Ken Burns, Vietnam, Vietnamkrieg

REINE IGNORANZ

Der Dokumentarfilmer Ken Burns kritisiert den Umgang der heutigen USA mit dem Vietnamkrieg. ARTE zeigt nun seine Dokureihe „Vietnam“.

Helikopterflug über das Mekongdelta (1963) ©René Burri/Magnum Photos

Wer nichts aus der Vergangenheit lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. So formulierte es der Philosoph George Santayana vor mehr als 100 Jahren. Der Vietnamkrieg ist ein solches Kapitel der Geschichte, aus dem niemand irgendeine Lehre gezogen zu haben scheint.

Eigentlich hätten die Amerikaner bereits von den Erfahrungen der Franzosen in Indochina lernen können: Deren Kolonialherrschaft scheiterte nicht zuletzt dank der hartnäckigen Guerilla-Gegenwehr der Besetzten. Stattdessen mischten sich die Amerikaner ab den 1950er Jahren blindwütig in einen innervietnamesischen Konflikt ein, was mehrere Millionen Tote zur Folge hatte. Das Epos des Kriegs berührt die Intimität und immer auch den „unbeteiligten“ Rest: Der Vietnamkonflikt zeigte, wie sich die mächtigste Zerstörungsmaschinerie der Welt in Gang setzte, er markierte das Ende des Kolonialismus, er bereitete den Höhepunkt des Kalten Kriegs vor.

Fragen, die die Gesellschaft spalten

Heute herrscht in den USA eine spürbare Ignoranz, wenn es um den Vietnamkrieg geht. Das Thema wird noch immer behandelt, als hätten wir Amerikaner nichts damit zu tun. Drei Länder waren in diesen Krieg involviert: die USA, Nordvietnam und Südvietnam. Und eines der drei Länder existiert heute nicht mehr. Zu wissen, ob dieser Krieg gerechtfertigt war oder nicht, ob sein furchtbarer menschlicher Preis es wert war, sind bis heute Fragen, die die amerikanische Gesellschaft spalten – ebenso wie die vietnamesische.

In unserer heutigen digitalisierten Welt, in der alles binär und manichäisch scheint, zeigen diese Beobachtungen, dass die Wahrheit und ihr Gegensatz beide zum selben Moment richtig sein können. Ist es mutig, in den Krieg zu ziehen? Oder ist mutig, wer sich dagegen widersetzt? Am Ende kann beides zutreffen. So lassen sich während des Vietnamkriegs, insbesondere zu seinem Höhepunkt 1967, in den Archiven viele Hinweise finden, dass auch die Befehlshaber und politischen Entscheider diese Fragen stellten. Dennoch scheint es, dass wir zu wenig aus der Vergangenheit lernen. Erst ein echter, bewusster Entwicklungsschub unseres Menschseins kann diese Veränderung bringen, nicht die Erfahrung allein. Es ist wohl so, wie Mark Twain sagte: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“

Zur Person

Ken Burns ist ein US-amerikanischer Dokumentarfilmer. Zusammen mit Regisseurin Lynn Novick arbeitete er sechs Jahre lang an einer Dokureihe über den Vietnamkrieg, die längste militärische Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts.

Vietnam

2017 jährt sich das Ende des Vietnamkriegs zum 42. Mal. Die neunteilige Dokumentarfilm-Serie von Ken Burns und Lynn Novick erzählt die Geschichte des Vietnamkriegs (1955-1975) so umfassend und detailliert wie nie zuvor. Sie lässt rund 80 Zeitzeugen zu Wort kommen, darunter zahlreiche Amerikaner und Vietnamesen, die in dem Krieg kämpften, aber auch Vietnamkriegsgegner und Zivilisten der Verlierer- und Gewinnerseite. Sechs Jahre lang dauerten die Dreharbeiten für die Serie, die dem Zuschauer die längste militärische Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts lebendig vor Augen führt.

Ab Dienstag, 19. September, 20.15 Uhr

Kategorien: September 2017