der Druckausgleich bei dieser Disziplin ist hochriskant. Als der Wiener Herbert Nitsch 2012 versuchte, den von ihm aufgestellten, aktuellen „No Limit“-Welt­rekord von 214 Metern zu brechen, erlitt er mehrere Schlaganfälle. Unter den Frauen kam die US-Amerikanerin Tanya Streeter am tiefsten: 160 Meter schaffte sie es im Jahr 2002.

Die Jagd nach dem Erfolg verbunden­ mit der Faszination für die Tiefe – für Mayol­ war das bezeichnend. Doch dann kam die Depression. 1968 wurde er gefragt, wie lange er noch tauchen möchte:­ „So lange es noch alte Delfine gibt, die mich begleiten.“ 2001 nahm er sich in seinem Haus auf Elba das Leben. Der Taucherwelt wird er im Gedächtnis bleiben – als der „Delfin-Mann“.

ARTE Highlight: Jacques Mayol, Dolphin Man: Mit einem Atemzug in die Tiefe

Porträt

Familie, Freunde, Lehrmeister und Schüler zeichnen ein persönliches Bild des berühmten Apnoetauchers.

Samstag, 30. September, 20.15 Uhr

Bis 30.11 online verfügbar.

Kategorien: September 2017